Charis Haska: Busse

Charis Haska: Busse

Original: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/656089034457791

Gestern hab ich im Fitnessstudio die Unnahbare an der Rezeption gefragt, was sie von den Wahlen am vergangenen Sonntag hält. Sie wandte ihr Gesicht ab und überprüfte mit einer Geste höchster Wichtigkeit unsere Mitgliedsausweise. „Offensichtlich!“ sagte sie schnippisch. „Wie meinen Sie das: Offensichtlich?“ hakte ich nach. „Alles war offensichtlich.“ sagte sie, immer noch abgewandt. Dann reichte sie mir die Karten: „Sie meinen Poroshenko?“ Das klang fast vorwurfsvoll. Ich nickte. „Wir werden sehen…“ sagte sie.

Ganz schön abgekühlt hat sich das Wetter über Nacht. Bernhard konnte in der ersten Nachthälfte kein Auge zutun, so sehr hat er geschwitzt. Als ich irgendwann vor zwölf, zu Bett ging, rief er mir noch flehentlich nach, ich solle ihn morgens unbedingt so wecken, dass er genug Zeit zum Duschen habe. Jetzt weht ein kalter Wind. Die Schulkinder, die mir beim Hundespaziergang begegnen, haben sich besonders fein gemacht. Einige kommen mit dicken Blumensträußen. Mehrere tragen stolz ihre gestickten Hemden und Blusen. Unterwegs hab ich die eine Dworniza angesprochen, ob sie den Kranz aus Kapuzinerkresse um die eine Linde gepflanzt hat. „Ja,“ sagte sie. „Und jetzt müssen wir immer das Unkraut ausreißen.“

Dann sehe ich: Es sind drei Militärbusse vor dem Präsidentenpalast vorgefahren. Mir wird unbehaglich zumute. Nachdem ich die Kreuzung überquert habe, beobachte ich, wie die Soldaten aussteigen und sich zu einer langen Kette formieren. Zwei von ihnen tragen je eine große Fahne, von der ich nur die blau- gelbe kenne. Auf dem einen Bus lese ich „Verteidigungsministerium der Ukraine“. Was hat das alles zu bedeuten?

Ich entsorge mein Hundesouvenir im Müllcontainer und entdecke unter der Kastanie unsere Kirchenwächterin, die die Einfahrt fegt. Sie hat die Busse noch gar nicht bemerkt. Ich mache sie darauf aufmerksam. „Das wird doch nicht etwa schon mit dem Endresultat zusammenhängen…“ sagt sie nachdenklich. Ich befürchte aufgrund dieser Äußerung und des vorgefahrenen Militärs zunächst das Schlimmste, will es aber nicht glauben. Besser, ich frage nach. „Was für ein Endresultat?“
„Na, man sagt, dass heute die Auswertung der Wahl zum Abschluss kommt.“ sagt sie. Oh, mir fällt ein Stein vom Herzen. Im Geiste hab ich mir schon irgendein endgültiges Schreckensszenario ausgemalt. „Dann betrifft das also die Inauguration?“ möchte ich wissen. Ich habe im Internet gelesen, dass angestrebt wird, die feierliche Amtseinführung des neuen Präsidenten so schnell wie möglich und noch vor der eigentlichen Frist zu vollziehen. „Das halte ich für sehr wahrscheinlich.“ sagt sie. Und dann kommt sie mir näher und sagt verstohlen: „Wie sehr wir das brauchen! Schlimm ist das ohne Macht…“ Das Wort Macht beinhaltet hierzulande auch „Regierung“, „Amtsträger“ und „Behörden“. „Dann kann endlich dem ganzen Diebstahl Einhalt geboten werden.“ fügt sie hinzu. Irgendwie kommt unser Gespräch nun auf die Therapie mit Heilkräutern. Sie verrät mir eine äußerst wirksame Kräutermischung mit Ringelblume, die gegen alles Mögliche hilft, vor allem gegen Magen- Darm- Beschwerden und Störungen des Nervensystems. “Die Ereignisse der letzten Monate haben doch unsere Nerven völlig überreizt…” flicht sie ein. Ausführlich erzählt sie mir, wie erfolgreich das zunächst bei ihrer Mutter, dann bei ihr selbst und dann auch noch bei verschiedenen Bekannten gewirkt hat. Das Rezept hatte sie natürlich von einer seriösen Ärztin bekommen und später habe eine Homöopathin bestätigt, dass gerade diese Zusammenstellung von Ringelblume, Schafgarbe, Johanniskraut und… (die anderen beiden Kräuter kenne ich nicht unter deutschen Namen, vielleicht ist das etwas Exotisches, was in Deutschland nicht wächst) eine hervorragende Wirkung erzielt.

Während ich den Ausführungen aus der Kräuterheilkunde lausche, kommt auf einmal der Bus vom Verteidigungsministerium näher, wendet und fährt auf den Parkplatz vor der Kirche. Die Soldaten blicken ernst und unbewegt auf uns. Nach und nach steigen sie aus. Einer mit einer Posaune, mehrere mit verschiedenen Trommeln, dann einer mit Waldhorn, einer mit Saxophon. Der Posaunist packt sein Instrument aus, legt das Etui neben unseren blau- gelb gestrichenen Blumenkübel, hebt die Posaune an die Lippen und lässt ein wohltönendes B erklingen. Auf dem Gesicht unserer Wächterin entwickelt sich ein vorsichtiges Lächeln zu einem Strahlen: „Oh, wie angenehm! Dann üben sie wahrscheinlich für die Inauguration. Oh, wie sehr ich Blaskapellen liebe! Durch die Uliza Bankowa werden sie mich freilich dann kaum zur U- Bahn durchlassen. Aber ich kann ja auch die Luteranska hinunter zum Kreschtschatik gehen. Oh, hoffentlich, hoffentlich findet die Amtseinführung schon am Wochenende statt!“

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