Stimme aus der Krim: Aber das Wichtigste – man nahm mir die Freiheit

Quelle: http://odnakraina.com/story/view/3

Von:  фрилансер

Zuerst legte man mir finanziell eine Schlinge um den Hals und zog sie fest. Dann nahm man mir den Traum weg. Aber das Wichtigste – man nahm mir die Freiheit

Mein Haus liegt 20 Meter vom Meer entfernt und ich gehe immer am Strand mit meinem Hund spazieren. Zwischen dem Strand und der Siedlung, wo ich wohne, liegt die Schnellstraße Kertsch-Feodossija. Heute, als ich mit dem Hund ging, fuhr ein russischer Militärtankwagen vorbei. Na und. Ist halt vorbeigefahren. Es fahren dauernd welche vorbei.

Später stand ich auf der Terrasse mit einer Tasse Tee und schaute, wie über der Siedlung ein Militärhelikopter flog. Na und. Flog halt vorbei. Es fliegen jeden Tag welche.

Dann fuhr ich in die Stadt, um ein Paar Sachen zu erledigen. Dort sind – neu für mich – Menschen in gefleckter, dunkelgrüner Uniform zu sehen. Sie laufen halt rum, sprechen miteinander, kaufen Eis und trinken Limo. Na und, sie laufen halt rum.

An die Militärtechnik und den „grünen Männchen“ auf den Straßen fängt man sich allmählich zu gewöhnen. Höchstwahrscheinlich ist es eine Schutzreaktion des Körpers. Weil wenn man sich nicht gewöhnt, kann man verrückt werden.

Viele meiner Bekannten beklagen sich darüber, dass Verwandte/Freunde/Bekannte sie anrufen und voller Entsetzen fragen: „Wie lebt ihr dort?!! Das ist ja schrecklich, was da bei euch passiert!!!“ und meine Bekannte sind es leid, zu überzeugen, dass alles ruhig ist und dass sich nichts verändert hat.

Natürlich, ganz klar. Es hat sich nichts verändert. Wen dein Leben daraus besteht, dass man schläft, trinkt, schläft und auf die Toilette geht – ja, nichts hat sich verändert. Der Überbau, welcher den Menschen vom Tier unterscheidet wackelt, droht zu platzen und fängt zu an bröckeln. Die ersten 3 Wochen lebte ich mit dem ständigen Gefühlt, dass in meiner inneren Welt alle Wände einstürzen.

Ich bin Freiberufler/in. Das bedeutet nicht nur die Verwirklichung eines Traums einer Bürokellerassel vom Fehlen der Chefs und flexible Arbeitstage. Das bedeutet auch Auftraggeber, die weit weg sind, Internetrechnungen, Banküberweisungen, Einkäufe in den Internetshops und Kurierdienste. Das Zusammenbrechen des Bankensystems wurde ein heftiger Schlag für mich.

Zuerst wurde meine Bankkarte meiner Privatbank gesperrt und ich konnte keine Bankzahlungen vornehmen. Terminals sind außer Betrieb, als letzte Möglichkeit blieb Web-Money mit einem schrecklichen Wechselkurs 10 Rubel=50 Hriwna. Ich musste meine Verwandte in Kiew darum bitte, mein Web-Money-Konto aufzufüllen, weil ich es selbst nicht konnte. So fing das Leben „auf Pump“ an.

Dann war Chaos mit dem Geldtransfer. Meine Kundin rannte eine Woche lang durch Moskau, um mir das Geld zu überweisen. Durch irgendein Wunder schaffte sie es. Jetzt ist die nächste Zahlung fällig und ich erfinde schon schlaue Wege, um das Geld zu überweisen – durch eine andere Stadt, auf die Adresse einer Person, bei welcher ich mein Material beziehe, weil man den normalen Weg der Bezahlung in den Internetshops vergessen kann. Bis dato verwende ich alte Vorräte. Was ich danach mache, weiß ich noch nicht.

Meine Bekannte haben mit dem Internetshop ausgemacht, dass sie ein Päckchen schicken, mit irgendeinem Blödsinn darin und dass sie dort einen Umschlag verstecken. Klar, nach den Regeln der neuen Post ist das verboten. Aber was soll man machen?

Es ist verwunderlich, dass die Neue Post offen ist, obwohl sie es nicht sollte. UKRpost hatte angekündigt, dass sie keine Pakete mehr annimmt. Ich habe 2 Bestellungen in der Mache – eine nach Moskau, die andere nach Belgorod. Es bleibt nur die Hoffnung, dass alles sich löst, bis ich damit fertig bin. Oder – man muss sie selbst anliefern. Übrigens, am Perekop steht schon der Zoll.

Mit dieser bank-postalischer Schlinge um den Hals muss man die ganze Zeit nach Lösungen aus dem Chaos suchen.

Wenn ich in die Stadt fahre, um Besorgungen zu machen, führt mein Weg an der Passstelle vorbei. An der Tür sehe ich ständig eine Menschenmenge. Menschen stehen dicht aneinandergedrängt, die Köpfe sind alle in eine Richtung gedreht. Sie erinnern mich an die Schafsherden, auf den Hängen von Georgien.

Die Schafe sind auch so – drängen sich dicht aneinander und gehen als ein fester Haufen in eine Richtung. Ich fahre an der Passstelle vorbei und denke darüber nach, dass die Menschen im Grunde auch eine Schafsherde sind, der es in Wirklichkeit egal ist, wer der Schäfer ist.

Hauptsache dass das Gras auf der Wiese am saftigsten ist und es einen Verhau gibt wenn es regnet. Sie sagen “Wir wollen Stabilität“, „Hauptsache es ist ruhig“ und bewegen sich als fester Haufen dorthin, wohin der Schäfer sie treibt, zum Beispiel zur Passstelle. Sie haben noch nicht verstanden, dass die versprochene Wiese nicht grüner ist und das Dach im Verhau Löcher hat.

Wenn sie das wahrnehmen, werden sie empört meckern. Aber keiner wird sie hören. Alles, was der Schäfer braucht, haben sie schon gemeckert.

Und jetzt sind sie zufrieden. Gute Schäfer haben ihnen ein Verhau gebaut, haben sie von den schrecklichen Wölfen namens „Bendera“ geschützt, die fast schon gekommen wären, um alle zu erschießen. Und sie schauen hinter ihrem Zaun heraus, wann das versprochene Futter kommt – die vierfache Rente zum Beispiel. Sie sind im Verhau. Und ich – im Käfig.

Der neue Minister für Tourismus hatte neulich gesagt, dass „das Einführen von Einschränkungen für die Erteilung des Schengen-Visa für die Einwohner der Krim keinen Einfluss für deren Urlaub haben wird. Im Fall der Einführung solcher Einschränkungen können sie sich auch zu Hause erholen“. Und wir hatten so geträumt nach Spanien zu fliegen. Jetzt haben wir eine glänzende Alternative: Zum Grillen in den benachbarten Grünstreifen. Na und. Ist auch Erholung.

Jetzt sehe ich die Welt durch die Gitterstäbe. Ich kann mich nur darüber freuen, dass es keine undurchlässige Wand ist, ich kann die Welt durch das Fenster des Internets sehen.

Im Internet gibt es einen unendlichen Informationsfluss, das das Leben auf der Krim schlechter wird, wie die nächste Saison flöten geht, was für Schwachsinn wieder unsere Banditen-Verwaltung von sich gibt.

Unter diesen Meldungen schadensfreudige Kommentare: Ihr, Krimbewohner, habt es selbst ausgesucht, nun schaut selbst wo ihr bleibt. Das Schreckliche ist, dass diejenigen, die als Herde zum Referendum rannten diese Kommentare nicht lesen werden. Es werden sie solche Menschen wie ich lesen, die DAS nicht gewählt haben. Man hat uns einfach vor die Tatsachen gestellt. Wir hatten keine freie Wahl.

Zuerst hat man mir finanziell die Schlingen um den Hals festgezogen. Dann den Traum weggenommen. Aber das Wichtigste – man hat mir die Freiheit genommen. Die Freiheit zu leben wie ich möchte. Zu reisen, wohin ich möchte. Zu denken, was ich möchte. Das bedeutet mehr als ohne Chef und mit freier Zeiteinteilung zu arbeiten.

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1 Response to Stimme aus der Krim: Aber das Wichtigste – man nahm mir die Freiheit

  1. justice says:

    Mir scheint, dem Kreml fällt nichts Besseres ein, als seine aggressiven Arbeitslosen in Uniformen zu stecken, damit diese in der Ukraine Terror verbreiten, um letzlich dem Ukrainischen Volk auf dumm-dreiste Art, Land und Ehre rauben zu wollen. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat mit großer Mehrheit die Annexion der Krim durch Russland verurteilt. Es war ein unter Waffengewalt erzwungenes und manipuliertes Wahlergebnis. Was sollte sonst von einer russischen Staatsführung kommen, die Völkerrecht und Menschenrechte mit Ignoranz begegnet?

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