Detlev Preusse über die deutschen Russlandversteher

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Viele meiner Facebook-Freunde und viele andere Personen bezeichnen bestimmte Politiker und Journalisten als „Russlandversteher“. Ich auch!
Einige der so Bezeichneten bezeichnen sich selbst so, wie gestern bei der Sendung „Menschen bei Maischberger“ Horst Teltschik, ehemals wichtigster außenpolitischer Berater Helmut Kohls, danach langjähriger Geschäftsführer der Bertelsmann-Stiftung, Vorstandsmitglied der BMW AG, Vorsitzender der Quandt-Stiftung, Präsident von Boeing-Deutschland und langjährig Vorsitzender der renommierten Münchener Sicherheitskonferenz. Nicht nur Politiker der SPD, wie Steinmeier, Erler u.a., sondern auch Abgeordnete und weitere Repräsentanten der CDU gehören zu dieser Gruppe. Von Politikern der „Linken“ spreche ich nicht. Die haben wohl noch nicht gemerkt, dass Moskau nicht mehr die Vaterstadt des Kommunismus ist. Es gilt für „Die Linke“ außerdem, den Anti-Amerikanismus weiter zu pflegen. Für viele Linke außerhalb der Partei und für Peter Scholl-Latour übrigens auch.

Als kritischer Bürger muß man sich nun fragen, welches Russland möchten
diese „Russlandversteher“ denn verstehen?

Es wird bei Diskussionen mit „Russlandverstehern“ von diesen häufig vorangestellt, dass der Zerfall der Sowjetunion ein für Russland schwer zu verdauendes Ereignis war und ist. Aus einer Supermacht wurden aber 15 Staaten, nicht nur Russland. Die anderen Staaten werden schon mal nicht unbedingt erwähnt.

Der Historiker Richard Pipes kommentierte die Entscheidung zur Auflösung der Sowjetunion in eindeutiger Weise. Gleichzeitig wies Pipes indirekt auf die mentalen Folgen dieses historischen Einschnitts für Russland hin:

“As a consequence, not only did the Soviet Union disappear from the map, but along with it, the old Russian empire: four centuries of expansion were wiped out, and Russia reverted to her borders as of c. 1600.”

Dass der Zerfall der UdSSR insbesondere bei Russen mentale Folgen hinterlassen konnte, wird von mir nicht bestritten.

Zu den Folgen dieses weltpolitischen Umbruchs ist auch Präsident Wladimir Putins Kommentierung zu rechnen, die er am 15. April 2005 vor der Föderalversammlung der Russischen Föderation abgab:

“Above all, we should acknowledge that the collapse of the Soviet Union was a major geopolitical disaster of the century. As for the Russian nation, it became a genuine drama. Tens of millions of our co-citizens and compatriots found themselves outside Russian territory. Moreover, the epidemic of disintegration infected Russia itself.”

Um zu einer vernünftigen Einschätzung zu gelangen, ist aber folgendes festzustellen: Zu meinen, Russland habe die imperiale Größe der Sowjetunion verloren, behauptet, dass es sich bei der UdSSR faktisch um ein Russisches Imperium handelte. Das ist natürlich bei auch nur oberflächlicher Analyse des politischen Systems der UdSSR richtig, auch wenn Stalin natürlich ein Georgier war, ist aber zugleich als Grundannahme weitergehender Analyse verräterisch: Diese Annahme der „Russlandversteher“ akzeptiert nämlich indirekt, dass der Anspruch russischer „Patrioten“ auf Souveränität oder mindestens Souveränität über die imperialen Gewinne des historischen Russland auch heute eine Berechtigung hat. – Die Krim ist ab heute russisch, sagte Sandra Maischberger bei der An-Moderation ihrer Sendung gestern. Da hätte ich bereits einleitend widersprochen. Noch nicht einmal aus Sicht der Russischen Föderation kann dies richtig sein, da das Parlament der Russischen Föderation dem Anschluß noch nicht zugestimmt hat. Bei Frau Maischberger gilt also das Wort des Autokraten, oder Diktators, wie die Leser es denn möchten.

Unsere „Russlandversteher“ verstehen demnach die Position der russischen Nationalisten, die den imperialen Anspruch aufrechterhalten. Verstehen sie damit die Russen?

Nein! Denn es gibt ein anderes Russland.

Dieses andere Russland hat am 12. Juni 1990 per Entscheidung des Volksdeputiertenkongresses der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) als sechste Republik der UdSSR die Souveränität und am 10. Dezember 1991 den Austritt aus der UdSSR erklärt. Die Unabhängigkeit von Estland, Lettland und Litauen hatte die RSFSR bereits zuvor de jure und die Unabhängigkeit der Ukraine de facto und am 10. Dezember de jure anerkannt. Ich kann nicht bestreiten, dass auch Jelzin, Sobtschak, der Bürgermeister von Leningrad (Sankt Petersburg), und andere Akteure der RSFSR in Bezug auf die Ukraine, insbesondere in Bezug auf die Krim, Vorbehalte hatten und pflegten. Dies unterschied sich deutlich zu ihrer Haltung gegenüber der Unabhängigkeit der baltischen Republiken. Dennoch teilten Sie nicht die großrussische Sicht Gorbatschows oder der Armeeführung, für deren Spitzenrepräsentanten die Sowjetische Armee erklärtermaßen eine Russische Armee war. – Nebenbei: Herr Klaus von Dohnanyi behauptete dieses im deutschen Fernsehen allen Ernstes indirekt vor wenigen Tagen auch noch, als er meinte feststellen zu müssen, dass die auf dem Territorium der Ukrainischen SSR gelagerten Atomwaffen nicht der Ukraine gehörten, als diese sie abgab. Herr von Dohnanyi implizierte, dass sie Russland gehörten und übersah, dass die Ukrainische SSR Teil der Sowjetunion war, wie Russland. Dümmer kann man nicht argumentieren. Hat in der Sendung aber kein Teilnehmer der Diskussion gemerkt.

Es gibt auch in der Russischen Föderation viele Bürger, Nicht-Russen sowieso und Russen, die nicht diese Vorstellung von der künftigen Russischen Föderation – in den Farben des Sankt-Georgs-Ordens – haben, wie viele der Zuhörer bei der gestrigen Rede Putins. Diese Bürger der Russischen Föderation sollten in Zukunft auch aus Sicht West- und Mittelosteuropas die Politik ihres Landes bestimmen.

Unsere „Russlandversteher“, in der deutschen Geschichte haben sie seit dem 19. Jahrhundert Tradition, früher zumal bei den am zaristischen Autoritarismus orientierten Ultra-Konservativen, dann bei Deutschnationalen, vor nicht allzu langer Zeit vornehmlich bei Sozialisten und Sozialdemokraten, unsere „Russlandversteher“ sollten sich bewußt sein, für wen sie Position bezogen haben: Für den großrussischen Nationalismus, nicht für Russland. Sie haben, wieder einmal, Position bezogen für die aktuell Herrschenden. Der Umgang mit ihnen fällt den Schmidts, Schröders, Teltschiks – die Liste könnte man leicht auch um viele ausländische Politiker erweitern – allemal leichter, als der Umgang mit Andersdenkenden („Dissidenten“), Oppositionellen und weiteren kritischen Geistern. Wieder wird übersehen, dass diese Gruppen im Gegensatz zu den aktuell Herrschenden friedensfähig sind und hoffentlich in Zukunft die Politik eines dann politisch zivilisierten Russland vertreten, eines Russland, das unser Partner sein kann. Diese Fehlorientierung deutscher Politik war bereits 1981 bei Verhängung des Kriegsrechts in Polen und während des Kriegsrechts feststellbar. Bundeskanzler Helmut Schmidt, Egon Bahr, Willy Brandt, Franz Josef Strauß, Hans Dietrich Genscher und anderen deutschen Politikern war die Solidarność schlicht egal, Bahr, weil ihm Polen schlicht unbedeutend war und ein Hindernis für gute Kontakte mit dem Kreml. Heute ist im die Ukraine ein Hindernis für gute Kontakte zum Kreml. Der ältere Herr wird aber dennoch zu Talk-Shows im deutschen Fernsehen eingeladen. Alle übersahen, dass aus einer durch Kriegsrecht verdrängten Volksbewegung eine politisch herrschende Bewegung werden konnte, die einen enormen Beitrag zur Deutschen Einheit und zur deutsch-polnischen Verständigung und Freundschaft geleistet hat. 1989! Heute wird von den Politikern, so sie noch leben, der Beitrag Polens für die Selbstbefreiung Mittel- und Osteuropas und für die Deutsche Einheit natürlich, da politisch korrekt, gefeiert. Das erschreckende ist, dass diese Politiker und andere „Russlandversteher“ immer noch meinen, die Deutsche Einheit sei ein Geschenk Gorbatschows, und nicht begreifen wollen, dass sie ein Ergebnis der Fluchtbewegung und Demonstrationsbewegung in der DDR, also von Bürgern der DDR, und vor allem der Selbstbefreiung der Polen, der Tschechen und Slowaken, sowie der Unabhängigkeitsbewegungen in den europäischen Republiken der Sowjetunion war, auch der Demokratiebewegung in Russland.

Die „Russlandversteher“ verraten diesen Prozess der Selbstbefreiung. Sie stehen objektiv auf der Seite der Ideologen eines russischen Imperiums. Das kann nicht das Interesse der Bundesrepublik Deutschland sein, Partnerland von Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Litauen, Lettland und Estland in der EU und NATO. Es ist insbesondere nicht im Interesse einer freien und selbstbestimmten Ukraine, die bei uns im Fernsehen ja kaum zu Wort kommt.

Quelle: Detlev Preusse auf Facebook

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