Die schreckliche Geschichte von Irina Dowgan aus Donezk

1dovganvon Oksana Tschelyschewa (Oksana Chelysheva) – 30. August 2014 (auf Facebook)
Übersetzung von Voices of Ukraine

“Bitte sagen Sie es, dass das Foto mit dem Pfahl eine Kleinigkeit war verglichen mit dem, was geschehen ist. Ich lese hier Kommentare zu diesem Foto, die sagen, dass ich Heldin war, oder dass es alles eine Inszenierung war, weil ich nicht festgebunden war. Aber ich musste nicht einmal angebunden werden, ich stand vor Dutzenden Maschinengewehren und hörte „Still gestanden, du Miststück!“, und der Pfahl war mir eine Stütze.“
Irina ist nicht mit der ukrainischen Nationalsymbolik demonstrieren gegangen. Aber ihre proukrainischen Sympathien hat sie auch nicht verheimlicht. Sie sammelte freiwillig Geld für ATO-Soldaten und verteilte Lebensmittel. Darüber sprach sie nicht, aber während einer Fahrt hat sie Fotos mit ihrem Tablett gemacht, das in die Hände der Separatisten am Blockposten bei Jasinowataja geraten ist. Der Mann, der es bei sich hatte, wurde von separatistischen Käpfern geschlagen und hat ihren Namen preisgegeben. Irina wurde von 8 bewaffneten Männern aus ihrem Haus abgeholt.
Auf dem Tablett war der Bericht über die ausgegebenen Spenden von 1400 Hriwna und eine Namenliste derer, die gespendet haben, gespeichert. Sie alle haben zu diesem Zeitpunkt Donezk verlassen, bis auf eine Frau. „Ich war mir nicht sicher, ob sie noch in der Stadt war, und habe versucht, ihren Namen nicht zu erwähnen.“ Das haben aber ihre Peiniger gespürt. „Sie brachten mich in ein Zimmer, wo 20 Osseten waren und eben dieser Babaj. Und aus ihm hat man einen Helden gemacht! Er ist doch ein Clown. Er kreiste um mich herum und erzählte bildnerisch, wie er mich vergewaltigen wird. Hat seinen Hosenschlitz aufgemacht, meinen T-Shirt hochgehoben. „Sie ist nicht mehr zu diesem Zweck zu gebrauchen. Es sei denn mit den Mund zu zwingen…“ Gelächter. Ich sagte nichts mehr und dann explodierte einer. Das war der, der sein Foto auf meinem Tablett fand. Ich habe ihn zufällig aufgenommen und meiner Schwester geschickt, um zu zeigen, dass unsere Stadt unter der Kontrolle von Osseten ist: „An wen wolltest du mich verraten?“ Bald brachten sie den Schild, den ich dann hielt.“
Sie brachten mich auf diesen Platz, er ist ein Ring, da gibt es viele Autos und Passanten. Sie haben mich in die Fahne eingewickelt, die sie im Zimmer meiner Tochter fanden. Ich stand so über 3 Stunden. Männer schlugen nicht. Sie haben mich schrecklich beschimpft, aber nicht geschlagen. Warum schlugen nur Frauen? Ich weiß es nicht. Eine Alte hat mich sogar mit ihrem Stock geschlagen. Ich weiß nicht, wie ich mich auf den Beinen halten konnte. Der Pfahl half. Journalisten kamen und fotografierten mich mit absolut gelassenen Gesichtern. Jemand verlangte, dass man mich an ihre Gruppe übergeben soll. Aber die Osseten weigerten sich. Sie brachten mich wieder in ihr Gefängnis. In der Zelle war es schrecklich. Auf dem Platz wusste ich zumindest, dass ich nicht vergewaltigt werde. Aber hier weiß man nicht, was auf einen zukommt. Immer wieder stürmte derselbe Ossete in die Zelle rein und trat mich mit dem Fuß in die Brust.
Dann wurde ein junger Mann in die Zelle gebracht und geschlagen. Sie sagten „Gleich bringen wir einen Schwulen“. Eine Nachbarin hat ihn denunziert, angeblich hat er ihre Tochter belästigt. Er wurde fürchterlich geschlagen. Er heulte, dass er nichts dergleichen getan hat. Und ich heulte und kroch durch die Zelle. Es war fürchterlich.“
Plötzlich wurde Irina in den 3. Stock verlegt. Die Folter hörte auf. Dort befanden sich Wostokowzy-Kämpfer und sprachen ganz anders mit ihr, sogar Schmerztabletten haben sie ihr gegeben. Am nächsten Tag wurde sie in ein anderes Gebäude überführt. „Ich hatte schreckliche Angst davor, dass alles wieder beginnen würde…“ Der Mann, der sie führte, versuchte sie zu beruhigen: „Das Schlimmste ist schon vorbei, alles wird gut sein“. Sie wurde in das Arbeitszimmer von Chodakowskij geführt. Er war nicht allein. Es wurde dort eine Versammlung abgehalten. Man hat sie neben Chodakowskij gesetzt. Er war entrüstet. „Offenbar deswegen, dass ihn seine ossetischen Helden so blamierten.“ Er bat Irina, alle namentlich zu nennen, wer sie folterte. „Es war schwierig für mich, denn ich kannte sie nicht bei Namen. Nur Babaj und Zaur.“ Chodakowskij gab ihr den Schlüssel von ihrem Auto und ihr Tablett zurück. „Er sagte, ich habe kein Verbrechen begangen, auch wenn ich das für die andere Seite getan habe.“
Ein dunkelhaariger Journalist kam ins Zimmer, es war Marc Franchetti. Er holte Irina von dort und übergab sie an einen anderen amerikanischen Journalisten. Sie haben ihr etwa zum Essen gegeben – zum ersten Mal in den 5 Tagen hat sie gegessen. Sie wohnte in ihrem Zimmer. „Sie hatten Angst um mich, dass die Osseten wieder kommen und mich abholen.“ Chodakowskij hat auch seine Wache aufgestellt. „Sie erwiesen sich als menschlich. Am nächsten Tag brachten sie mich nach Jasinowataja, damit ich meine drei Katzen und einen Hund sowie warme Kleidung für meinen Mann und meine Tochter abholen konnte.“ Sie brachten Irina bis zur Grenze der Donezker Volksrepublik. „Als wir uns verabschiedeten, habe ich einen plötzlich umarmt, weil er selber eine ähnliche Bewegung machte. Nachher habe ich das bedauert.“
… Irina wird ihre Peiniger nicht anzeigen. Es gibt keine adäquate Justiz, sagt sie. Sie leidet an Schlafstörungen infolge des psychischen Traumas…

30. August 2014 Oksana Tschelyschewa
(übersetzt von “Gegen Repressionen In Russland – Against Repression In Russia” auf Facebook – editiert von Voices of Ukraine)
Quelle: https://www.facebook.com/GegenRepressionenInRussland/posts/856960987661460

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