Brief einer ukrainischen Russin…

Von: Maryna Mudra

Ich möchte mich an erster Stelle an die Russen in der Ukraine wenden, die lauthals “wir wollen zu Russland!” schreien. Ich werde zu den sogenannten ethnischen Russen gezählt. So steht es in meiner Geburtsurkunde, so wie auch bei meiner Mutter, meinem Vater und meinen Großeltern. Meine ganze Familie sind Militärangehörige. Zu ethnischen Russen kann man uns in Wahrheit nur schwer zählen, weil es in meiner Familie sehr viele Ethnien gab: Russen, Ukrainer, Weißrussen, Polen, Juden, Tataren. Alle diese meine Vorfahren wurden Opfer der Russifizierungspolitik der Sowjet Union. Man konnte nur dann Karriere machen wenn man ein Russe war oder in der Partei. Und es gibt jede Menge solcher “Russen” in der Ukraine. Ich denke sogar, wen man tiefer gräbt, gibt es KEINE 100% reine ethnische Russen, Ukrainer oder sonst noch jemand aus der UdSSR. doch es gibt Menschen, die ihre Heimat lieben, und solche, die sie nicht lieben und denken woanders sei es besser. Und es gibt Leute, die ein Problem mit Selbstbestimmung haben, zu welcher Ethnie sie nun doch gehören…Sie haben irgendeinen Komplex. Und das sind die Leute, die am meisten über ethnische Zugehörigkeit und “wir wollen zu Russland” schreien. Das sind Menschen, die die Sprache des Landes wo sie leben, wo sie geboren sind, nicht lernen können oder nicht lernen wollen. Und einige von ihnen können weder eine noch andere Sprache gut. Ich hatte nie solchen Komplex. Ich hatte immer gesagt, obwohl ich zu Russen zählte, dass ich Ukrainerin bin. Russischsprachige Ukrainerin. Kyiver Mädl. Und habe mich immer mit meiner Heimat, Ukraine und Kyiv, die Stadt, die ich sehr liebe, identifiziert. Ein Teil meiner Familie lebte in Lemberg (Lviv). Meine Mutter schließ dort ukrainische Schule, später Studium in der Universität ab. Sie war es, die sich später durchsetzte, dass ich in die ukrainische Schule kam. Ich bin ihr SEHR dankbar dafür. Ukrainisch wurde meine zweite Muttersprache. Ich liebe diese Sprache und kann nicht verstehen, warum man diese weiche, melodische und reiche Sprache nicht lernen will? Sprachkenntnisse bereichern doch Menschen kulturell, erweitern Horizonten und verbessern die zwischenmenschliche Beziehungen. Ich verbrachte ein großes Teil meiner Kindheit in Lemberg, und ich liebe Lemberg auch sehr. Vielleicht sogar ein Bisschen mehr als Kyiv. Lemberg ist mehr offen und freundlich, und westlich. Meine Familie hatte dort nie Probleme wegen der Sprache. Nie haben sie dort Faschisten getroffen. Ich sprach mit meinen Freunden mal Ukrainisch, mal Russisch.  Alle haben immer einander respektiert. Und niemand hatte je mir vorgehalten, dass ich Russin bin.

Aber in Russland habe ich das Gegenteil gesehen! Mein Vater studierte eine Zeit lang in einer Militärakademie in Moskau. Und obwohl er Russe ist, wurde er dort immer “Hochol” genannt. (So nennt man in Russland von jeher abwertend die Ukrainer). Später lebten wir etwa ein Jahr in Sibirien (Tschita Region), weil mein Vater dorthin zum Dienst geschickt wurde. Das war schlechteste Zeit meines Lebens! Dort wurden alle aus der Ukraine als “Hochly” beschimpft. Und keine ollte mit mir befreundet sein, außer einem Mädchen aus Zaporizhzhya. Wir waren beide aus “Hochljandien”. Zum Glück konnten wir nach einem Jahr nach geliebten Kiew zurückkehren. Und ein Mal waren wir im Urlaub in der Nähe von Moskau. Das war nach Tschernobyl. Und dort sagten die dortigen Russen zu uns “(radioaktiv) verpestete Hochly” und mieden uns wie der Teufel das Weihwasser. Also habe ich mehr als genug Chauvinismus in Russland gesehen. Der war da schon immer. Doch jetzt wurde er zum Stadium des Faschismus aufgeblasen.

Denkt nicht, meine lieben russischsprachigen Landsleute, dass ihr in Russland willkommen seid und gut behandelt werdet. Uns russischsprachigen aus der Ukraine erkennt man dort sofort an unserer weicheren Aussprache. Sogar mit einem russischen Pass werdet ihr für immer für Russen “Hochly” bleiben. Und dies nicht scherzhaft sondern ganz böse gemeint. Und nun nennen sie uns alle, egal ob man Maidanunterstützer oder Maidangegner war – “Maidanutyje” (Maidanveressene) und Benderiten.

Viele Grüße von einer russischen Benderitin, noch dazu einer Maidanversessenen. 😉

PS: Es war für mich schwierig auf Russisch zu schreiben, da dies die Sprache des Aggressors sei. Es schmerzt sehr, dass meine Heimat Ukraine sich jetzt unter den Stiefeln der Okkupanten befindet. Okkupanten, die den faschistischen Befehlen Putins folgen, unterstützt durch das zombierte Russland -Volk. Ich wünsche mir sehr, dass sie aufwachen.

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Quelle: Facebook   https://www.facebook.com/maryna.mudra

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