Putins Medien leben in einer alternativen Realität

Maxim Stubov

Maxim Stulov / Vedomosti

Andrei Malgin – The Moscow Times – 30. Juli 2014 (Übersetzung)

Ich habe mein Abschlussexamen in Journalismus in den 1970er Jahren an den Universitäten Moskau und Warschau abgelegt. Die Kursleiter an beiden Institutionen verwendeten das gleiche archetypische Beispiel zur Erklärung von Propaganda, nämlich dass wir ein Glas als halb leer oder halb voll beschreiben können.

Beide Aussagen sind wahr, aber sie dienen entgegengesetzten Propagandazwecken. Die erste Behauptung trägt eine negative Konnotation, während die zweite voller Optimismus ist. Erreicht werden sollte damit, effektiv die Leser, Zuschauer oder Zuhörer in einer bestimmten Weise zu beeinflussen, ohne Verwendung von Lügen.

Das war im Wesentlichen, wie die sowjetische Propaganda immer schon gearbeitet hat: Die Behörden interpretieren objektive Fakten, um ihre eigenen Zwecke zu erreichen.

Jetzt ist alles anders. Das Glas ist leer, die Welt sieht, dass es leer ist, aber die russischen Medien verkünden: “Das Glas ist absolut voll”. Und kaum ist das Glas voll, bekommen wir wieder zu hören: “Es ist leer. Es ist nichts darin.” Ich arbeitete für sowjetischen Zeitungen während der Amtszeit von vier sowjetischen Führern, von Leonid Breschnew bis Michail Gorbatschow, und dies ist das erste Mal, dass die Behörden so dreist und schamlos lügen. Sie haben wirklich einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Hier liegt eine unbestreitbare Tatsache vor: Ein Passagierflugzeug wurde über dem von pro-russischen Separatisten kontrollierten Territorium abgeschossen. Jeder versteht, dass es ein Fehler und keine vorsätzliche Handlung war, und die Separatisten hätten das auch zugestehen können.

In einer ähnlichen Situation, als die sowjetischen Streitkräfte im Jahr 1983 versehentlich ein südkoreanisches Passagierflugzeug abgeschossen haben, leugneten die sowjetischen Medien den Vorfall nicht, sondern konzentrierten alle Bemühungen der Propaganda auf die Erklärung des Kontextes, wie es passiert ist; man behauptete beispielsweise, dass die südkoreanische Besatzung “provokativ den Kurs verändert” hatte.

Dieses Mal behaupteten die vom Kreml kontrollierten Medien immer wieder, dass das Flugzeug überhaupt nicht abgeschossen worden sei, sondern von selbst aus dem Himmel fiel; dass an Bord des Flugzeuges eine Bombe explodiert sei; dass das Flugzeug von einer vom Boden aus abgefeuerten ukrainischen Rakete getroffen worden sei; dass ein ukrainisches Kampfflugzeug das Flugzeug verfolgt und dann angegriffen habe; dass die USA das Flugzeug abgeschossen hätten, um Russlands Ruf zu schädigen; dass keine lebenden Menschen an Bord der Maschine waren und es per Autopilot von Amsterdam abflog, wo “verwesende Leichen in das Flugzeug gesetzt worden waren.”

Egal wie schwierig es ist, diese letzte, völlig lächerliche Version der Ereignisse zu glauben, die von Igor Girkin, dem Kommandeur der pro-russischen Terroristen für die Tragödie vorgebracht wurde, so wurde sie dennoch nicht nur in allen staatlich kontrollierten Medien ausgestrahlt sondern war auch Anlass für ernsthaft Diskussionen über das Thema.

Alle diese Versionen der Ereignisse waren vorsätzliche Lügen, und alle Reporter und Kommentatoren, die sie verfasst und diskutiert haben, waren sich bewusst, dass sie lügen. Und dennoch taten sie es. Zur gleichen Zeit gab ihr Verhalten keinen Anlass zu glauben, dass sie etwa nichts von der Existenz des Internet gewusst hätten, in dem jedermann genügend Beweise finden konnte, die ihre Behauptungen widerlegten. Es gab: Videos, Fotos, Aufzeichnungen von abgehörten Telefongesprächen und Zeugenaussagen. Für die Journalisten von Russlands Staatsmedien reichte es nicht aus, einfach die Tatsachen für ihre eigenen Zwecke zu verdrehen, nein, sie fühlten sich gezwungen, fettgedruckte Lügen zu erzählen.

Ein erfahrener, älterer Journalist und ich diskutierten vor kurzem darüber, ob diese Praxis vorsätzlich war oder das Ergebnis einer einfachen Inkompetenz. Schließlich hätten die Behörden einfach nur die Fakten verdrehen können, um ihren Propagandaziele zu entsprechen. Warum gibt man sich die Mühe, eine Parallelwelt aufzubauen? “In unserer Zeit,” sagte mein Kollege mit einem Seufzer, “haben wir höhere Standards beibehalten,” und schrieb das Problem der Unprofessionalität zu.

Aber ich denke, es wird bewusst gemacht. Wenn Propaganda auf Nuancen der Interpretation basiert, bleibt immer die Chance, dass jemand mit einer frischen Perspektive oder einer kritischen Denkweise Zweifel an diesen Behauptungen wecken kann. Wenn die Behörden allerdings ihre Propaganda völlig auf Lügen stützen, dann ist das gewünschte Ergebnis schneller zu erreichen und lässt keinen Raum für Zweifel. Von daher bieten Lügen ein schnelleres und effektiveres Mittel zum Zweck.

Andrei Malgin ist Journalist und Literaturkritiker.
Quelle: http://www.themoscowtimes.com/opinion/article/putins-media-lives-in-an-alternate-reality/504339.html

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1 Response to Putins Medien leben in einer alternativen Realität

  1. justice says:

    Die Metapher vom leeren, halbvollen, halbleeren und vollen Glas zeigt sowohl die potentielle Gefahr von Deutungshoheit als auch deren innewohnende Möglichkeit des Machtmissbrauchs auf. Sicherlich ist ein leeres Glas auch voll, wenn man die Luft darin als Wasser bezeichnet und alle dazu zwingt, sich am Verstoß der Konvention, über die Bedeutungen von Wasser und Luft zu beteiligen. Nichts anderes läuft derzeit u. a. im Osten der Ukraine ab, wo inhaltslose Denkgebilde (“Volksrepubliken”) verwendet werden, um menschenverachtenden Machtmissbrauch zu betreiben. Jeder normale Mensch würde dies als Spinnergebilde abtun und diesen Idioten in den A… treten, geschähe das in Deutschland, was jedoch nicht heißen soll, in Deutschland gäbe es grundsätzlich keinen Machtmissbrauch und keine Verantwortungslosigkeit. Wie hochgefährlich aber der von der Führung der RF angezettelte Kampf um Macht und Deutungshoheit ist, mussten ukrainische Soldaten, Zivilisten und internationale Fluggäste von MH 17 durch Verlust ihres Lebens erfahren. Man darf davon ausgehen, dass keines der bisherigen Todesopfer freiwillig sein Leben für dieses perverse wie schwachsinnige Treiben der verantwortliche zeichnenden Machhaber gegeben hat, was zudem die Nutzlosigkeit der Zerstörung unterstreicht. Die Grenzverletzungen mit Förderung von Kriegshandlungen auf ukrainischem Staatsgebiet und die Annektierung der Krim zum Schaden der Ukraine und anderer Staaten stellen Völkerrechtsverletzungen dar, was die RF-Medien in ihrem Einflussbereich anders darstellen und deshalb zu Sündern macht.

    Achtes Gebot: “Не свідкуй неправдиво на свого ближнього!”

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