ARD-Reportage: eine öffentlich-rechtliche Lüge?

17. April 2014 um 14:43

ARD-Reportage: eine öffentlich-rechtliche Lüge?

Der öffentlich-rechtliche Sender ARD strahlte am Donnerstag, den 10.04.2014, in der Sendung MONITOR einen fast 12-minütigen Bericht über die Ukraine aus. Es ging um die Frage, wer für die Todesschüsse am 20. Februar 2014 in Kyiw verantwortlich ist. Dabei wurde die Version der Kiewer Generalstaatsanwaltschaft, der gestürzte Präsident Janukowitsch sei für das Blutbad schuldig, in Frage gestellt und laut dem Sender „durch zahlreiche Hinweise widerlegt“. Es ist jedoch festzustellen, dass die Information in der ARD-Sendung wissentlich manipuliert wurde.

In der MONITOR-Sendung im ARD-Programm vom 10.04.2014 wird über die Untersuchung der Herkunft von Todesschüssen am 20. Februar in Kyiw berichtet. Dabei wird daran gezweifelt, ob es wirklich die Sicherheitskräfte waren, die die Demonstranten erschossen haben, oder gab es doch Scharfschützen aus den eigenen Reihen, wie es manche Gegner der neuen Übergangsregierung behaupten.

Stephan Stuchlik, der Autor des Berichtes, behauptet, dass die Version der Kiewer Generalstaatsanwaltschaft nicht der Wahrheit entspreche und es doch andere Scharfschützen gewesen sein sollten, die viele Dutzende Demonstranten innerhalb von einer Stunde gezielt erschossen haben.

Seine These belegt er in einer fast 12-minütigen Reportage. Jedoch operiert er aber mit ungenauen Zitaten, gefälschten Aussagen und obskuren Behauptungen, die er gezielt mehrmals wiederholt, damit der Zuschauer nicht auf den Gedanken kommen sollte, die Richtigkeit der Schlussfolgerungen in Frage zu stellen.

Die weitere Analyse belegt, dass die meisten angegebenen Tatsachen in der Stuchliks Reportage vorgetäuscht sind.

1.         Analysiert man die Reportage gleich von Anfang an, so fällt schnell auf, dass die wichtigsten Aussagen und Behauptungen, die am Anfang der Reportage zur Gedankenbildung des Zuschauers dienen, mit keinen Bildern belegt werden. Zum Beispiel, bei der Behauptung „Teile der Demonstranten haben sich bewaffnet“ werden außer einem Metallschild, das viele Oppositionellen mithatten, keine anderen Waffen gezeigt. Der Aussage „es ist zum Bürgerkrieg geworden“ ist auch keine Glaubwürdigkeit zu schenken, denn ein Bürgerkrieg bedeutet ein Krieg zwischen Bürgern, die gegeneinander kämpfen, jedoch sind die Kämpfe zwischen den Bürgern und der Miliz (den Streitkräften) nicht als Bürgerkrieg zu bezeichnen.

2.         Herr Stuchlik behauptet, „das Hotel „Ukraina“ sei das Zentrum der Regierungsgegner gewesen“. Diese Aussage ist die wichtigste Grundlage der ganzen Reportage und wird ständig – der Zuschauer soll sich dies ja einprägen! – wiederholt. Aber es ist bloß nur eine gut gemachte journalistische Lüge, die durch verschiedene persönliche Aussagen und Internet-Hinweise leicht zu bestreiten sei.

Diese Aussage stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein, denn die Demonstranten hatten bis zum Mittag, den 20. Februar keinen Zugang zum Hotel. Das Hotel liegt gute 200 Meter von der nächsten Maidan-Barrikade entfernt, und die Demonstranten hatten sich immer nur hinter der Barrikade (d.h. in die vom Hotel entgegengesetzte Richtung) aufgehalten. Darüber hinaus waren die Demonstranten in den Tagen davor von den ukrainischen Streitkräften weg von den Barrikaden in Richtung Zentrum des Maidan-Platzes stark verdrängt worden.

Die Blutstunde am 20. Februar geschah im Morgengrauen, zwischen ca. 8 und 9 Uhr morgens, jedoch erst gegen 10 Uhr wurde das Erdgeschoss des Hotels „Ukraina“ von den Demonstranten eingenommen, um dort die Verwundeten zu versorgen und die Leichen abzulegen. Bis dahin hatten die oppositionellen Demonstranten keinen Zugang zum Hotel „Ukraina“. Im Internet gibt es auch viele Hinweise darüber, dass das Hotel „Ukraina“ erst tagsüber am 20.04 und in der Nacht zum 21.04 vollständig von den Demonstranten überprüft wurde, um die Herkunft der Schüsse festzustellen, dabei wurden auch zwei Scharfschützen festgehalten.

Daher ist die Aussage, dass aus dem Hotel „Ukraina“ geschossen wurde, schon richtig. Auch der in der Sendung zu sehende Augenzeuge Mykola klingt glaubhaft. Er bestätigt, dass aus dem Hotel „Ukraina“ Schüsse auf die Demonstranten abgegeben wurden.

Andere Aussagen von Augenzeugen, die man im Internet leicht finden kann, belegen, dass die durch die Institutska-Strasse vorrückenden Demonstranten in eine Falle geraten sind und von zwei Seiten – von vorne und von hinten – beschossen wurden. Und seitlich hinten war ja das Hotel „Ukraina“.

Stephan Stuchlik wiederholt aber bereits zu vierten Mal (!!!) die Aussage, das Hotel „Ukraina“ sei das Zentrum der Regierungsgegner gewesen. Ein völlig richtiges Handeln, um auf Meinung des Zuschauers einzuwirken! Aber zugleich eine unverhohlene Lüge! Soll etwa der Zuschauer für sein Geld von der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalt auch noch belogen werden?

3.         Nicht nur falsche Aussagen werden in der Reportage gemacht, sondern auch Zitaten aus dem Russischen falsch ins Deutsche übersetzt – noch eine Möglichkeit, um die raffinierte Lüge als Wahrheit darzubieten.

Zum Beispiel, in der Reportage ist ein Teil des Funkgespräches zwischen den Mitarbeitern der ukrainischen Polizeisondereinheit zu hören. Und da sagt einer: „Unsere Leute schießen nicht auf Unbewaffnete!“

Im Originaldialog (hier zu hören: https://www.youtube.com/watch?v=2IcMmpXhRIw#t=192) heißt der Satz aber anders: „Unsere Leute zielen nicht auf derjenigen auf dem Dach, er ist unbewaffnet“.

Spürt man den Bedeutungsunterschied? Ist es ein Übersetzungsfehler oder gezielte Vortäuschung? Für die Zuschauerwahrnehmung ist dies ein großer Unterschied. Denn im Original geht es nicht um alle (!) Unbewaffneten, sondern lediglich um eine konkrete Person, die auf dem Dach des Nebenhauses zu sehen ist.

Aber auch andere Übersetzungsdifferenzen sind zu vernehmen. So, zum Beispiel, ist weiter in der Sendung der Satz aus dem o.g. Funkgespräch zu hören: „Miron, Miron, gibt es da noch mehr Scharfschützen? Wer sind die?“

Mit diesem Satz endet das Zitieren der Funkgespräche und Stephan Stuchlik macht eine schlagkräftige Aussage, es gäbe unbekannte Schützen, die auf unbewaffnete Demonstranten geschossen haben. War das aber wirklich im Originaldialog zu hören? Könnte daraus eine solche Feststellung gemacht werden? Oder hat der Journalist das wissentlich falsch übersetzt, um eine vorgetäuschte Behauptung zu untermauern?

Hier ein Auszug aus dem Originaldialog:

– Miron, Miron, gibt es Zusammenarbeit mit den Anderen, wie wir? Wo sind sie?

– Ja, es gibt Kontakt zu denen, aber die Zusammenarbeit nur per Handy.

– Wir müssen schauen, dass sie nicht in unser Visier kommen.

– “Smena, Smena”, sie sind nicht dort. Sie sind entweder mit uns oder hinter uns.

 Somit bestätigt das Original, dass die anderen Scharfschützen wohl zu der Polizeisonderkräften gehören.

Ganz unbeachtet schleicht sich hier ein kleiner Übersetzungsfehler rein, der aber den ganzen Sinn verändert. Die Originalfrage „Wo sind sie?“ wird im Bild als „Wer sind sie?“ übersetzt, was den ganzen Sinn verändert und den Zuschauer denken lässt, die Scharfschützen wüssten nichts über andere Scharfschützen. Doch sie wissen es sehr wohl, es ist ihnen nur unklar, wo sich diese genau aufhalten.

Durch diese kleine Übersetzungsnuance konnte der Autor auch seine Behauptung belegen, „es gäbe unbekannte Schützen, die auf unbewaffnete Demonstranten geschossen haben“.

4.         In der Reportage ist auch von den professionellen Waffen die Rede, die die Demonstranten gehabt haben sollten. (Zitat: „Fest steht: Es gab neben den vielen friedlichen Demonstranten durchaus eine Gruppe radikaler mit professioneller Waffen, wie diese Aufnahmen zeigen.“)

Dabei sieht man im Bild ganz einfache und schlichte Gewehre, die frei – sogar durchs Internet – für ca. 250-300 USD zu kaufen sind. Ist das wirklich ein Preis für eine professionelle Waffe? Der Unterschied zu den wirklich professionellen Waffen der russischen Armee, die man heutzutage in der Ukraine beobachtet, ist unschwer zu erkennen.

Hat Stephan Stuchlik wirklich die Waffen nicht unterscheiden können oder hat er es absichtlich gemacht? Die Frage bleibt offen, aber die falsche Aussage hat sicherlich die Meinung vieler Zuschauern geprägt…

5.         Ferner, gibt es in der Reportage eine Aussage eines Mitglieds der Untersuchungskommission: „Das, was mir an Ergebnis meiner Untersuchungen vorliegt, stimmt nicht mit dem überein, was die Staatsanwaltschaft erklärt.“

Genauer betrachtet, stellt sich die Frage auf: Gibt es denn Beweise für eine solche Aussage? – Im Bild sieht man keinen geringen Beweis dafür! Der Journalist lässt ein x-beliebiges Gebäude filmen, macht das Bild etwas unscharf und zeigt darauf ein Zitat. Somit ist eine raffinierte Manipulation fertig! Keine vorhandene Person, keine Originalstimme, nur ein verschwommenes Haus und ein aussagekräftiges Zitat, von wem, weiß auch keiner…

6.         Die Schlussfolgerung der Reportage ist wieder aus dem Nichts entstanden, jedoch für den Zuschauer leicht einzuprägen:

„Unsere Recherchen zeigen, dass in Kyiw schon Schuldige präsentiert werden, obwohl es auch zahlreiche Hinweise gibt, die in Richtung Opposition weisen. Spuren, die nicht verfolgt werden.“

Zahlreiche Hinweise?!? Gab es in der Reportage keine zu sehen, bzw. keine, die der Wahrheit entsprechen…

„Bei allen offenen Fragen, dass der Generalstaatsanwalt die Aufklärung des Kiewer Blutbads ganz offensichtlich behindert, wirft ein schlechtes Bild auf die neue Übergangsregierung- und damit auch auf all jene westlichen Regierungen, die die neuen Machthaber in Kiew unterstützen.“

Gab es denn in der 12-minütigen Reportage Hinweise darauf, dass der Generalstaatsanwalt die Aufklärung behindert?!? – Nein, diese waren auch nicht zu sehen.

Aber der Autor Stuchlik nimmt es sich vor, gezielt zu betonen, dass seine Schlussfolgerungen ein schlechtes Bild nicht nur auf die Ukraine, sondern auch auf die westlichen Regierungen werfen.

Der Bericht von Stephan Stuchlik gleicht sich sehr der üblichen Rhetorik der russischen Medien an, die darauf abzielen, die Kiewer Übergangsregierung, wie auch das ganze Land, negativ darzustellen. Die umstrittene MONITOR-Reportage wurde in den russischen Medien schnell aufgegriffen und mehrfach auf verschiedenen Ressourcen mit russischen Untertiteln und sogar im Staatsfernsehen auszugsweise wiederholt, mit der Anmerkung, dass sogar die Deutschen daran glauben, dass das Blutbad am 20. Februar von den eigenen aufständischen Kräften verursacht worden war.

Auf der MONITOR-Webseite steht geschrieben, die Journalisten haben “wochenlang in Kyiw recherchiert“. Also, somit steht fest, Zeitmangel hatte man keinen. Was war aber der Grund der Lügen?  War das Unkenntnis, Unprofessionalität oder Absicht?

Es lässt sich nur vermuten, dass Stephan Stuchlik, der sehr gut Russisch spricht und von 2005 bis 2010 Korrespondent in ARD-Studio Moskau war, ziemlich nah zu den Russen steht. Es sollten aber keine Vermutungen im Spiel sein, nur bewährte Tatsachen. Und eine solche Tatsache ist, dass der deutsche Zuschauer für sein eigenes Geld eine Lüge geliefert bekommt. Eine öffentlich-rechtliche Lüge.

Anmerkungen:

[i] Die ganze Sendung ist hier zu sehen: http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2014/0410/maidan.php5; der ganze Text der Sendung ist hier zu lesen: http://www.wdr.de/tv/monitor//sendungen/2014/0410/pdf/kiew.pdf

[ii] Der Originaldialog ist vollständig hier zu hören: https://www.youtube.com/watch?v=2IcMmpXhRIw#t=192

Quelle:   https://www.facebook.com/notes/oleksiy-obolensky/ard-reportage-eine-%C3%B6ffentlich-rechtliche-l%C3%BCge/10150447249470257

ukraine-sniper-kiev-independence

(Bild aus anderen Quellen)

 

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2 Responses to ARD-Reportage: eine öffentlich-rechtliche Lüge?

  1. justice says:

    Also, keine deutsche Wertarbeit sondern primitive Meinungsmache.

  2. Pingback: Grundsätzliches zum Ukraine-„Konflikt“ | Endstation Dornach

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