Wie mache ich einen ukrainischen Atomunfall?

Wie mache ich einen ukrainischen Atomunfall?
Teil 1: Die Deutschen, die Kernenergie und die Situation in der Ukraine

von Dr. Anna Veronika Wendland

AKW Zaporischja

KKW Zaporižžja

SPIEGEL online und andere News-Portale meldeten heute mittag einen „möglichen“ „Atomunfall“ im südostukrainischen KKW Zaporižžja. Aus natürlichem Misstrauen, das ich bei solchen Meldungen immer hege – und zwar nicht der Kernenergie oder der Ukraine gegenüber, sondern hinsichtlich des Umgangs sowohl mit der Kernenergie als auch mit der Ukraine hierzulande – aus gesundem Misstrauen und Neugier machte ich also, was ich immer mache in solchen Fällen: ich fragte bei einigen ukrainischen Atomingenieuren vor Ort nach.

Ergebnis: Im KKW Zaporižžja sind derzeit zwei von sechs Blöcken außer Betrieb. Block 1 ist in Revision, Block 3 wurde am 29.11. wegen Ansprechens der elektrischen Sicherheitssysteme ungeplant vom Netz genommen. Für den 5.12. ist die Wiederinbetriebnahme geplant. Es war ein „Ereignis“ (Incident), nach INES-Stufe Null, d.h. noch nicht einmal ein sicherheitsrelevanter Vorgang. Was MP Jacenjuk zu der im Spiegel zitierten (angeblichen) Aussage auf einer Pressekonferenz bewegt haben mag, es handle sich um einen „Atomunfall“ – oder ob die deutschen Journos wieder Generator mit Reaktor verwechselt haben oder “Vorfall in einem Kernkraftwerk” mit “Atomunfall” – das weiß die nebesna trijcja Otto Hahn, Lise Meitner und Igor Kurčatov, die hoffentlich als Schutzengel über dem Dnjepr flatterten und sich auf den Schreck einen doppelten Vodka genehmigten.

Anmerkung des Blogbetreibers: Den Wortlaut von Jatsenjuks Aussage haben wir hier veröffentlicht. Auch wir halten die Schlussfolgerung auf einen Atomunfalls basierend auf dieser Aussage für hochspekulativ bis bewusst böswillig.

Der Chef des ukrainischen Atomkonzerns Jurij Nedaškovskij gab mir die Hinweise zur Faktenlage, die unten auch nochmal von einem Fachdienst zitiert werden, und ein befreundeter Atomingenieur klärte mich über die Hintergründe auf. Und spätestens hier wird es wieder ernst.

Denn derzeit kommt es in der Ukraine aufgrund der katastrophal niedrigen Kohlevorräte der konventionellen Kraftwerke – Grund ist der Krieg in den Kohleabbaugebieten und die Zerstörung der dortigen Infrastruktur – zu geplanten rollenden Netzabschaltungen. Das dient der Einsparung von Rohstoffen, aber auch der Ausbalancierung von Instabilitäten im Verbundnetz, das wegen des Wegfalls umfangreicher Kohle- und Gaskraftwerkskapazitäten gefährdet ist wie noch nie in der Geschichte der Nachkriegs-Ukraine. In diesem Winter hängt folglich in diesem Land sehr viel von den Kernkraftwerkskapazitäten ab – von den vier ukrainischen KKW Rivne, Chmel’nyc’kyj, Südukraine und Zaporižžja eben. Die Situation ist sehr ernst, denn Netzinstabilitäten können immer auch die Erstursachen dafür sein, dass elektrische Systeme in den Kraftwerken zu Schaden kommen, und Blöcke dann automatisch vom Netz getrennt werden. Das wiederum erhöht in Zeiten der Stromknappheit die Gefahr flächendeckender Netzzusammenbrüche. Der ökonomische Schaden ist immens, psychologische Kollateralschäden der Stromabschaltungen im kalten und dunklen ukrainischen Winter kommen hinzu. Frust und Gerüchte breiten sich unter solchen Bedingungen rasch aus.

Die ukrainische Regierung hat nach Worten des Energieexperten (und Energieministers a.D.) Ivan Plačkov nach wie vor keine Lösung für die katastrophale Vorratslage, die sicherlich auch auf die russische Strategie zurückzuführen sei, die Ukraine auf dem Energiesektor zu zermürben und zu schädigen [Interview Ivan Plačkov mit Kanteryna Peško, Glavkom, Politica-ua, 01.12.2014].

Die Ukraine, so Plačkov, bräuchte 3000 (!) Güterzugladungen Kraftwerkskohle, um auf die Winternorm für die Bevorratung konventioneller Kraftwerke zu kommen. Russland jedoch verweigert zugesagte Kohlelieferungen – bzw. die russische Staatsbahn verweigert den Transport. Russisches Gas fließt trotz angeblicher Einigung immer noch nicht. Um die Lieferung südafrikanischer Kohle gibt es Streit und Skandale. Nach wie vor wurden keine konzertierten und geplanten Maßnahmen ergriffen – dazu würden z.B. Aufrufe und Verordnungen zum Stromsparen gehören, oder Verlegung industrieller Lastspitzen auf die Nachtstunden qua Zwangserlass.

Um solche Maßnahmen durchzusetzen und die Vorräte durch Auslandskäufe aufzufüllen, braucht es nicht nur Geld, das die Ukraine nicht hat. Hier ist vor allem Koordination und know-how gefragt – z.B. ein energetisches Krisenreaktionszentrum oder ein Krisenstab mt exekutiven Befugnissen. Die Ukraine hat fähige Spezialisten mit den notwendigen Kenntnissen – aber die Regierung nutzt dieses Expertenwissen, so Plačkov, nicht.

Soweit der Blick von innen. Er gibt tatsächlich Anlass zu großer Sorge. Aber mit einem Atomunfall hat das alles nichts zu tun. Das scheint auch der “Spiegel” inzwischen einzusehen, und die Nachricht ist schon in den Wissenschaftsteil abgewandert.

Zur Faktenlage: „Ukraine Incident ‘INES Level 0’ And Of No Safety Significance, Says Regulator“.

Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa-Historikerin mit Schwerpunkt Stadt- und Technikgeschichte, zur Zeit Vertretung der wissenschaftlichen Leitung des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg.

Quelle: Anno Veronika Wendland auf Facebook

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3 Responses to Wie mache ich einen ukrainischen Atomunfall?

  1. justice says:

    Wenn mit dieser Analyse bereits die wichtigsten Fakten ermittelt werden konnten, sollte es doch möglich sein, die gröbsten Hemmnisse einer gesicherten Stromversorgung des Landes zu beseitigen bzw. alternative Lösungsmöglichkeiten zu finden. Übertriebene Medienberichte aus dem Westen, mangelnde Kooperationsbereitschaft aus dem Osten und inländische Versager, lassen nach meiner Meinung deutlich werden, wer nicht zu den Freunden der Ukraine gehört.

  2. Pingback: Wie mache ich einen ukrainischen Atomunfall? Teil 2: Fakten, Fakten, Fakten | Voices of Ukraine

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