Krieg in Europa ist keine Hysterie

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Der russische Präsident Wladimir Putin gestikuliert bei der Pressekonferenz im Anschluss an das Gespräch mit dem ukrainischen Präsident Petro Poroschenko in Minsk, Belarus, Mittwoch, 27. August 2014. (Foto: Alexander Zemlianichenko/AP)

applebaum

Von Anne Applebaum – The Washington Post – 29. August 2014
Übersetzung von Voices of Ukraine

 

Putin ist in die Ukraine einmarschiert. Ist es hysterisch, sich auf einen totalen Krieg mit Russland vorzubereiten? Oder ist es naiv, das nicht zu tun?

Warschau, Polen – Immer und immer wieder, gefühlt durch mein gesamtes erwachsenes Leben, hat man mir polnische Bilder aus dem herrlichen Sommer von 1939 gezeigt: Kinder, die in der Sonne spielen, die modebewussten Frauen in den Straßen von Krakau. Ich sah das Bild einer Hochzeitsgesellschaft im Juni 1939 im Garten des polnischen Hauses, das heute mir gehört. All diese Bilder transportieren eine Atmosphäre von drohendem Unheil, denn wir alle wissen, was als Nächstes passierte. Im September brachten Invasionen, sowohl aus dem Westen [Anm. d. Übers.: Nazi-Deutschland, 1. September 1939], als auch aus dem Osten [Anm. d. Übers.: Sowjetunion, 17. September], Chaos, Zerstörung, Völkermord. Die meisten Leute, die an der Hochzeit in diesem Juni teilnahmen, waren bald darauf tot oder im Exil. Niemand von ihnen kehrte je in dieses Haus zurück.

In den vergangenen Tagen marschierten russische Truppen, die die Fahne eines bislang unbekannten Landes, Noworossija trugen, über die Grenze zur südöstlichen Ukraine.

Im Rückblick erscheinen alle von ihnen naiv. Anstatt Hochzeiten zu feiern, hätten sie besser alles fallen gelassen, mit der Mobilmachung begonnen und sich auf den Totalen Krieg vorbereitet, als das noch möglich war? Sollten die Ukrainer im Sommer 2014 nicht dasselbe tun? Und sollten sich die Mitteleuropäer ihnen anschließen?

Ich nehme wahr, daß diese Frage für amerikanische und westeuropäische Leser hysterisch und schwachsinnig apokalyptisch klingt. Doch hört mir zu, denn das ist eine Konversation, wie sie viele Leute in der östlichen Hälfte von Europa soeben führen. In den vergangenen Tagen marschierten russische Truppen, die die Fahne eines bislang unbekannten Landes, Noworossija trugen, über die Grenze zur südöstlichen Ukraine. Die russische Akademie der Wissenschaften kündigte unlängst an, in diesem Herbst eine Geschichte von Noworossija zu veröffentlichen, die vermutlich dessen Geschichte bis zu Katharina der Großen zurückführt. Es wird gesagt, daß viele Landkarten von Noworossija in Moskau zirkulieren. Einige schließen Charkiw und Dnipropetrowsk ein, Städte, die immer noch hunderte Meilen von der Kampfzone entfernt sind. Einige plazieren Noworossija an die Küste, so dass es Russland mit der Krim und, schlussendlich, mit Transnistrien, der russisch-okkupierten Provinz von Moldawien verbindet. Sogar, wenn Noworossija als nicht-anerkannter Rumpfstaat startet – wie die „Staaten“ Abchasien und Südossetien, die Russland aus Georgien heraustranchiert hat – kann es über die Zeit wachsen.

Russische Soldaten werden diesen Staat erschaffen müssen – wie viele, das hängt davon ab, wie hart die Ukraine kämpft und wer ihr hilft, doch letztendlich wird Russland mehr als Soldaten benötigen, um das Territorium zu halten. Noworossija wird nicht stabil sein, solange es von Ukrainern bewohnt wird, die Ukrainer bleiben wollen. Doch auch dafür gibt es eine vertraute Lösung: Vor einigen Tagen gab Alexander Dugin, ein nationalistischer Extremist, dessen Ansichten halfen, jene des russischen Präsidenten zu formen, eine außergewöhnliche Erklärung ab: „Die Ukraine muss von Idioten gesäubert werden,“ schrieb er – und rief nach einem „Genozid“ an dieser „Rasse von Bastarden“.

Doch wird es schwierig werden, Noworossija am Leben zu erhalten, wenn es Gegner im Westen hat. Mögliche Lösungen für das Problem werden diskutiert. Vor noch nicht allzu langer Zeit sagte Wladimir Schirinowski, russisches Parlamentsmitglied und Hofnarr – der öfters Dinge sagt, die diejenigen, die an der Macht sind, nicht sagen können – vertrat im Fernsehen die Ansicht, daß Russland Nuklearwaffen benutzen sollte, um Polen und die baltischen Staaten zu bombardieren – er nannte sie „Zwergstaaten“ – und dem Westen damit zeigen, wer wirklich die Macht in Europa hat: „Nichts bedroht Amerika; das ist weit weg, erklärte er. Wladimir Putin spielte diese Kommentare herunter: Schirinowskis Statements sind keine offizielle Politik, sagte der russische Präsident, doch oft „bringt er die Party in Schwung“.

Eine ernster zu nehmende Person, der dissidente russische Analyst Andrej Piontkowsky, hat unlängst einen Artikel veröffentlicht, in dem er entlang der Linien argumentiert, die Schirinowskis Drohungen reflektieren, nämlich, dass Putin in der Tat die Möglichkeit von begrenzten Nuklearschlägen abwägt – vielleicht gegen eine baltische Haupststadt, vielleicht gegen eine polnische Stadt – um damit zu beweisen, daß die NATO ein hohles, bedeutungsloses Gebilde ist, dass sie, um eine größere Katastrophe zu vermeiden, nicht wagt, zurückzuschlagen. In der Tat: in Übungen 2009 und 2013 „übte“ die Russische Armee ganz offen einen Nuklearangriff auf Warschau.


Kommentar des Users RavingLoon:

Die einzige Möglichkeit, wie wir jemals in einen „Totalen Krieg“ mit Russland verwickelt werden könnten, wäre, wenn irgendein republikanischer Haudrauf wie McCain zum Präsidenten gewählt würde und irgendwas Waghalsiges täte.
Es ist erfrischend einen Präsidenten zu sehen, der es sich nicht gestattet, sich in einen Konflikt im Ausland hineinziehen zu lassen, bevor er nicht seine Pläne gut durchdacht hat. Und keine Fakten produziert oder übertreibt, um seine Aktionen zu rechtfertigen.

Putin hat sich, in seiner vierzehnjährigen Amtszeit, in seiner Außenpolitik niemals ungestüm oder rücksichtslos gezeigt, und es gibt kein Anzeichen dafür, dass er das jetzt tun wird. Alles, was er bislang getan hat, war kühl kalkuliert, um, mit minimalem Risiko, das Maximum für Russland herauszuholen.


Ist das alles nicht mehr als völliges Irresein? Vielleicht. Und vielleicht ist Putin zu schwach, um auch nur etwas davon umzusetzen, und vielleicht sind das alles Einschüchterungstaktiken, und vielleicht werden seine Oligarchen ihn aufhalten. Doch Mein Kampf kam dem westlichen und deutschen Publikum 1933 auch hysterisch vor. Stalins Befehle, komplette (gesellschaftliche) Klassen und soziale Gruppen zu liquidieren, wären uns zu jener Zeit genauso irre vorgekommen, hätten wir damals etwas davon hören können.

Doch Stalin hielt Wort und setzte seine Drohungen in die Tat um, nicht, weil er verrückt war, sondern weil er seiner eigenen Logik bis zum ultimativen Schluss mit intensiver Hingabe folgte, und weil niemand ihn aufhielt. Und genauso ist jetzt niemand in der Lage, Putin zu stoppen. Somit: Ist es hysterisch, sich auf einen totalen Krieg vorzubereiten? Oder ist es naiv, das nicht zu tun.

Quelle: http://www.washingtonpost.com/opinions/anne-applebaum-war-in-europe-is-not-a-hysterical-idea/2014/08/29/815f29d4-2f93-11e4-bb9b-997ae96fad33_story.html
Übersetzung aus dem Englischen von Dagmar Schatz, editiert von Voices of Ukraine

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One Response to Krieg in Europa ist keine Hysterie

  1. purzl says:

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