Charis Haska: Kuchenbacken und Reden

Charis Haska: Kuchenbacken und Reden

Original: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/656282014438493

Kuchenbacken und Reden, das ist eine gute Therapie bei Schockerlebnissen. Meine ich. Der Kuchen für unser Schulfest steht in der Röhre und duftet schon. Und trotzdem zittern mir noch die Knie.

Heute Mittag kam ich in die Musikschule. Die Tür war abgeschlossen. Als ich versuchte, sie zu öffnen, rief die Pförtnerin: „Ich komme ja schon, ich komme ja schon.“ Als sie mir dann öffnete, begriff ich, dass die Musikschule schon Sommerferien hat und meine Geigenlehrerin mir freiwillig und unbezahlt Sonderstunden gibt. Natürlich, das sogenannte „Letzte Klingelzeichen“, also die Schulabschlussfeier, hatte ja letzten Freitag stattgefunden, während Annegret und ich im Flugzeug saßen. Ludmila Danilowna, die Pförtnerin, eine herzensgute, halbblinde Frau murmelte entschuldigend: „Es ist ganz still hier, keiner da. Da hab ich mal abgesperrt, für den Fall, dass kleine grüne Männchen kommen.“ Es war gewiss ein Scherz. Trotzdem sagte ich: „Machen Sie mir keine Angst.“ Und vergaß den kleinen Zwischenfall gleich wieder.

Nachmittag. Meine Kinder haben sich in den Kopf gesetzt, dass wir unbedingt ins Einkaufszentrum fahren müssen, um für den Einen ein Skateboard und für die Andere ein Waveboard zu kaufen. Ich hasse diese Einkauftempel, auch wenn ich in Deutschland durchaus praktisch finde, einen Einkaufsrundumschlag in den Pasing- oder Spandau- Arcaden zu unternehmen. Ich hasse sie hier, weil sie so offensichtlich von der Lebensrealität der Mehrheit der Bevölkerung abweichen mit all dem Luxus, mit all den teuren Boutiquen. Und weil ich weiß, dass irgendjemand, der in dem Zusammenhang lieber nicht genannt werden möchte, das Monopol auf so ein Zentrum hat. Unwillig und eilig erledige ich mit den Beiden den Einkauf, erstehe eine Rolle Geschenkpapier, frage die Verkäuferin, ein junges Mädchen, wie es ihr mit der lauten, monotonen Musik geht, die das Gebäude beschallt. „Wie soll ich es Ihnen sagen…“ sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Wir treten wieder nach draußen, auf dem Vorplatz herrscht gelöste Atmosphäre. Kein Mensch würde vermuten, dass wir uns in einem bettelarmen Land befinden. Mädchen gehen scherzend vor uns, eine hat ihre Wyshiwanka an, ihre gestickte Bluse, in der es ihr bei 25°C Grad und Schwüle eigentlich heiß sein könnte. In der Unterführung zur U- Bahn ist die Armut schon eher zu ahnen, wo eine Babuschka gerade die Blütenblätter der Pfingstrosen aufliest, die sie nicht verkaufen konnte. Doch es duftet nach frisch gemahlenem Kaffee aus einem der vielen Kiosks. Und natürlich kann man sich nebenan Donuts in allen Farben kaufen, wenn man nicht ein ukrainisches gefülltes Brötchen vorzieht oder im Vorübergehen ein Kleid aus China kauft.

Die U- Bahn füllt sich nach zwei Haltestellen. Neben uns steht jetzt eine füllige Brünette mit breit gestreiftem, weit ausgeschnittenem T- Shirt und einem olivgrünen Rucksack, aus dem zwei dünne, ineinander gerollte Isomatten ragen. An sie gelehnt eine zarte, ältere Dame, vielleicht siebzigjährig. Beide sehr gepflegt frisiert. Immer neugierig, wie das Leben dieser normalen Leute aussieht, frage ich frei heraus, zu welchem Training die Brünette unterwegs ist. Sie lächelt ganz freundlich: „Ach, wir sind schon auf dem Heimweg. Wir waren in der Natur.“ – „Was?“ frage ich. „Haben Sie etwa bei diesem unbeständigen Wetter unter freiem Himmel geschlafen? Mit kostenloser Dusche?“ – „Wir haben ein Zelt dabei gehabt.“ Sie zeigt auf ihren Rucksack. Die ältere Dame schmiegt sich an die Brünette und jetzt sehe ich im Profil: Es sind Mutter und Tochter. Ungläubig frage ich: „Sie waren mit Ihrer Mutter Zelten?“ und denke daran, wir ich beim Liegen auf Isomatten schon vor zehn Jahren nach Kurzem mit Rückenschmerzen zu kämpfen hatte. Wäre die ältere Dame Deutsche, so hätte sie vielleicht stattdessen eine Mittelmeerkreuzfahrt gemacht.

Maidan Nezalezhnosti. Gut gelaunt fahren wir vom Bahnsteig die Rolltreppe hoch und wollen den U- Bahnbereich durch die Glastür verlassen. Auf einmal merke ich: Da stimmt etwas nicht! Jenseits der Glastür, vielleicht vier Meter von uns entfernt, bedroht ein dunkel gekleideter Mann einen Milizionär mit einer Pistole. Bernhard erzählt mir später: „Der hat ihn angeschrien: Schnell, her mit der Tasche.“ Das habe ich in meinem Schrecken gar nicht wahrgenommen. Auch, dass der Milizionär natürlich die Tasche nicht rausrückt. Ich stehe wie gelähmt und weiß nicht, was passiert. Der Typ hebt die Pistole. Es knallt dreimal. „Kinder, wir müssen hier weg!“ bringe ich heraus und zerre sie mit zitternden Knien zurück, an der Wand entlang. Mit weit geöffneten Augen sagt Bernhard: „Der hat den erschossen!“ – „Wirklich? Hast Du das gesehen?“ – „Nein. Aber es hat dreimal geknallt. Und so nahe, wie er ihm war, muss er ihn doch getroffen haben.“ In meinen Ohren hallen die Schüsse noch nach. Mein Blick fällt auf das Kämmerchen, an dem „Miliz“ steht, am anderen Ende der Halle. Ich zerre die Kinder dorthin. Ich sehe vier Menschen in dem kleinen Kämmerchen stehen, eine Frau und drei Männer. Sie stehen. Ich sage: „Hat man Sie informiert, dass da drüben geschossen wird?“ Sie nicken nur. „Tun Sie doch etwas!“ Ich schlottere am ganzen Körper. Sie bewegen sich nicht. Die Frau sagt leise: „Wir tun gleich was.“ Sie hat übrigens, soweit ich wahrnehme, keine Uniform an, sondern eine Warnweste, vielleicht gehört sie zum Reinigungspersonal. Wir stehen einige Minuten. Kein Zeitgefühl. Dann kommt ein Mann heran, er hat, so glaube ich später, einen blaugelben Trainingsanzug an. „Da ist jetzt alles OK.“ sagt er. „Er ist nach oben geflohen.“ Ich habe Angst, mit den Kindern die Halle über den Ausgang zu verlassen. Ich ziehe sie gegen den Menschenstrom durch die Eingangsglastür. Annegret sagt: „Mama, wenn ich es mir recht überlege, dann will ich nie wieder U- Bahn fahren…“ Nicht in Panik geraten – wie macht man das eigentlich? Wo ist meine Zivilcourage? Hab ich die überhaupt? Wo kann ich lernen, wie man sich in einem so kritischen Moment richtig verhält?

Klar, das kann Dir überall passieren. Auch in Berlin. Oder in München. Dass einer durchknallt. Das es knallt. Dass Du zufällig dabei bist, wenn etwas Schreckliches passiert. Aber eins fühlt sich anders an. In Deutschland käme doch die Polizei zu Hilfe.

Ich habe gestern im Internet gelesen: „Der Maidan von jetzt hat mit dem Maidan bis Februar nichts mehr gemeinsam. Das sind Leute, die irgendwann im März oder April dazu kamen. Die nichts mit sich anzufangen wissen. Dieser Maidan hat kein Mandat vom Voik.“

Erst jetzt verstehe ich, was unsere Wächterin heute früh meinte: „Es ist so schlimm ohne Macht…“

Ich wünsche der Regierung den Mut und die Weisheit, auf eine gute Art und Weise durchzugreifen.

Gott, schütze Du die Söhne und Töchter der Ukraine!!!

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2 Responses to Charis Haska: Kuchenbacken und Reden

  1. reasonablyliberal1 says:

    Nothing is more fun to say than “Kuchenbacken.”

  2. justice says:

    Erfordert es keine Zivilcourage, über persönliche Erlebnisse in Kyjiv öffentlich und wahrheitsgemäß zu berichten? Und ist es nicht klug, sich mit den Kindern aus einem lebensgefährlichen Bereich zu entfernen? Verfügt nicht jeder Mensch über Macht gegenüber sich selbst und andere?

    Man (m/w) kann lernen, sich in Notwehrsituationen clever zu verhalten bzw. sich zu verteidigen, denn die Polizei kommt meistens erst nach vollendeter Straftat. Wie wärs denn außer dem Geigenunterricht mit der regelmäßigen Teilnahme an einem Selbstverteidigungkurs? Übrigens, auch für Kinder geeignet.

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