Charis Haska: „Ich träume jetzt nachts so oft vom Krieg. Immer wieder…“

Charis Haska: „Ich träume jetzt nachts so oft vom Krieg. Immer wieder…“

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/626366424096719

Träume

Vor einigen Jahren haben sie sich auf dem Dorf ein Haus gekauft. Dort leben sie jetzt im Wesentlichen von den Erzeugnissen ihres kleinen Stückchens Land. Sie ist studierte Historikerin und Geschichtslehrerin, noch dazu mit einigen Semestern Musikstudium. Sich mit diesem Beruf finanziell über Wasser zu halten, das ist nahezu unmöglich. Vor einiger Zeit hat man ihr die Leitung des örtlichen Kindergartens angetragen. Weil sie gebildet ist. Mit großer Freude hat sie sich der pädagogischen Arbeit angenommen. Doch weil man auch davon nicht leben kann, fährt sie an den Wochenenden nach Kiew. Als Friseuse.

„Ich bin im Donbass geboren. Wir sind eine ukrainische Lehrersfamilie.“ erzählt sie. Zwischendurch verfällt sie ins Ukrainische, entschuldigt sich, weil sie den Eindruck hat, dass ich sie dann nicht verstehe und erklärt mir einige ukrainische Ausdrücke. „Ich bringe das in meinem Kopf einfach nicht zusammen. Ich kenne dort doch so viele Leute. Sind die denn alle verrückt geworden? Was schreien die denn, Putin soll sie retten?“ Sie erzählt, dass sie über „Odnoklassniki“, das russische Stayfriends, mit Klassenkameraden Kontakt hält. „Ich schreibe ihnen: <Leute, ist es euch eigentlich klar, w e n ihr da als Retter heraufbeschwört?> Aber ich bekomme so blöde Antworten! Wir haben überlegt, dass wir eigentlich gerne unsere Verwandten dort wieder einmal besuchen wollen. Aber ganz ehrlich, unser Auto hat ein Kiewer Nummernschild – und ich habe jetzt einfach Angst, mit diesem Auto dahin zu fahren. Nicht so sehr wegen der Straßen. Ja, ob sie es glauben oder nicht, Straßen gibt es da eigentlich überhaupt keine mehr zu den Dörfern.“

Später erzählt sie mir: „Ich hab auf dem Land eine sehr einfache Frau getroffen. Nicht dumm, aber eben ohne große Ausbildung. Schaut sie mich an und sagt: <Sagn´se mal, gib´s denn da in Russland keinen, der ihn einfach um die Ecke bringt? Das wär doch das Beste, nich?> Ich überlege und sage: <Einen Menschen umzubringen ist Sünde.> Und lasse sie gehen. Aber ganz tief innen drin denke ich: <Recht hat sie!>“

Ich denke sofort an das Hitlerattentat. Erzähle ihr, dass ich große Achtung vor den Beteiligten habe. Erzähle ihr, dass ich es wirklich bedauere, dass es nicht geglückt ist. Man hätte doch so viel Leid und Tod vermeiden können dadurch. Sie denkt nach. Dann sagt sie: „Vor einiger Zeit habe ich eine Sendung gesehen, in der erzählt wurde, Hitler habe nur zum Schein Selbstmord begangen und in Wirklichkeit noch viele glückliche Jahre in Amerika verbracht. Halten Sie das für wahrscheinlich?“ Außerdem möchte sie gerne wissen, warum Hitler meiner Meinung nach die Juden so gehasst hat. Ich bin ja leider kein Geschichtsass. Meine Erklärung, dass er einfach ein Verrückter war, erscheint ihr als schlüssig. Ich versuche ihr darzulegen, dass Hitlers Macht nur möglich war, weil die Deutschen damals das Bedürfnis hatten, alle Verantwortung an einen starken Führer abzugeben. Und dass aber jeder Bürger trotzdem Verantwortung im Staat hat. Sie reagiert sehr nachdenklich.

Am Ende unseres Gesprächs vertraut sie mir an: „Ich träume jetzt nachts so oft vom Krieg. Immer wieder…“

Und ich denke sofort daran, dass meine Geigenlehrerin gestern erzählte, ihr sei ihre russische Mutter im Traum erschienen. Dass sei ihr schon zehn Jahre lang nicht mehr passiert. Und sie habe ihr gesagt: „Kind, was hast du nur solche Angst? Die Russen werden doch nicht auf ihre Brüder schießen.“ Als sie mir den Traum erzählt hatte, blickte sie mich an und sagte traurig: „Ich weiß ja nicht, ob der Traum etwas zu bedeuten hat. Aber ich bin aufgewacht und hab immer wieder gedacht: Wenn es doch bloß so wäre, wenn es doch bloß so wäre…“

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