Dr. phil. Alexei Schewtschenko: Faschismus als eschatologische Religion in Russland

Vorbemerkung:
Wer heutzutage für die Ukraine eintritt oder sich auch nur offen zu seiner ukrainischen Ethnizität bekennt, wird fast unweigerlich von bestimmten Kreisen schon einmal als Faschist beschimpft worden sein. Ukrainefreunde diagnostizieren an diesem technologischen Name-Calling („Faschist“, „Benderowez“, „Banderlog“, „Wyshywanka-Träger“, „Mai-Downs“ „Kiewer Junta“) seitens prorussischer und bestimmter „antifaschistischer“ Kräfte ihrerseits faschistische Erkennungsmerkmale. Nachdem der Faschismusbegriff in aller Munde ist, möchte Voices of Ukraine mit der folgenden Übersetzung eines Fachartikels von Dr. phil. Alexei Schewtschenko einen Beitrag zur Klärung der Definition von Faschismus im postsowjetischen und speziell im russischen Kontext liefern.

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Der Artikel wurde ursprünglich bereits im Jahr 2010 veröffentlicht bei RISU, dem Religionsinformationsdienst der Ukraine, einem Projekt der Ukrainischen Katholischen Universität, als Reaktion auf eine schon damals von der Redaktion diagnostizierten fanatischen Verbreitung der Idee der „Russischen Welt“ (Russki Mir) durch Apologeten und Quasitheologen in der Ukraine. Die Redaktion sah schon damals Verbindungen zu dem frühen Alexander Dugin.

Faschismus als eschatologische Religion in Russland

Dr. phil. O. Schewtschenko

Dr. phil. O. Schewtschenko

In Russland wurden die Voraussetzungen geschaffen für eine mögliche Allianz zwischen einzelnen Politikern, Vertretern der regierenden bürokratischen Elite, Vertretern der höchsten Ränge der Armee, Intellektuellen und Humanisten und Massenbewegungen (insbesondere Jugendbewegungen), die bereits unter offen faschistischen Losungen auftreten und damit deutsche nationalsozialistische Muster kopieren.

Die ideelle Grundlage für einen hypothetischen Zusammenschluss der genannten gesellschaftlichen Schichten und Kräfte ist ein nebliger Nationalpatriotismus, der eine konzeptuell unausgeprägte, vorwiegend emotionelle negative Einstellung gegenüber dem Westen zeigt und einen besonderen Russischen Weg in der Weltgeschichte deklariert, welcher aus der Tradition des Kollektivismus und der Orthodoxie (im Gegensatz zum westlichen Individualismus) und einem unmittelbaren Gefühl von „Russlands Größe“ und seiner weltumfassenden Mission erwächst.

Diese Prozesse stellen Analytiker vor eine ganze Reihe von Fragen, unter denen die womöglich größte die Frage nach den Kriterien für die Qualifizierung einer sozialen Strömung als einer faschistischen Strömung sowie die Frage nach den wesentlichen Unterschieden zwischen diesen sozialen Erscheinungen und typologisch ähnlichen Tendenzen wie Rassismus, Gewalt, autoritären Regierungsformen und dergleichen ist.

M. Mamardaschwili hat, gleichsam den heutigen Wirrwarr um den Faschismusbegriff voraussehend, bereits in den 1980er-Jahren geschrieben, dass man unter „Faschismus“ in der Regel extremen Nationalismus oder Rassismus verstehe. In Wirklichkeit jedoch sei Faschismus charakterisiert als die Ablehnung einer bürgerlichen Gesellschaftsordnung sowie eine auf dieser Ablehnung fußende unkonventionelle Art der Machtausübung. Daher auch die auf den ersten Blick unerwartete Verwandtschaft mit dem „wissenschaftlichen Sozialismus“. Das zentrale Motiv des Faschismus – die „Reinheit“ oder auch „alchemistische Reinigung“ kann auf einer sozialen, rassischen oder irgendeiner anderen Tonleiter spielen und die Tonleitern vielgestaltig wechseln und mischen [Mamardašvili M. Neobhodimost’ sebâ. – M., 1996, 181].

Nimmt man Mamardaschwilis Faschismusdefinition zur Grundlage, stellt sich die Frage, welcher Instrumente sich faschistische Systeme bedienen, um die Grundlagen der europäischen zivilen Ordnung zu zerstören. In Anbetracht dessen, dass Faschismus nicht nur einfach eine Art von sozialer Theorie oder Weltsicht ist, sondern sich auch auf bestimmte Automatismen psychischen Reagierens und sozialen Verhaltens stützt, erscheint es dem Autor zielführend, das Phänomen des Faschismus unter den Aspekten Ideologie, Mythologie und Technologie zu untersuchen.

Faschismus als Ideologie

Was seine Opposition gegen die Hauptpostulate der Aufklärung als der bedeutendsten theoretischen Quelle für die Begründung der Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft angeht, so hat der Faschismus unter seinem theoretischen Aspekt einige Intuitionen des europäischen Romantizismus geerbt.

Als kurze Formel dieser Strategie kann Berdjajews Credo eines „Neuen Mittelalters“ dienen (die Arbeiten des Philosophen N. Berdjajew erfreuten sich bei den Ideologen des deutschen Faschismus ja großer Beliebtheit). Die erwähne Opposition zieht sich buchstäblich durch alle grundlegenden Denkmuster und kulturellen Werte. Dem aufklärerischen Universalismus wird der Kult des Partikulären, Eigentümlichen und Lokalen entgegengestellt; dem rechtlich-juristischen Gesellschaftsvertrag ein feudales Treueideal; der Konzeption der Gleichberechtigung Aristokratismus und Hierarchie; den Werten von Markt und Geld ein Wohltäterkult; dem Atheismus ein religiöser Glaube; dem Rationalismus und dem Respekt vor der Wissenschaft eine neue Mythenschöpfung; dem Kosmopolitismus die nationale Idee; dem Traum vom ewigen Frieden Predigten von Krieg und Heldentum. Über alledem schwebt das Hassobjekt der „bourgeoisen Gesellschaft“ – und ihrer der Definition der Bourgeoisie wie auch in ihrem Hass gegen sie waren sich Karl Marx und Joseph Marie de Maistre völlig einig.

a) Die Ablehnung des „Westens“ (insbesondere der Vereinigten Staaten von Amerika, die den von den Traditionalisten wahrgenommen Wesenskern der westlichen Zivilisation vollständiger umsetzen als das Phänomen „Europa“). Der Westen wird gleichgesetzt mit dem Primat der Hochtechnologie, todbringender Waffen und der grenzenlosen Macht des Geldes. Eine traditionelle Gesellschaft reagiert auf ein solches Bild mit Fundamentalismus der ein oder anderen Form. Und ein jeglicher Fundamentalismus (sei es in seiner islamistischen, sei es in seiner orthodoxen Ausprägung) wird die erwähnten Merkmale des Westens als „Satanismus“ betrachten.

So charakterisiert E. Limonow, skandalumwitterter Schriftsteller und Gründer der Partei der Nationalbolschewisten (1993), die USA als den politischen Hauptfeind und bezeichnet sie als „den schlimmsten Satan, der den Menschen verderbt hat“ [Limonov È., Vojna osvežaet krov’ nacii (Krieg verjüngt das Blut der Nation) // Moskovskie novosti. — 1998, 28. Juni – 5. Juli]. In dem zitierten Interview deckt er die wichtige Besonderheit eines streitbaren extremistischen Traditionalismus in der Form von antiwestlicher Solidarität auf: „Wir vertrauen den Tadschiken, den Kalmücken und allen unseren asiatischen Brüdern mehr als einem mystischen Bündnis mit der NATO und Westeuropa“ [ibid.].

b) Die Idee des Nationalstaats als Antithese zu einer bürgerlichen Gesellschaft. Der Begriff der „Bürgergesellschaft“ ist eines der wichtigsten sozialen Merkmale eines westlichen Lebensstils, und seine Kritik ist ein wichtiger Teil der ideologischen Konsolidierung der Feinde der Bürgergesellschaft.

Was passt den Nationalideologen, Fundamentalisten und romantischen Utopisten allesamt nicht an dem europäischen Gesellschaftsmodell? Vor allem der Individualismus, der Egoismus, die Sonderstellung des Menschen (in der marxistischen Terminologie seine „Entfremdung“), das „kalte“ Prinzip einer Rechtsordnung, bei welcher die Judikative des Staates egoistischen, weil privatwirtschaftlichen Interessen dient.

Diese kennzeichnenden Merkmale des sozialen Aspekts einer westlichen „mangelnden Geistigkeit“, die Abwesenheit von „positiven Prinzipien“ und einer „gemeinsamen Sache“ geben Anlass zu konsequenter Opposition und der Suche nach irgendeinem vereinenden Prinzip. Das kann die Idee der Konziliarität, die Idee von einer vorherrschenden Klasse oder Nation sein, jedoch mutiert der Staat hierbei von einem Dienstleistungsorgan der Gesellschaft zum höchsten Garanten der öffentlichen Gemeinschaft, zu einem heiligen Mechanismus, der den höchsten Grad an Einheit versinnbildlicht. Es ist offensichtlich, dass in einem solchen Falle das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft im Vergleich zur westlichen Zivilisation auf den Kopf gestellt wird, da das aus sich selbst heraus als Wert begriffene „Staatswesen“ konkrete Individuen und die Gesellschaft als Ganzes vollständig gleichschaltet.

c) Das Feindbild, das als Fundament für die Konsolidierung des nationalen Selbstbewusstseins dient und eine Strategie der nationalen Wiedergeburt in den Kategorien Kampf und Krieg ermöglicht.

Wo zu Zeiten des 1. Weltkriegs Großbritannien als Sinnbild eines „dreckigen“ Krämergeistes herhalten musste, personifiziert sich für den modernen Integristen das Feindbild in den mythologisierten Figuren des Amerikaners und des Juden.

Die vorstehenden Merkmale einer romantischen Retro-Utopie sind untrennbarer Bestandteil jeder faschistischen Ideologie. Allerdings ist das Vorliegen dieser Merkmale nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung dafür, dass eine Lehre integristischer Natur auch faschistische Züge annimmt. Damit sich eine gänzlich rechte und gänzlich konservative Ideologie in Faschismus transformieren kann, muss sie mit einem bestimmten Bewusstseinszustand und psychologischen Zustand zusammenfallen, von einer bestimmten körperlichen Motorik begleitet werden und in Brauchtum und Ritualen bestätigt und bestärkt werden. Mit anderen Worten, sie muss Züge eines archaischen Mythos mit seinen geheimnisvollen Mysterien und seinem emotional-extasischen Weltempfinden in sich aufnehmen.

Faschismus als Mythologie

Neben der unmittelbaren Kraft seiner emotionalen Wirkung hat ein Mythos noch eine weitere wichtige Besonderheit, ohne die eine jede nationale Ideologie zu einem Elfenbeinturmdasein verurteilt wäre. Die Rede ist dem Vermögen des Mythos, eine Antwort auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Bevölkerungsschichten und Menschen aus einem sehr weit gefassten intellektuellen Spektrum zu liefern.

Die Vielschichtigkeit des Mythos ermöglicht es, je nach Bedarf ein gesamtes politisches Programm auf Losungen wie „Stehlt, was gestohlen wurde!“ (Expropriation der Expropriateure) oder „Schlagt die Juden tot!“ zu reduzieren, es auf Wunsch aber auch zu einem feinsinnigen, quasiwissenschaftlichen Weltbild, einer Geschichtsphilosophie, Ethnogenese usw. ausweiten zu können. Ein solcher Mythos muss unbedingt über einen verborgenen, esoterischen Teil verfügen, der lediglich „Eingeweihten“ vorbehalten bleibt. In seinen konkreten historischen Erscheinungsformen stützte sich der Faschismus häufig auf solche Doktrinen von „Geheimem Wissen“, die es ihm erlaubten, Intellektuelle, Wissenschaftler, Ästheten, Künstler und Kulturschaffende zu rekrutieren. Das klassische Beispiel Deutschlands führt uns vor Augen, wie der nazistische Mythos einerseits seine vulgäre Version ausbildet (in einfachsten Thesen über die Größe der deutschen Nation, die Notwendigkeit der Zugewinnung von Lebensraum und der Vernichtung minderwertiger Völker), aber auch, wie er diese durch erlesene Metaphysik von „Eis und Flamme“, tibetische Kulte und komplexe meditative Praktiken ergänzt, die unter den ranghöchsten Hierarchen des Dritten Reiches weit verbreitet waren.

Das ideale Modell für die Institutionalisierung derartiger Geheimdoktrinen sind unserer Ansicht nach Organisationen, die von ihrer Struktur her zu einem gewissen Grad den Freimaurerlogen (für die Eliten) bzw. religiösen Sekten (für die niederen sozialen Schichten) ähneln. In der Praxis ist der Übergang zwischen beiden Formen fließend. Die Sekte entwickelt ganz automatisch Ähnlichkeit mit einer linksextremistischen Partei und ihr elitärer Teil zu etwas wie dem „Politbüro“. Der zentrale Nerv jeder geschlossenen elitären Gruppierung ist der Versuch, Geheimwissen zu erlangen, das Zugang zur Macht gewährt. Kennzeichen für die Bewahrung und Weitergabe solchen Wissens sind die hermetische Abgeschlossenheit, die genaue Dosierung von Informationen je nach Rezipienten und seiner Position in der Hierarchie, Okkultismus, Magie und die Berufung auf „dunkle Kräfte“. An der Grundfeste dieses Prinzips kann man das Sinnbild der professionellen ägyptischen Priesterkasten erkennen, mit denen sich die Anhänger von Geheimorden gern vergleichen.

Damit eine auf Geheimwissen fußende Doktrin als spezifisch faschistisch bezeichnet werden kann, muss sie mit dem Bild der Nation verknüpft sein, sie muss ein Szenario einer „Heiligen Geschichte“ anbieten, in dem eine konkrete Nation (die in Wirklichkeit rückständig und gedemütigt sein kann) einen prominenten Platz einnimmt.

Die „Russische Idee“ hat in ihrer historischen Entwicklung niemals den ethnischen Aspekt, sondern umgekehrt stets den staatlich-imperialien Aspekt (wir erinnern uns an den Mythos von Moskau als dem Dritten Rom des Mönchs Philotheus) sowie den religiösen Aspekt (die Orthodoxie) als Grundprinzipien seiner Identifikation und seiner Opposition gegen Europa betont.

Genau deshalb kann in Russland das authentisch faschistische Szenario nicht Fuß fassen. Die Verbreitung faschistischen Gedankenguts erfolgt stattdessen vielmehr in gemischten, eklektischen, „rotbraunen“ Formen. Aus genau diesem Grunde wird im Zusammenhang mit Russland der Begriff des Kommunofaschismus gebraucht, um dieses bunte Konglomerat an Bestandteilen zu charakterisieren, das für das spezifisch russische nationalpatriotische Bewusstsein charakteristisch ist. Die orthodoxe Ausrichtung des russischen Nationalpatriotismus blockiert das Eindringen heidnischer Kulte und extremistischer Sekten und verleiht dem Faschismus, den er gebiert, die Züge eines religiösen Fundamentalismus.

Faschismus als Technologie

In Unterschied zum ideologischen und mythologischen Aspekt hat der technologische Aspekt nicht die Wiedergabe und Reflektierung aller in der Wirklichkeit bestehenden Verbindungen oder eines vollständigen, logischen und unwidersprüchlichen Bildes dieser Wirklichkeit zum Ziel. Technologie ist von Anfang an ontologisch, ihr objektiver Systemcharakter entsteht von ganz alleine als Folge der Einführung konkreter Ausgangsparameter. Soziale Technologie ist wie eine Maschine: Einmal in Gang gesetzte Mechanismen arbeiten unabhängig vom Willen und den Absichten der Menschen, die sie in Gang gesetzt haben, und liefern Ergebnisse, die weit von den ursprünglich beabsichtigten Ergebnissen entfernt sein können.

Die Analyse des Faschismus unter dem Aspekt der Technologie ist keine weitverbreitete Disziplin, doch möglicherweise liegt gerade hier der Schlüssel zum tieferen Verständnis des Faschismus.

Zur Aufklärung der technologischen Basis des Faschismus ist der grundlegende Mechanismus zu beschreiben, der konkreten Erscheinungsformen dieser Automatismen und Stereotypen zugrunde liegt, welche sozialen und individuellen Formen eines faschistischen „Lebensstils“ gemein sind. Unserer Ansicht nach ist ein solches grundlegendes „Programm“ (um einen Begriff aus der Computerwelt zu gebrauchen) das Konzept der Apokalypse als kollektivem Erlebnis.

Faschismus als Strömung entfaltet sich immer vor dem Hintergrund eines erlebten Weltuntergangs, er ist immer apokalyptisch, was seinen Anhängern ungekannte Freiheiten von allen kulturellen Normen und Werten gewährt. Man kann diese Betrachtungen so weit führen, dass letztlich jede apokalyptische Philosophie im Kern faschistisch ist, da sie die Welt zu ihrem unvermeidlichen Untergang verdammt. Infolgedessen ließe sich Faschismus als „Chaos“ definieren, das nicht nur zur Norm, sondern zum Kult erhoben wurde. Die durchlebte Apokalypse verwandelt sich in einen unendlichen Karneval, in eine Fiesta, in eine „Kommunitas“ (um einen Begriff des Ethnologen Victor Turner zu gebrauchen). Im Rahmen eines solchen Festes erhält das Pogrom die Züge eines rituellen Opfers, und Terror wird zum Drehbuch eines religiösen Theaterspiels.

Das Ende des 20. Jahrhunderts und des zweiten Jahrtausends strukturiert den apokalyptischen Hintergrund und vertieft apokalyptische Wahrnehmungen. Die globalen Krisen, die den Planeten infiziert haben, werden als Erfüllung alter Prophezeiungen gesehen. Das Buch von Nostradamus ist zur Hausbibel der Intelligenz geworden, eine Welle an bereits zu Kitsch mutiertem Mystizismus hämmert die apokalyptischen Formeln schließlich in das Bewusstsein der Massen ein.

Faschismus unterscheidet sich von einem unbestimmten alltäglichen Eschatologismus hauptsächlich durch sein Ausmaß an Kristallisation und förmlicher Institutionalisierung. Wird das Maß überschritten, kommt es zu einer Resonanz, in deren Folge apokalyptische Weltwahrnehmungen in eine klar definierte Technologie eingeordnet werden, in ein System aus wechselseitig abhängigen Algorithmen, Szenarien und lokalen Spielregeln. Es sei angemerkt, dass alle analysierten Aspekte des nihilistischen Bewusstseins eine zutiefst technologische Dimension aufweisen und gerade mit der Universalisierung des Erlebens der Apokalypse verbunden sind. In erster Annäherung können die Bestandteile dieses Systems wie folgt beschrieben werden:

a) Das Primat des Ästhetischen vor dem Ethischen. Spiel als Variante des Prinzips „Alles ist erlaubt“.

Diese Besonderheit ergibt sich folgerichtig aus der Universalisierung des apokalyptischen Prinzips für die Strukturierung des menschlichen Bewusstseins und des menschlichen Seins an sich. Die Ästhetisierung des Verhaltens und des Seins im Faschismus hängt mit der Unverbindlichkeit des Letzteren zusammen. Dass die „schmutzige“, sündige Vergangenheit zurückliegt und sich gleichzeitig die Perspektive eines Goldenen Zeitalters (d. h. paradiesischen Zustands) öffnet, gibt den Menschen den Anlass zum Feiern. Der Amoralismus einer solchen „Endzeitsituation“ nimmt daher einen fast schon zwanghaften, rituellen Charakter an. Es gibt zahlreiche Zeugnisse von Ethnologen über eschatologischer Feste bei „primitiven“ Völkern, und alle diese Feste sind gekennzeichnet durch die bewusste Verletzung grundlegender moralischer Normen und Tabus und die Inszenierung eines nahenden Goldenen Zeitalters.

Der Apokalyptiker und Faschist Alexander Dugin (im Bild) sieht den Sinn der historischen Mission Russlands darin, dass durch das russische Volk die letzte göttliche Idee realisiert werde, nämlich die Idee vom Weltuntergang.

Der Apokalyptiker und Faschist Alexander Dugin (im Bild) sieht den Sinn der historischen Mission Russlands darin, dass durch das russische Volk die letzte göttliche Idee realisiert werde, nämlich die Idee vom Weltuntergang.

Für den Faschismus lässt sich sagen, dass solche archaischen Verhaltensmuster bewusst geformt und wiedererschaffen werden. Jedoch unterscheidet sich das mit Werten belegte destruktive faschistische Verhalten in heutiger Zeit grundlegend von den eschatologischen Feiern traditioneller Gesellschaften oder sogar dem deutschen Faschismus. Anders als bei den europäischen apokalyptischen Bewegungen des Mittelalters, die unter dem „Ende der Zeiten“ eine Vorausahnung eines Neuen Königreichs von Glück, Güte und Gerechtigkeit begriffen, und sogar anders als bei Hitler, der unter Rückgriff auf die Ideen von Arthur Moeller van den Bruck von einer neuen Weltordnung in Form des Tausendjährigen Reichs träumte, machen die modernen Apokalyptiker destruktives Verhalten zum Selbstzweck. Das Scheitern der Utopien des 20. Jahrhunderts machte die Zerstörung zum Selbstzweck, gebar jene Vielfalt an apokalyptischen Weltanschauungen, die man als apokalyptischen Nihilismus bezeichnen kann. In diesem Szenario ist der Tod nicht nur ein Augenblick, eine Phase des Neugeborenwerdens (wie bei den traditionellen Lehren), sondern er erhält absoluten Charakter, ist endgültig. Zum Beispiel sieht der bekannte moderne russische Apokalyptiker und Faschist Alexander Dugin den Sinn der historischen Mission Russlands darin, dass durch das russische Volk die letzte göttliche Idee realisiert werde, nämlich die Idee vom Weltuntergang [Ânov A. Ob ideâh i knigah Aleksandra Dugina (Über die Ideen in den Schriften Alexander Dugins) // Stoličnye novosti – 1998, 27. Jan – 3. Feb.].

Genau diese Ausrichtung auf außerinstitutionelles Verhalten im Rahmen eines Weltuntergangsfests, die Umsetzung eines „Alles ist erlaubt“, formt die Technologie zur Einführung eines spielerischen Ansatzes und zur Ästhetisierung aller Sphären des sozialen Seins. Schon ein oberflächlicher Blick reicht aus, um festzuhalten, dass totalitäre Gruppierungen trotz ihrer Hierarchie nicht nur aus einfachen Befehlsempfängern gebildet sind; ihre Mitglieder sind vielmehr ein eigentümlicher Untertyp von Huizingas Homo ludens. So überrascht nicht, dass totalitäre Bewegungen bei Künstlern so erfolgreich sind. Die Namen des Künstlers Alois Schicklgruber/Hitler, des begabten Kinderbuchautors Soso Dschugaschwili, die Liebhaber feinsinniger Poesie unter der ersten Generation der „Schwarzen Schar“ (wie Larissa Reisner oder der SR-Terrorist Bljumkin), Eduard Limonow oder bestimmte Vertreter der zeitgenössischen Rock-Kultur führen anschaulich die Bestrebung des Faschismus vor Augen, die Prinzipien von Kunst und kunstvoller Form auf die Organisation des Soziums und des ganzen Lebens auszudehnen und das Letztere in ein ästhetisches Schauspiel, ein Happening zu verwandeln, politisches Handeln gleichzusetzen mit der Regieführung über Massenaktionen, moralische Wahl mit offener Stilisierung, in deren Verlauf es manchmal schwerfällt, den eigentlichen Faschimus von einem „Spiel mit dem Faschismus“ zu unterscheiden.

b) Der Imperativ der Reinheit

Dieser Imperativ wird aus zwei unterschiedlichen Quellen gespeist und schließt dementsprechend zwei unterschiedliche technologische Perspektiven ein, die in der Realität aber verschwimmen, so dass es für den Analytiker bisweilen schwer ist, sie voneinander zu unterscheiden. Die erste Perspektive setzt die apokalyptische Diktion fort, laut derer am Tag des Jüngsten Gerichtes nur die „Rechtschaffenen“ errettet werden. In diesem Kontext ist das Symbol der Reinheit ein Synonym für Treue, ein Instrument zur Aussonderung der „Zugehörigen“ von den „Fremden“, der „Reinen“ von den „Unreinen“. Die zweite technologische Perspektive dieses Imperativs hängt mit der alchimistischen Tradition der europäischen Esoterikbewegung zusammen, wo das Symbol der Reinheit die Bedeutung einer radikalen Verwandlung von Unedlem zu Edlem, einer vollständigen Transformation der Seele, einer zweiten Geburt des Menschen trägt, versinnbildlicht in dem Vorgang des Schmelzens unedler Metalle zu Gold. Eine materielle und grobe Erscheinung dieser alchimistischen Institution sind rituelle „Reinigungen“, ohne die faschistische Massenbewegungen schwer vorstellbar sind.

Genau diese Besonderheit führt zum Verständnis bestimmter Handlungen, die vom Standpunkt des gesunden Menschenverstands und einer elementaren Rationalität aus absolut sinnlos erscheinen. Zum Beispiel erschließt sich erst vor dem Hintergrund des symbolischen Aktes der alchimistischen Umwandlung der Gesellschaft und der Schaffung eines „Neuen Menschen“ der rituelle Sinn der Repressionen Stalins, des Großen Terrors und Stalins universeller Säuberung der Gesellschaft. Bei diesem symbolischen Ritual wird der Begriff der individuellen Schuld im rationell-juristischen Sinne völlig bedeutungslos.

André Glucksmann — französischer Philosoph, Politiloge und Schriftsteller

André Glucksmann — französischer Philosoph, Politiloge und Schriftsteller

Der zeitgenössische französische Forscher André Glucksmann, der verschiedene faschistische Strömungen unter dem Begriff des „Integrismus“ zusammenfasst, identifiziert drei grundlegende Objekte, an denen sich die Mythologie der Reinheit manifestiert – Arbeit, Leben und Sprache. Diese Objekte bedingen die Typologie integristischer Lehren, und ihre Auswahl die konkrete historische und soziokulturelle Variante des integristischen Szenarios: „Was ist Kommunismus?“, schreibt Glucksmanm: die Religion der Arbeit, die ein unerschütterliches Vertrauen in den Produzenten hegt, der sich selbst produziert, der die Welt produziert, und sich von den Resultaten seiner Arbeit entfremdet und dabei niemand anders wird, als der Sklave seiner selbst, bevor er gleichsam wie im Spiegel seinen Beherrscher und den Beherrscher des Universums erkennt. Was ist Rassismus? Die Religion des Lebens, das sich auf eugenische Weise selbst wiedererschafft, das der Gefahr der Ausrottung widersteht, das sich als reine Rasse bestätigt, das sich selbst die Unsterblichkeit von Blut und Boden garantiert. Was ist integristischer Glaube? Die Religion der Sprache, die als unzweifelhaft und unverfälscht, als frei von Fehl’ und Frevel betrachtet wird. Daher auch der Skandal, den Salman Rushdies Vermutung auslöste, dass die heilige Schrift, der Koran, möglicherweise zweifelhafte Suren enthalten können, dass bestimmte Stellen falsch wiedergegeben, gar satanistischen Charakters sein könnten. Verfälschte Koransuren sind für die Religion der Sprache das, was vermischtes Blut für die Religion des Lebens und unproduktive Börsenspekulationen für die Religion der Arbeit ist. Es ist eine Troika verfluchter Vermischungen, drei Versionen der Sünde aller Sünden“ [Glûksman A. Odinadcâta zapovìd’ (Das Elfte Gebot). — K., 1994, 164-165].

Freilich gibt die Typologie des französischen Denkers nicht die ganze Vielfalt faschistischer Szenarien einer alchimistischen Umwandlung der Gesellschaft auf der Grundlage von Mythologemen der Reinheit wieder, sie berücksichtigt nicht die Möglichkeit der Existenz von „Hybriden“, bei denen alle von Glucksmann identifizierten Objekte auf wunderliche Weise ineinander verwoben sind, oder von fantastischen Alchemien, bei denen die „Reinheit“ nicht mit einem der genannten Objekte verknüpft ist, sondern um ihrer selbst willen eingeführt wird (ein Beispiel hierfür ist unserer Ansicht nach der Stalin-Terror). Doch der Wert seiner theoretischen Arbeiten besteht in der klaren Fixierung der Prinzipialität einer „alchimistischen“ Symptomatik für alle Ausprägungen der integristischen (d. h. faschistischen) Krankheit des 20. Jahrhunderts.

c) Die Technik der Steuerung mittels Zeichen

Dieser Aspekt des technologischen Faschismus spiegelt jene Seite des apokalyptischen Bewusstseins wider, auf der sich das Reinheitserlebnis in die Bewusstwerdung über die Leere als Korrelat des Nichtseins, des Todes, des Nichts verkehrt. In diesem apophatischen Stadium zeigt die Technologie ihre faktische Gleichgültigkeit gegenüber einer ideologischen Rechtfertigung bestimmter Verhaltensmuster. Im Kraftfeld dieses Stadiums verliert die Idee ihre inhaltliche Bestimmtheit und verwandelt sich in ein Losungswort, das heißt ein schlichtes Signal, einen Auslöser.

Dieser Fakt eines verdeckten Kampfes des Faschismus mit dem ideologischen Prinzip als solchem (er bliebt von vielen Forschern unbeachtet) bringt den Philosophen zu der Formulierung des grundlegenden Paradoxons des technologischen Faschismus, welches darin besteht, dass die modernen Ideokratien („ideologische Staaten“) gerade am wenigsten auf Ideen als Überzeugungen angewiesen sind, sondern, nachdem sie auf die ein oder andere Weise eine Ansammlung an desorganisiertem Bewusstsein bewerkstelligt haben (dies ist eine der Charakteristiken der „Masse“ im modernen Sinne des Worts), gehen sie über zu einer Technik der Mobilisierung und Manipulation der Massen durch sprachliche Zeichen [Mamardašvili M. Neobhodimost’ sebâ, 180].

Es ist unschwer zu erkennen, dass in der Technologie dieser Manipulationstechnik insofern eine Inversion der traditionellen Ideokratie stattfindet, als die Macht der Idee durch die Idee der Macht ersetzt wird, der Macht als Prinzip ohne irgendwelchen gehaltvollen Inhalt. Diese Besonderheit arbeitet George Orwell besonders klar heraus, der O’Brien, dem Hauptideologen dieses Prinzips, die Worte in den Mund legte: „Der Zweck der Macht ist die Macht.“

Ein weiteres Beispiel für die Anwendung einer ähnlichen Manipulationstechnik (sie findet unter den Anhänger moderner faschistischer Ideologien immer mehr Anhänger) ist die bereits erwählte „Philosophie der direkten Aktion“. Genau wie im Falle einer zeichenhaft-sprachlichen Mobilisierung der Massen, wo diese Mobilisierung um der Mobilisierung selbst Willen erfolgt, oder der Orwell’schen Nutzung der Macht zum Zwecke der Demonstration der Idee der Macht, stellt die „direkte Aktion“, wie bereits gesagt, ein Beispiel für die vollständige Unabhängigkeit von irgendwelchen Wertinhalten oder rationalen Zielen dar, da der Charakter dieser Aktion und ihre Zweckdienlichkeit keinerlei Bedeutung haben.

Führen wir uns noch einmal den Gedanken eines der Ideologen des modernen russischen Faschismus Michail Werbitski vor Augen, der sein Programm folgendermaßen begründete: „Mystizismus, Esoterik, globaler Terror – alle Mittel sind recht. Dies ist die Philosophie der direkten Aktion“ [Verbitskij Mihail. Čem vy huže nas. Vyâsnenie otnošenij (Warum ihr schlechter seid als wir. Eine Klärung) // Zavtra. – 1998. — Nr. 24, 24. Juni, 5]. Die Abwesenheit jeglicher inhaltlichen oder Wertgrundlage der als Verhaltensnorm und Ideal ins Feld geführten „direkten Aktion“ wird auch bei dem anderen bereits zitierten Anhänger des russischen Faschismus Eduard Limonow offenbar.

Somit bilden die bereits erwähnten Hauptaspekte des Faschismus (Faschismus als Ideologie, Faschismus als Mythologie und Faschismus als Technologie) zwar eine gewisse Einheit, doch können sie nicht zu einem universellen typologischen Modell zusammengeführt werden. Faschismus als Erscheinung ist ziemlich heterogen, das heißt, seine ideologischen, mystischen, quasisektiererischen und destruktiven Bestandteile lassen sich häufig nicht in ein theoretisch folgerichtiges weltanschauliches Credo vereinigen. Seine konkrete historische Form hängt in hohem Maße von kulturellen Traditionen, der politischen Situation, der Beteiligung verschiedener Strömungen und Kräfte usw. ab. (Genau das hatte M. Mamardaschwili im Sinn, als er von der „Vielgestaltigkeit“ des Faschismus sprach, das heißt, von seiner Möglichkeit, sich mal in Form von Rassismus, mal in Form von radikalem Nationalismus, dann wieder in Form des ganz allgemein totalitären rotbraunen Mischmaschs des „Kommunofaschismus“ und „Nationalbolschewismus“ mit orthodoxem Einschlag kristallisieren zu können.)

Das Erkennungszeichen des Faschismus, das ihm die Züge einer klaren soziopolitischen Definierbarkeit verleiht, ist in erheblichem Maße sein technologischer Aspekt, sowie die destruktiv-nihilistischen sozialen Verhaltensmodelle, die vor dem Hintergrund des kollektiven Erlebens einer bevorstehenden Apokalypse möglich werden. Fehlen die Schutzmechanismen einer bürgerlichen Gesellschaft, und liegt eine fatale Krise vor (und genau dies trifft auf die russische Gesellschaft schon seit geraumer Zeit zu), so ist ein „Kurzschluss“ aller Bestandteile des Faschismus am „Bifurkationspunkt“ möglich. In einer Situation, in welcher eine Explosion als einziger Ausweg wahrgenommen werden kann, darf man die faschistische Versuchung „einfacher Lösungen“ nicht ignorieren, genauso wie auch die faschistische Gefahr in postkommunistischen Ländern mit krisengeschüttelter Wirtschaft und nicht gefestigten Demokratien nicht unterschätzt werden darf.

www.risu.org.ua

Quelle: http://theology.in.ua/ua/bp/discussions/theme/39494

7.12.2010

© Religionsinformationsdienst der Ukraine (RISU)
Weiterverwendung der Materialien ganz oder in Auszügen nur unter Verweis auf RISU.
Bei Verwendung im Internet muss ein Hyperlink auf risu.org.ua enthalten sein.
Übersetzung aus dem Russischen: Tobias Ernst für Voices of Ukraine.
Weiterverwendung der deutschen Übersetzung nur mit der o.a. Nennung des Übersetzers.

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6 Responses to Dr. phil. Alexei Schewtschenko: Faschismus als eschatologische Religion in Russland

  1. justice says:

    Faschismus = asoziale Ideotie als Ideologie
    Faschisten = rücksichtslose Egomanen
    faschistisch = selbstherrlich dominierendes Zwangsverhalten

  2. Pingback: Die Gefahr des Faschismus, oder: ein Weimarer Szenario in Russland | Voices of Ukraine

  3. Pingback: Hitler bezeichnete sich auch nicht als Faschist | Voices of Ukraine

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