Charis Haska: “Und wir werden nicht gehen, bis wir sie besiegt haben.”

Charis Haska: “Und wir werden nicht gehen, bis wir sie besiegt haben.”

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/608496462550382?stream_ref=10

Auf dem Weg zu BILLA am bessarabischen Markt kam ich heute mittag die Treppe zum Kreschtschatik herunter. Auf halber Höhe sah ich vor den Barrikaden einen kleinen Menschenauflauf, eine Reihe mit Verteidigern des Maidans, die unbeweglich stand, eine Traube von Menschen, jemand redete offensichtlich auf Personen mit Kurzhaarschnitten ein. Zwei Männer fotografierten von oben.
Auf dem Rückweg, vielleicht eine halbe Stunde später, war von dem unklaren Schauspiel nichts mehr zu bemerken.

Mir wird jetzt manchmal ein bisschen unwohl, wenn ich auf der Straße kleinen Grüppchen von dunkel gekleideten, kurzhaarigen Männern jüngeren bis mittleren Alters begegne.

Meine Güte, der BILLA war fast wie ausgestorben! Was hab ich da sonst Samstags lang an den unpraktischen Kassen angestanden… (In unserem kleinem Supermarkt an der Luteranska mit dem “regionenblauen” Firmenemblem und den vielen Lebensmitteln aus Firmen der sogenannten “Familie” bin ich seit einiger Zeit auch fast die einzige Kundin. Letzte Woche hab ich die neue Kassiererin gefragt, wie sie es sich erklärt, dass es im Geschäft so still sei. “Ja, ” meinte sie allen Ernstes, “weil der Januar finanziell ein schwieriger Monat ist. Sie verstehen: Die Feste sind vorbei, die Leute haben sich mit den Ausgaben völlig übernommen und müssen sparen.” (Das hab ich auch in den letzten Jahren am Jahresanfang öfters mal gehört und es ist ja auch was dran.) – “Aber der Januar ist doch schon längst vorbei!” wandte ich ein. Sie blickte mir in die Augen und sagte emotionslos:

“Tja, die Zeiten ändern sich.”

Ich bin verwundert, wie man mit Worten offenkundige Zusammenhänge so totschweigen kann.

 

Da ich mit der Gemüsequalität bei BILLA meist nicht zufrieden bin, hab ich heute noch einen Abstecher auf den teuren Bessarabischen Markt gemacht, den ich sonst meistens nur als Augenweide und Nasenschmaus für Gäste aus Deutschland nütze. Den völlig überteuerten Brokkoli und für seinen Preis viel zu kleinen Blumenkohl hab ich zu Gunsten eines großen schwarzen Rettich und Möhren zurückgewiesen, obwohl die Verkäuferin mir sehr eindringlich 5 Griwna Preisnachlass geben wollte.

Als ich das Marktgebäude verlassen wollte, war mir doch glatt eine andere Verkäuferin hinterhergeschlichen und winkte mich verstohlen zu ihrem Stand: “Kommen Sie, Pani, kommen Sie!” Sie drängte mir regelrecht ihren Blumenkohl “viel billiger” auf. “Da drüben ist es immer viel zu teuer!” versicherte sie mir. “Sie sind erst an unserer Reihe vorbeigegangen. Dann hab ich Sie da drüben beobachtet. Mögen Sie nicht noch etwas Brokkoli?” – “Sagen Sie mal, werden die anderen Verkäuferinnen da drüben jetzt nicht umbringen?” fragte ich, denn natürlich waren wir vom ersten Stand aus gut zu beobachten. “Nein. Denn an meinem Stand bin ich selbst die Besitzerin. Die da drüben sind bloß Verkäuferinnen.” Ich war so verdutzt, dass ich sogar zwei kleine Köpfe Blumenkohl nahm. Die Händlerinnen am Bessarabischen Markt waren ja schon immer frech, aber so etwas Schräges war mir nun doch noch nie passiert. (Immerhin hab ich mir im Dezember erzählen lassen, dass die Händlerinnen ihre gesamten Speckvorräte auf den Maidan geliefert haben.)

So spüren wir, dass es wirtschaftlich massiv bergab geht. Ich frage mich, wie die Leute damit leben können.

 

Nach dem Kindergottesdienst fragte mich ein Vater nach der Telefonnummer der Kirche. Sein Kind geht in die Schule, die direkt neben unserer Wohnung liegt. “Es könnten Situationen eintreten, in denen Mama das Kind nicht rechtzeitig von der Schule abholen kann. Darf es dann hier in der Kirche sitzen?

 

Eine Tageszeitung, etwa vom Niveau der BILD, hat anläßlich des gestrigen Valentintags einen großen Artikel veröffentlicht: Eine Journalistin hat sich undercover auf einer Dating- Seite im Internet mit einem Berkutmann verabredet, ist mit ihm spazieren gegangen, als wolle sie sich auf eine Verlobung einlassen und hat ihn nach seinen Einstellungen ausgehorcht. Auf der Titelseite der Zeitung war eine Berkutabteilung groß abgebildet, einer der Soldaten näher ins Visier genommen – und dazu die Balkenüberschrift: “Ich verstehe die Menschen auf dem Maidan – aber wir werden nicht weichen, bis sie weg sind.” Die Journalistin schildert den jungen Mann als intelligent, gebildet und sypathisch, schließt aber ihren Artikel mit dem Gedankengang: “Ich werde mich nicht mehr mit ihm treffen. Wozu ihm Kopfzerbrechen verursachen? Ich brauche ihn nicht…”

Meine Freundin, die mir den Artikel zeigte, erzählte mir von einem Bekannten auf dem Maidan, der ihn auch gelesen hat. Seine Reaktion: “Und wir werden nicht gehen, bis wir sie besiegt haben.”

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