Charis Haska: Nachlese der letzten Tage

Charis Haska: Nachlese der letzten Tage

Original: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=645217615544933&set=a.225757664157599.53298.100001701013788&type=1

Ich hab weniger geschrieben, weil ich mit meiner Erkältung kämpfte, aber trotzdem genug erlebt. Und Krankheitstage haben den Vorteil, dass Erinnerungen in Ruhephasen bewusster rezipiert werden. So habe ich ein wenig für Euch gesammelt.

Der ältere Herr hält gern mal ein Schwätzchen mit mir. Ich denke, dass er früher ziemlich linientreu war. „Na, was halten Sie von all diesen Unvorstellbarkeiten die jetzt in unserem Lande vor sich gehen?“ möchte er wissen. In wenigen Worten sage ich, dass ich die Entwicklungen schrecklich finde. „Ja!“ meint er. „Das Volk wird immer ungeduldiger. Alle wissen, dass Putin sich nicht mit einem Bisschen zufrieden geben wird. So fordert das Volk Waffen. Aber wissen Sie, es ist wirklich gut, dass der Haufen Scheiße“ –
er, ein überaus gebildeter, gepflegter Mensch sagt „der Haufen Scheiße“! – „den Putin fabriziert, jetzt endlich zutage tritt. So kann nämlich der Westen umso besser begreifen, was für ein Verbrecher das ist. Und entsprechende Konsequenzen ziehen.  F ü n f z e h n    J a h r e    hat der sein Volk präpariert und zu Zombies gemacht. Im Nachhinein verstehe ich, wieso sein Fernsehprogram sich ganz und gar einerseits durch unglaubliche Seichtigkeit und andererseits durch maßlose Brutalität auszeichnet. Sogar an der Filmmusik ist das zu merken, immer dieser eintönige, aggressive Rhythmus. Was dieser Typ macht, das ist so schrecklich, wie im Märchen.“ – „Man sagt, dass Märchen immer ein gutes Ende haben…“ wende ich ein. Mit weit geöffneten Augen und im Brustton der Überzeugung sagt er: „Auch bei uns wird es ein gutes Ende nehmen. Aber das wird eine unglaubliche Anstrengung kosten.“ Ich huste und ganz besorgt gibt er mir verschiedene Gesundheitstipps. Ich bin immer wieder gerührt, dass hier auch die Männer einem jederzeit jede Menge gute Hausmittel raten können. Abschließend bietet er mir an, mir ein paar Zitronen vom Markt mitzubringen, damit ich schnell wieder gesund werde.

Mit einem unserer Nachbarn hab ich ordentlich was zum Lachen! In der Stadt hängen jetzt endlich jede Menge Wahlplakate. Das große Portrait von Poroshenko mit der Losung „Von Neuem leben!“ hab ich auf den ersten Blick doch glatt mit dem von Janukowitsch verwechselt. Das kann der Nachbar überhaupt nicht verstehen. Doch er hat einen tollen Schnappschuss mit seinem Mobiltelefon gemacht (siehe Bild): Auf das Plakat von Dobkin (einer der Kandidaten der Partei der Regionen, die um der Immunität willen kandidieren) hat im Regierungsvierte jemand folgenden Zettel in einer Klarsichthülle geklebt: „ Habt ein Gewissen! Hier sind Kinder unterwegs…“ Und darunter noch die kleingeschriebene Notiz: „Oder eignet Euch gründlich an, wie man Kindern auf anständige Weise erklärt, was das für ein Onkel ist.“ Wie ich diesen hintergründigen ukrainischen Humor liebe!

Der Kandidat der Grizenko-Partei hat sich auf leuchtend gelbem Hintergrund im blauen Jackett abbilden lassen. Slogan „Wir glauben- also werden wir´s machen!“ Ob nur ich bei seiner Gesichtsform und seinem Bartschnitt den Genossen Lenin assoziiere? Hab niemand dazu befragt. Neben seinem großen Plakat auf meiner Hundestrecke liegt seit zwei Tagen eine Werbezeitung der Batkiwschina, auf der ersten Seite Julia und Jazeniuk miteinander abgebildet, im Grase. Keiner hat sie weggeräumt. Ich finde seine Nähe zu Julia schade, denn Jazeniuk könnte nach dem, was ich so höre, tatsächlich ein verantwortungsbewusster Politiker sein. Batkiwschina macht jetzt außerdem mit bescheidenen, aber sehr romantischen DINA4 Plakaten in Massen in unserem Viertel Werbung. In der oberen rechten Ecke ein Strauß rote Rosen, am unteren Bildrand die schwarz- weiß gezeichnete Silhouette von Kiew. Wirklich schön. Aber das Wunder der Charité bleibt für mich trotzdem hochverdächtig und keinesfalls diskutabel.

Ich verstehe nicht viel von Politik, aber ich bete darum, dass die Wählerstimmen sich in der Fülle der Kandidaten nicht zu sehr aufsplittern.

Meine Geigenlehrerin ruft mich an und dankt für die SMS, in der ich ihr mitgeteilt habe, dass wir wegen Krankheit nicht kommen. Sie bemitleidet mich ob meiner kratzigen Stimme. In ihrem „Schade!“ wegen der weiteren ausfallenden Stunden ist tiefes Bedauern zu hören. Sie wünscht mir gute Besserung und einen schönen 9. Mai. „Ich hab davon gehört, dass davor gewarnt wird, am 9. Mai das Haus zu verlassen.“ sage ich. „Ja, es werden Provokationen befürchtet!“ sagt sie. „Haltet Euch von Parks, Menschenmengen und Demonstrationen fern. Auch vom Benutzen der U- Bahn wird abgeraten.“

Im Internet lese ich folgenden Aufruf von Jazeniuk: „ Hiermit wende ich mich an alle verschiedenen ideologischen Richtungen von Patrioten der Ukraine. Es ist erforderlich, sich jeglicher Handlungen zu enthalten, die die Nicht- Freunde der Ukraine für den Informationskrieg gegen unser Land ausschlachten könnten. Nach Möglichkeit halten Sie sich fern von jeglichen Massenveranstaltungen. Sollten Sie dennoch teilnehmen, so gehen Sie nicht auf Provokationen ein. Zeigen Sie geduldige Toleranz gegenüber Flaggen, Losungen und anderen Einstellungen.“ Per Gerücht habe ich gehört, dass die Kommunisten (Meine Informantin hat sogar gesagt: „Unsere Kommunistenidioten“.) trotzdem zu einer traditionellen Demonstration anlässlich des „Tages des Sieges“ aufgerufen haben. Wahrscheinlich beim Denkmal der Mutter Heimat. Im Internet finde ich freilich nichts dazu. Vielleicht ist die Veranstaltung ja schon abgeblasen. In den traditionell geprägten Herzen wird das Fehlen dieses großen Festes allerdings vermutlich ein ähnliches Unbehagen hervorrufen, wie Lenins Fall im Dezember 2013.

Kiew rüstet sich gegen die Provokationen. Der Maidan hat Aktivisten herbeigerufen, die schon nach Hause gefahren waren. Sie opfern die Zeit, die sie jetzt dringend zum Pflanzen und Pflegen ihrer Ernte brauchen könnten. Unser Lazarett bereitet sich auf die neue Aufnahme von Verletzten vor. Dass ich allerdings gestern Abend an der Kirche einen ganzen Schwung von Lazarettvolontären getroffen habe, hatte noch einen anderen Grund. Einer unserer Verletzten ist nach seiner wohl erfolgreichen Augenoperation aus dem Ausland zurückgekehrt. Aber: Die Splitter in seinem Bein von den extra mit Splittern besetzten Granaten steckten noch. Bis gestern ist er damit herumgelaufen. Was für Schmerzen muss er ausgestanden haben! Und zieht es nicht Langzeitschäden nach sich, so lange verletzende Fremdkörper im Körper mit sich herum zu tragen? Gestern Abend also hat ein Chirurg vom Maidan ihn in unserer Kirche operiert. Er habe seit dem Februar schon unendlich viele ähnliche OP´s durchgeführt und tief sitzende Splitter gezogen, wurde mir gesagt. Ich frage: „Wie kann man nur so viel Zynismus aufbringen, seine eigenen Staatsbürger mit solch gefährlichen Geschossen zu bombardieren?“ – „Und sehen Sie, noch keiner von denen, die das getan haben oder es angeordnet haben, ist bis jetzt verurteilt. Während solche wie wir binnen zwei Stunden verurteilt wurden.“ sagt mir ein Aktivist traurig.

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1 Response to Charis Haska: Nachlese der letzten Tage

  1. justice says:

    Pädophile Subjekte in der Werkhovna Rada? Gibt es Opfer und Beweise?

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