Charis Haska: Und dennoch lächeln sie…

Charis Haska: Und dennoch lächeln sie…

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/612694325463929?stream_ref=10

Zur Zeit reichen immer ein bis zwei Begegnungen pro Tag, um für mindestens einen Tag sehr traurig zu sein. Heute früh hatte ich Weltgebetstagsvorbereitung mit den deutschen Frauen. Ein wenig verspäteten sie sich, die eine hatte noch mit ihrem Jetlag von einem Auslandsaufenthalt zu tun. Die beiden Anderen hatten ihre Fahrt ins Zentrum damit verknüpft, vorher noch schnell Blumen zum Maidan zu bringen.

So blieb mir noch ein knappes halbes Stündchen, um die Menschen wahrzunehmen, die als Gäste in unserem Lazarett sind. Auf den Bänken saßen drei der Kranken, die in den letzten Tagen ihre fiebrigen Infekte in unseren Räumen hatten kurieren lassen. Sie hatten schon gemusterte Jacken in Tarnfarben an und waren sehr, sehr still. Obwohl sie noch nicht gesund sind, wollen sie schon zurück auf den Maidan. „Die Zeit läuft uns davon, es gibt noch so viel zu tun.“ erklärte mir einer von ihnen.

Ein Arzt, kam hinzu. Er lächelt immer so freundlich und aufgeschlossen. Sein Russisch klingt, als spreche er eine Fremdsprache. Aus der Westukraine kommend, spricht er normalerweise Ukrainisch. Er selber war schon vor längerer Zeit zunächst als Kranker zu uns gekommen, dann als Freiwilliger in unserer Kirche geblieben. Neulich, vermutlich am Freitag, hat er zu Ralf gesagt: “Wie gut tut es doch, dass man jetzt endlich wieder seine Meinung sagen kann, ohne Angst zu haben.“

Ja, und wie gut ist es doch, das wir Euch jetzt auch mehr von den Menschen berichten können, die für eine gewisse Zeit bei uns Unterschlupf finden – ohne Angst zu haben, dass wir sie dadurch gefährden.

Lächelnd, nein strahlend wie immer, kam er also auf mich zu und drückte mir einen DINA 4 Block in die Hand, mit der Bitte, selbst etwas hinzuzufügen. „Welche Anforderungen stellen Sie an die neue Regierung?“ fragte er und so lautete auch die Überschrift, der auf dem Block begonnenen Liste. Ich wehrte zunächst ab, sagte, dass ich doch kein Recht dazu habe, da ich nicht ukrainische Staatsbürgerin bin. „Doch, doch, doch, natürlich sollen Sie etwas hinzufügen. Und vielleicht später noch mehr.“ drängte er.

Ich las also, was die Männer schon geschrieben hatten: „1. Sauberes Trinkwasser in jedem Haushalt 2. Ein menschliches Umgehen mit allen Bürgern.“ Mir fiel ein, dass ich gestern einen Vorschlag, oder gar Beschluss gelesen hatte, die Reichtümer von Mezhigirja sollen dem Kinderkrankenhaus OchMaDyt zugute kommen. Im ersten Moment hatte ich das großartig gefunden, weil ich mit den Kindern da schon wiederholt zum Röntgen war und es immer mehr als ärmlich fand. Dann fielen mir aber Berichte von Bekannten ein, dass es auf dem Land kaum mehr funktionierende Krankenhäuser und überhaupt unbeschreiblichen Mangel an allem gibt. So schrieb ich „3. Bitte denken Sie vor allem an die Dörfer!“

Nach mir nahm ein junger Mann die Liste, den Doris später wegen der Form seiner Augen (nicht asiatisch) als ziemlich exotisch aussehend charakterisierte. Er setzte sich damit lange in die Bibliothek und schrieb und schrieb. Ich bat schließlich, dass ich es lesen dürfe: „4. Gebt allen, die auf dem Maidan gekämpft haben, die ukrainische Staatsbürgerschaft, egal, ob Weissrussen, Russen oder Anderen.“ hier folgte eine ausführliche Begründung, die ich inhaltlich nicht ganz nachvollziehen konnte, mit dem Schluss: „Wir alle wissen, dass Russland seit 1917 de facto so nicht existiert hat.“ den er mit seinem Namen und persönlichen Daten signierte. Diesen Satz las ich dann laut vor, und die beiden anderen Männer stimmten sofort aus vollem Herzen zu. „Was hat er denn gemacht, der Lenin? Überall hat er Territorien geklaut und als russisches Gebiet erklärt.“ Ich fragte den jungen Mann, woher er komme. Aus Baschkirien („Russland“). Auch er hatte auf dem Maidan mitgekämpft.

Der Arzt kam wieder, und erzählte mir: „Wir haben seit gestern einen jungen Mann oben, der aus dem SISO entlassen wurde. Am ganzen Körper ist er zerschlagen. Er muss liegen. Wir hoffen, dass wir ihn morgen zur Behandlung nach Deutschland schicken können. Wollen Sie nicht mit hochkommen und mit ihm sprechen?“ SISO ist eine bestimmte Sorte von Gefängnis, ich habe noch nicht ganz verstanden, welche. Vermutlich U- Haft. Ja, natürlich wollte ich hochkommen, doch nicht sofort, da gleich die tüchtigen Mädels zu erwarten waren. Sie kamen dann auch bald und waren zutiefst berührt und bedrückt von dem, was sie auf dem Maidan gesehen hatten.

Nach der Vorbereitung wollte ich erst noch aufräumen und meine Sachen packen. Dabei überlegte ich, wie ich wohl die Begegnung mit dem jungen Mann oben anknüpfen wollte. Denn der Arzt war nirgends mehr zu sehen. Als ich gerade die letzte Tasse gespült hatte, kam eine Gestalt in die Küche, mit weiten, weißen Hosen. Graues Sweatshirt. Die Kapuze weit ins Gesicht gezogen. Unglaublich erschöpftes, etwas aufgequollenes Gesicht mit vollem Haar und eigentlich schönen Augen, die aber sehr fremdartig dreinblickten. Er bewegte sich sehr vorsichtig in gekrümmter Haltung. Ob er etwas Kaffee haben dürfe? Ich begriff: Das ist er. Stellte mich ihm vor. „Sehr angenehm.“ Ich erzählte, dass ich sowieso noch zu ihm hatte kommen wollen und bot ihm Kaffee und Kuchen an.

Was er mir erzählte, war soviel und schrecklich, dass ich es nur zum Teil behalten habe. Acht Berkutleute waren über ihn hergefallen und hatten gleichzeitig auf ihn eingeprügelt, erzählte er mir lächelnd. Ich hab so ein Lächeln noch nie gesehen: Sein ganzes Gesicht wirkte starr und traurig, aber sein Mund lächelte, fast ein wenig schelmisch. „Sie schrieen: Wir zerreißen Dich als Präsent.“ Wie bitte, als Geschenk? „Ja, na, wie soll ich sagen… als Trophäe… und prügelten immer weiter.“ Er nahm einen Schluck von meinem ägyptisch gewürzten Kaffee: „Oh, ist der lecker. Dankeschön. – Danach haben sie uns sechs Stunden durch die Stadt gefahren, damit wir ja nicht mitbekommen, wo wir uns befinden. Danach vier Stunden verhört. Hinten auf den Kopf geschlagen. Nichts zu Essen, oder zu Trinken. Dann ab in den Käfig. Weiter nichts zu Essen, nichts zu Trinken. Erst später zum Arzt. Zwei volle Tage und Nächte ohne Nahrung und Getränk…“

Wieder dieses Lächeln. „Sie lächeln, aber ich spüre, dass Ihnen gar nicht zum Lachen zumute ist.“ sagte ich. „ Ich war in meiner Abteilung einer der Kommandeure. Deshalb hatten sie so ein Verhältnis zu mir.“ sagt er. „Das war die Berkut von der Krim.“ – „Und Sie selber, woher kommen Sie?“ fragte ich. Auch aus einer Stadt im Süden der Ukraine. Wieder dieses Lächeln.

Höflich bedankte er sich für Kaffee und Kuchen und erhob sich ganz langsam, ohne irgendein Stöhnen. Als er schließlich einigermaßen gerade stand, lächelte er entschuldigend: „Meine Rippe ist gebrochen. Jede Bewegung tut weh.“ und verließ langsam die Küche.

Es dauerte noch einen Moment, bis ich all meine Materialien zusammengesammelt hatte und die Kirche verließ. Da stand die Gestalt draußen, mit dem Rücken zu mir, im Gespräch mit einem etwas zerzaust aussehenden, älteren Mann. Als ich mich umdrehte, hatte er einige langstielige rote Nelken im Arm und lächelte zum Abschied.

Unser Nachbar begrüßte mich zu Hause ebenfalls lächelnd, wie immer rauchend auf dem Treppenabsatz. Begeistert rief er mir zu: „Eben hat Bresenski (???) einen hervorragenden Vorschlag gemacht: Man soll an die zehn reichsten Oligarchen der Ukraine herantreten – das sind alles Milliardäre – und ihnen vorschlagen, dass jeder eine Milliarde an die Staatskasse zurückgibt. Davon werden sie nicht arm und sie werden uns keinen Krieg erklären.“ Ich sage: „Es wäre besser, wenn sie alles zurückgeben und dann in eine Chruschtschowka mit kaputter Toilette umziehen.“ – „Da werden sie wohl kaum freiwillig tun, und wenn wir sie darum bitten, dann gibt es Krieg. Aber mit einer Milliarde pro Mann ginge es dem Land schon wesentlich besser, damit ließe sich schon ordentlich was anfangen.“ Ich frage: „Aber werden sie es wirklich tun? Sie sind doch gewohnt, zu betrügen….“ — „Ja,“ sagt er. „Sie wissen doch, wie das ist. Revolutionen werden ausgedacht von Romantikern, wie Ihnen und mir. Durchgeführt werden sie von Menschen mit brennenden Herzen. Und profitieren tun…- die Schurken.“

Etwas später. Hundespaziergang. Eine Nachbarin, eine ältere Dame aus einem anderen Aufgang strahlt mich an. „Na, wie gefällt Ihnen unsere Revolution?“ Sie ist die Erste und Einzige seit dem Samstag Abend, die begeistert lächelt, als ich auf Julia zu sprechen komme. „So eine starke Frau! Hoffentlich ist sie bald gesund. Sie sollte besser nach Israel zur Behandlung fahren, da kann man Rückenleiden am besten behandeln. Sie wäre wirklich eine würdige Präsidentin…“ Sie hat Julias Rede im Fernsehen mit verfolgt. Und will mir nicht glauben, dass drei meiner Bekannten unabhängig voneinander mich haben wissen lassen, dass es auch Buhrufe und bei weitem nicht nur Begeisterung gab bei Julias Stardebut am Samstag. „Aber was haben Sie denn bloß? Sie hat doch keinerlei Anspruch auf ein politisches Amt erhoben. Und wie würdig sie geredet hat! Wie damals, frei gesprochen und so gut formuliert.“ – „Hätten Sie sie auch damals gern als Präsidentin gesehen?“ frage ich. „Ja, natürlich. Aber dass man so einen niederträchtigen Betrüger an die Macht lassen konnte, der sich so hemmungslos bereichert… Sehen Sie, so ist unser Volk eben!“

Ob sie sich des Grotesken ihrer Stellungnahme bewusst ist?

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