Charis Haska: Theatralisch

Charis Haska: Theatralisch

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/626789337387761?stream_ref=10

Unser kleiner, frecher Schmusehund erfüllt seine Aufgabe als Anknüpfungspunkt für Gespräche über Gott und die Welt hervorragend. Gerade hatte ich zu meiner Verwunderung gesehen, dass in die Hofeinfahrt gegenüber der Kirche wieder einer der hässlichen weißen Busse einfuhr, die vor noch gar nicht zu langer Zeit unsere nähere Umgebung großzügig mit Janukowitschs persönlichem Schutzpersonal versorgten. Ich dachte eigentlich, solche Erscheinungen seien längst überholt. Meine negativen Emotionen ihnen gegenüber erwiesen sich nun auch sogleich als äußerst lebendig.

Doch ich hatte zum Glück nicht so viel Muße, mich ihnen zu widmen, denn nacheinander trafen schon die ersten Gottesdienstbesucher ein, die alle entzückt über meinen kleinen „Liebling“ oder „Schatz“ waren, wie sie ihn liebevoll betitelten. Reichlich ließen sie ihm Streicheleinheiten angedeihen.

Schon waren wir fast auf dem Heimweg, da gerieten wir in die Fänge eines der Originale unserer Kirchengemeinde, eines russischsprachigen, älteren Herrn deutscher Herkunft. Galant begrüßte er mich und beugte sich zu Nellie hinab, um mir in geschliffenen Worten von seiner Liebe zu Hunden, von seinen verschiedenen vierbeinigen Freunden und insbesondre von einem von ihm in seine Familie aufgenommenen Straßenhund zu erzählen.

Seine Aussprache war laut und nachdrücklich und erweckte bei mir den Eindruck einer perfekt einstudierten Theaterrolle, wobei er die hinzukommenden Gemeindeglieder, die dem Hund ihre Zuwendung zukommen lassen, geschickt einbezogt und ebenso elegant wie kaum merklich aus seinem Monolog wieder hinaus komplimentierte. Die Vorstellung mündete in den perfekten Vortrag eines langen, von ihm selbst verfassten Gedichtes, in dem alle von ihm gerade genannten Elemente und Episoden seiner Freundschaft mit dem Hunde Timofej wiederauftauchten.

Mit den Worten „Hat es Ihnen gefallen? Allen gefällt dieses Gedicht!” ging er sogleich über zu einem weiteren selbst verfassten Mehrzeiler. Immerhin kam ich dazu, durch mein Nicken Beifall für das Timofej- Gedicht zu zollen – doch nun ist er plötzlich bei einer ernsten Frage angelangt: Wann denn mein geschätzter Herr Gatte einmal einen freien Tag habe. Ich druckse herum und gebe zu: „Eigentlich nie…“ – „Wie ich befürchtet habe“, setzt er seine Rede fort: „Oh, das ist aber gar nicht gut für die Gesundheit und das Wohlergehen im Allgemeinen. Und ich wollte mir doch die Ehre geben, Sie und Ihren Gatten zu uns einzuladen.“ Ich danke für die Einladung, die letzte, der freilich nur Ralf gefolgt war, muss recht unterhaltsam und sehr lecker gewesen sein.

„Wissen Sie, es wäre wichtig, dass ich mit dem Herrn Pastor über die bedrohliche Lage unseres Landes in Ruhe sprechen kann. Die gesamte russische Armada zieht sich an unseren Grenzen zusammen. Ich bin extra an die Grenze gereist, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen. Putin, müssen Sie wissen, ist ein entsetzlicher Mensch. Alle diese KGB – Leute sind das. Man muss sie wirklich fürchten. Sie lassen töten und verschleiern ihre Verbrechen so perfekt, dass sie niemals aufgeklärt werden können. Aus schmerzlicher Erfahrung kann ich ein Lied davon singen, denn ich habe mehrere Familienangehörige durch Repressionen von dieser Seite verloren. Ich möchte den Herrn Pastor für ein Gespräch mit dem Herrn Botschafter instruieren. Und der Herr Botschafter möchte uns dann doch bitte darlegen, wie es mit uns weitergehen soll.“

Ein Seitenblick auf die Uhr, kurzes Erschrecken, dann fährt er auf einmal auf Deutsch, der Muttersprache seiner Eltern fort: „Ich bitte um Entschuldigung. Orrrrdnung muss sein.“ Er wendet sich mit einer kurzen theatralischen Verbeugung zum Gehen, hält dann inne: „Das hat mein Vater immer gesagt: Du bist ein Deutscher und Orrrdnung muss sein. Orrrdnung muss sein.“

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