Charis Haska: Diffuse Antworten

Charis Haska: Diffuse Antworten

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/629323267134368?stream_ref=10

Den Vormittag hab ich mit Bernhard im Krankenhaus verbracht. Wegen seiner Schmerzen rechts unten im Bauch wollten wir den Verdacht auf Appendizitis ausschließen. Als er morgens beim Abtasten aufstöhnte, war ich mehr oder weniger in Panik geraten. Wir hatten eigentlich vor, mit ihm in eine der modernen Privatkliniken zu fahren. Ich rief an, um die Adresse ausfindig zu machen. Nein, die Kinderchirurgische Sprechstunde sei erst am Abend. Aber sie könnten uns mit dem Notarztwagen holen… Der Abend könne in dem Fall ein wenig spät sein, merkte ich an. – Sie könnten mir aber einige andere Privatkliniken empfehlen. Die eine erreichte ich gar nicht, bei der zweiten musste erst geklärt werden, wann der Kinderchirurg ins Haus kommt. Dann kam mir der rettende Gedanke: Ich rief einfach unsere Ärztin an. Die erklärte mir, dass wir unbesorgt ins städtische Krankenhaus OchMatDit fahren können. Da seien rund um die Uhr die erfahrensten und besten Ärzte. In die Privatkliniken werden die Ärzte meist nur nach Vereinbarung gerufen.

So krank war Bernhard dann gar nicht. Wir bestellten uns ein Taxi. Der Fahrer fuhr uns schweigend, ebenso wie sein Kollege auf der Rückfahrt. Unterwegs sahen wir Forsythien. Und über und über mit weißen Blüten bedeckte Bäume. Die Ärztin war sehr besorgt, als ich ihr erzählte, dass ich selbst einst eine sehr untypische Blinddarmentzündung hatte. Gründlichste Untersuchung, sogar mit Einlauf. Die Schwester sprach nur Ukrainisch mit uns, ich bat sie bei jedem Satz, um Wiederholung. Sie verlor nicht einmal die Geduld mit uns, als Bernhard auf der Liege, ohne dass ich es registrierte, geschwind mit seinem Mobiltelefon nach Einläufen gegoogelt hatte und dann felsenfest darauf bestand, dass er ein Recht habe, den Einlauf abzulehnen. Um ihn zu überreden, musste ich sogar Ralf während des Religionsunterrichtes anrufen und Bernhard dann am Telefon mit ihm diskutieren lassen. Sie zog sich diskret zurück und sagte leise und ermutigend: „Geben Sie mir dann Bescheid, wenn Sie so weit sind.“ Da sich außer dem Tastbefund keine blinddarmspezifischen Parameter ergaben, wurden wir zur symptomatischen Behandlung nach Hause entlassen. Morgen sollen die Untersuchungen wiederholt werden. Kostenlose Behandlung. Wir haben uns gut aufgehoben gefühlt.

Nach der Geigenstunde drückten meine neuen Kontaktlinsen ein wenig. In der Sparkasse nebenan wollte ich die monatliche Gebühr für die Musikschule entrichten. Während die Kassiererin die Rechnung studierte, massierte ich mir leicht die Stirn- und Augenpartie. Normalerweise sind sie in dieser Sparkasse immer sehr amtlich und grimmig. Diesmal blickte die Kassiererin mich ganz mitfühlend an und fragte: „Sie sind müde?“ Ich nickte. „Ja, alle sind wir ganz müde und abgespannt. Haben Sie auch das Gefühl, sich nachts gar nicht mehr richtig erholen zu können?“ Ich witterte eine schöne Geschichte für FB und sagte: „Ja. Und dazu die Angst, etwas von den Nachrichten zu verpassen….“

Das Stichwort nahm sie nicht an: „Ich habe vorhin die Nachrichten gehört. Es ist ein besonders starker Magnetsturm, der uns so fertig macht.“
Gut. Was für München der Föhn ist, ist für Kiew der Magnetsturm. Und das Verrückte ist, dass ich ihn tatsächlich spüre, wie viele Andere in meiner Umgebung. Und sehr zur Belustigung von Ralf. Magnetsturm. Wer hat den sowas schon mal gehört… Hokuspokus…

Abends durfte ich mit meinem großen Sohn in die Operette. Es wurde eine moderne Ballettaufführung von Bizets Carmen gegeben. Friedrichs Musiklehrerin hatte initiiert, dass die Klasse gemeinsam die Aufführung besuchte. Vor der Vorstellung plauderte die Lehrerin noch mit mir. Wie es uns denn in den vergangenen Monaten im Stadtzentrum so nah an den Ereignissen ergangen sei? Ich erzählte ein wenig, auch davon, dass wir dankbar sind, mit eigenen Augen gesehen und miterlebt zu haben, was passiert ist. „Jetzt ist es wieder ruhiger.“ sagte ich.- „Ja, es ist wieder ruhiger. Aber wir sind immer noch beunruhigt.“ sagte sie. Vielleicht stellte ich jetzt einfach die falsche Frage: „Was müsste geschehen, damit Sie nicht mehr beunruhigt sind?“ Sie dachte erst einen langen Moment nach. Feines, melancholisches Lächeln. Dann antwortete sie: „Wir müssen einfach weiterleben. Meinen Sie nicht auch? Wir müssen doch irgendwie weiterleben. Auch, wenn das Leben nicht so einfach ist…“

Die Aufführung war sehr gut besucht. Ein Traum mit viel Rot und Lila. Sehr viele tänzerische Überraschungen. Die Inszenierung für meinen Geschmack etwas zu unruhig. Ich liebe eben Bach. Nach der Vorstellung fragte die Lehrerin erwartungsvoll, ob es mir gefallen habe. Als ich verhalten bejahte, lächelte sie glücklich.

This entry was posted in "Voice" auf Deutsch and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

1 Response to Charis Haska: Diffuse Antworten

  1. CHRISTINA SOLHAN says:

    WELL DONE

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.