Charis Haska: Buntes Leben

Charis Haska: Buntes Leben

Original: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/651679448232083

Zwanzig Minuten Hundespaziergang reichen für mehrere interessante Begegnungen. Ich treffe Vika und frage nach Einzelheiten der Eigentümerversammlung mit Lewtschenko. „Ach,“ schmunzelt sie. „Das war gar nicht   d e r   Lewtschenko.“ Nanu? Gibt’s da noch mehrere? Nein, die Auflösung des Rätsels ist noch spaßiger: „Also, im Hof standen die Leute unter Regenschirmen. Und dann kam ein Onkel, definitiv nicht Lewtschenko, und hinter ihm trugen sie ein riesiges Plakat mit seinem Portrait. Das hielten sie dann hinter ihm hoch, während er den Leuten ausführlich etwas erzählte. Es wirkte jedenfalls total komisch. Und der Fakt, dass sie sozusagen von Hof zu Hof mit ihrer Versammlung hausieren gehen, ist doch grotesk, oder?“

Oft kann man in Kiew Leute treffen, die einen ganz vertrauensvoll nach dem Weg zu einer bestimmten Adresse fragen. Das resultiert nicht nur aus der kommunikationsfreudigen Mentalität der Ukrainer, sondern auch aus der oft jeglicher Logik entbehrenden Nummerierung der Häuser. Diese können nämlich durchaus in zweiter Reihe oder irgendwo um die Ecke zu finden sein. Das Haus tief hinten im letzten Hinterhof kann eine völlig andere Nummer tragen. Der Eingang zum gesuchten Haus kann sich sogar ausschließlich in einer völlig anderen Straße befinden. Ein Haus kann zugleich die Hausnummer der Hauptstraße und die der sie kreuzenden Straße tragen, wobei in der Adresse dann natürlich nur die eine Straße auftaucht. Die Nummern sind durch einen Schrägstrich getrennt. Ein solches Haus wird von der Taxifirma nur gefunden, wenn man die eine Nummer –Schrägstrich – die andere Nummer angibt. Ich wundere mich also nicht über die gepflegte Dame, die mich anspricht, um zu erfahren, wie sie das Haus Kruglouniversitetska Nr. 13 findet. Obwohl ich die Straße gut kenne, fällt mir nicht ein, wo dieses Haus stehen könnte. Gedächtnislücke? Die Dame will ungeachtet meines Abratens jetzt in der Luteranska weitersuchen, mein mündlicher Stadtplan mit deutschem Akzent war ihr wohl nicht überzeugend genug. Wenige Minuten später erblicke ich in der Kruglouniversitetska den großen weißen Lastwagen mit der Aufschrift „Patriot“. So oft hab ich ihn schon in den letzten Jahren in der Luteranska gesehen, dass ich sofort weiß, dass er vom Film ist. Was die wohl auf meiner kleinen Hundesalatwiese filmen wollen? Während ich im Gehen überlege, wie ich auf die feinste Weise meinen Wolf im Schafspelz an den Leuten vom Film vorbeilotse, treffe ich die Dame schon wieder. „Das bedeutet, dass Sie das Haus noch nicht finden konnten? Vielleicht mögen Sie es noch in der kleinen Gasse versuchen, die entlang der iranischen Botschaft den Berg hinunter führt?“ schlage ich vor. „Nein, ich habe jetzt gefunden, wo ich hin muss. Nämlich hierher, zu den Aufnahmen.“ Sie bedankt sich ganz herzlich. Ich bin neugierig: „Dann sind Sie also Schauspielerin?“ frage ich. Sie bestätigt es bescheiden. Jetzt fällt mir auch auf, dass sie sehr stark, aber nicht geschmacklos, sondern einfach ausdrucksvoll geschminkt ist. „Darf ich fragen, was Sie hier drehen?“ – „Ein paar Aufnahmen für den Film <Elektritschka>. Wir werden hier entlang gehen und uns einfach zeigen. Sie werden aufnehmen, wie wir hier unterwegs sind.“ erzählt sie bereitwillig. „Klasse!“ sage ich. „Wann werden wir den Film denn zu sehen bekommen?“- „Oh, das muss ich erst in Erfahrung bringen.“ lächelt sie. Ich wünsche ihr viel Erfolg und damit hätte unsere Begegnung eigentlich beendet sein können. Ich will sie ja nicht aufhalten. Aber jetzt beginnt sie ein freundliches Gespräch mit Nellie und erzählt mir von ihren Hunden und ihrem Garten. Als ich ihr für die Aufnahmen gutes Wetter wünsche, seufzt sie und sagt: „Wie sehr wir alle diesen Regen über haben. Ich habe ein paar Kirschbäume. Und Sie werden es nicht glauben: Die Kirschen sind noch grün und faulen schon jetzt.“ Ich freue mich, so ungezwungen mit einer Filmschauspielerin plaudern zu dürfen, freue mich an ihrer temperamentvollen Stimme und Diktion. Als ich schließlich gehe, ruft sie mir nach: „Ich erkundige mich, wann der Film fertig ist. Und wenn Sie mit dem Hund vorbei kommen, teile ich es Ihnen mit. Sie sind doch gewiss öfters hier unterwegs…“

Als ich an der Kirche ankomme, ist unser Küster gerade mit seinem uralten, klapprigen Polo vorgefahren. „Ich hab heut ein bisschen verschlafen.“ sagt er verlegen. Ich will schon sagen, dass er doch pünktlich den Dienst angetreten hat, da fügt er hinzu: „Wenn man nicht vor sieben Uhr die Brücke vom linken Ufer überquert hat, dann lässt man es wegen der Staus besser bis zehn Uhr bleiben…“. Er bittet mich, eine Bitte um Fürbitte für die Arbeit unseres Lazaretts zu teilen (siehe meinen vorangegangenen Eintrag). Er erzählt mir, dass sie sich in den letzten Monaten darum gekümmert haben, etliche der Verletzten in der Privatklinik MEDIKOM untersuchen zu lassen. Denn dort sind die Geräte am modernsten. „Und dann stellte sich heraus, dass etliche der hervorragenden Spezialisten zusätzlich zu ihrer Arbeit dort auch auf dem Maidan aktiv waren und Verständnis dafür hatten, dass wir ihnen diese Kranken gebracht haben. Aber die Behandlung da, Sie werden es selber ja wissen, ist entsetzlich teuer.“ Meine Frage, welchem Oligarchen MEDIKOM gehört, kann er mir nicht beantworten. Ich finde es widerlich, dass Leute heimlich mit den Krankheiten anderer reich werden und äußere den Wunsch, dass doch alle ukrainischen Bürger mit den modernsten Methoden und Geräten behandelt werden könnten. „Tja, bei Euch in Deutschland gibt es ein funktionierendes System von Krankenversicherungen. Da ist so was möglich. Aber hier wird die Medizin von der Korruption dominiert. Deswegen gefällt mir ja das Programm von Olga Bogomolets so. Sie möchte ein Gesundheitswesen nach europäischem Vorbild einführen. Aber das geht denen, die was zu sagen haben, so gegen den Strich, dass sie ihr nicht mal einen Posten als Ministerin gönnen wollen.“

Kurz vor unserem Haus stutze ich. Am Fuß der Bauruine liegen zwei in durchsichtige Folie eingesiegelte Stapel grellbunter Zeitschriften. Neugierig trete ich näher. Wahlreklame? Ein gepflegter Mann, Mitte dreißig, tritt herzu: „Haben Sie ein Mädchen zu Hause? Dann bedienen Sie sich bitte. Nehmen Sie eine Mädchenzeitschrift mit, die überhaupt nichts mit Politik zu tun hat!“ Bereitwillig blättert er mir ein Exemplar im Querformat auf. Comicfeen und Prinzessinen zum Stickersammeln. Ich frage, wer solche Zeitschriften herausgibt. Es dauert einen Moment, bis ich verstehe, dass mit „Burrrdá“ BURDA gemeint ist.

Meine Haushaltshilfe erzählt mir, dass in einem Bezirk in der Ukraine gestern ein fünfstündiger heftiger Regen und lang andauernder Hagel alles Gesäte und Gepflanzte in den Gärten und auf den Feldern vernichtet hat. Sie erzählt mir von ihrem eigenen Stück Land, mehr als 80 Kilometer von Kiew entfernt, von ihren Kartoffeln, Radieschen, Zucchinis und Tomatenpflänzchen. „Aber ich muss jetzt immer gut überlegen, ob wir es uns überhaupt leisten können, da raus zu fahren. Eine Tankfüllung kostet 600 Griwen. Das bedeutet, dass unser eigenes Gemüse ganz schön teuer wird…“

Außerdem berichtet sie, dass Aktivisten vom Maidan sich etwas dazu verdienen durften, indem sie Straßenreparaturarbeiten und Renovierungsmaßnahmen in dem Abschnitt der Uliza Gruschewskogo durchführten, wo die Kämpfe stattgefunden haben. Theoretisch hätten sie da Geld verdienen können: „Aber jetzt werden sie nicht bezahlt. Es wird behauptet, dass man das Geld dem Vorarbeiter zum Verteilen anvertraut habe. Der aber habe sich damit aus dem Staub gemacht…“ – „Haben Sie den Eindruck, dass bewusst solche Gerüchte in die Welt gesetzt werden, um dem Ansehen des Maidan zu schaden?“ frage ich. „Ja, das ist durchaus möglich. Was man da jetzt so alles zu hören bekommt: Zum Beispiel, dass auf dem Maidan nur noch Obdachlose und Taugenichtse herumhängen …“

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