Charis Haska: Brief an den Autor des Spiegel online Artikels
Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/615710585162303?stream_ref=10
Sehr geehrter Herr Klußmann,
mit Interesse habe ich gestern Ihren Artikel “Die fatalen Fehler…” auf Spiegel online gelesen. Mit Interesse auch aus dem Grund, da ich seit viereinhalb Jahren weniger als fünfzehn Minuten entfernt vom Maidan in Kiew lebe. Auch wenn ich Deutsche bin, spreche ich ganz gut russisch und verstehe mittlerweile im Ukrainischen alles, was ich lese, wenns nicht gerade Bürokratensprache ist. Ich habe einen guten Kontakt zu meiner unmittelbaren Umgebung. Die Menschen sind hier sehr aufgeschlossen und mitteilsam.
Nun möchte ich Sie fragen, wann Sie Herr Klußmann, das letzte Mal in Kiew waren. Letzte Woche? Vorletzte ? Im November?
Ich bin doch sehr verwundert, über die bedrohliche Bewachung durch rechte Straßenkämpfer, die Sie so plastisch beschreiben. Denn das deckt sich überhaupt nicht mit dem, was ich hier Tag für Tag erlebe.
Ich empfinde es als äußerst bedenklich, dass Sie für die deutschen Leser die Perspektive so verengen und rechtsextreme Kräfte so in den Vordergrund stellen. Was sich hier in der Ukraine an rechten Kräften entwickelt hat, ist auf einem anderen Hintergrund gewachsen, als in Deutschland und darf deshalb nicht automatisch gleich beurteilt werden. Ich will nicht in Abrede stellen, dass rechte Kräfte hier und dort mit Vorsicht zu genießen sind.
Die Art und Weise, wie Sie sie im Kontext der gegenwärtigen Ereignisse beurteilen, entspricht jedenfalls voll und ganz der russischen Propaganda und nicht der Realität. Und da empfinde es ich dem im Moment so fragilen Weltfrieden gegenüber als verantwortungslos, die deutsche Meinung in dieser Weise zu beeinflussen.
Leider haben viele Medienberichte der letzten Wochen und Monate gezeigt, dass ihre Autoren sich viel zu wenig in die Hintergründe der ukrainischen Revolution eingearbeitet haben.
Ich wünsche mir, dass die deutschen Journalisten noch sorgfältiger recherchieren und dazu ihre deutsche Brille auch mal abnehmen, da sich nicht immer alles eins zu eins verrechnen läßt.
Darum möchte ich Sie eindringlich bitten!
Mit freundlichen Grüßen,
Charis Haska

Reblogged this on Euromaidan PR.
От і прекрасно! – Großartig!
Liebe Charis,
das stimmt schon alles, was du da schreibst, oder zumindest sehe ich es genauso wie du. Ich glaube aber nicht, daß der Herr Klußmann von nun an bessere Artikel schreiben wird.
Es ist ja auch nicht nur der Spiegel. Südddeutsche, Welt, Focus und Co liegen teils noch schlimmer daneben. Und übertroffen wirds dann oft noch von den Kommentaren zu den Artikeln – die blinde Wut der Schreiber erinnert an die Hexenverfolgungen.
Wir können also konstatieren: Die Medien versagen und die Konsumenten dieser treten ihre fixen Ideen breit. Und nun?
Ich finde den Weg der Menschen in Ukraine ganz gut: Die haben ja auch nicht gewartet bis Janukowitsch schlau wird oder bis er ein guter Mensch wird. Sie haben gesagt: Das machen wir jetzt selber. (Klappt zwar noch nicht überall so richtig, aber das ist doch egal.)
Also müssen wir nicht warten oder hoffen bis der Spiegel und Konsorten so werden, wie wir das gern hätten – sondern wir müssen das selber machen.
Ich schreibe also jeden Tag mehrere Kommentare in die Mainstreammedien und ich hänge an alle meine mails ein bischen Infomaterial über Ukraine an.
Du könntest auch ganz viel tun: Vielleicht einmal die Woche ein paar Zeilen aus Kyiv mit einem Bild oder zwei. Mich würde sehr sehr interessieren, wie da jetzt der Alltag aussieht. Gibts da einen Wochenmarkt? gehen Kinder zur Schule? Sind die Kneipen auf? Werden Blumen verkauft?
Oder mal eine Gruppe von den “Rechtsradikalen” photographieren und dann mit denen ein bischen sprechen und uns davon erzählen.
Und andere machen eben noch was anderes.
Aber es wird!
Und der lange Weg, der von uns liegt,
Liebe Antigone,
Vielen Dank für Deinen schönen Kommentar!
Ich bin nicht Charis — ich habe nur ihren Brief gepostet, aber ich glaube, Charis wird Dir auch gerne antworten.
Das, was Du vorschlägst, ist eine gute Idee — Charis macht das eigentlich fast genau: auf ihrer FB-Seite gibt es sehr viele Materialen genau über den Alltag von Kiew. Ich finde es auch schön — und viel poste ich von ihr auch hier (Du kannst das auch hier übersehen).
Also, danke Dir für Deinen Kommentar (und für das, was Du deinerseits machst).
Was aber Spiegel angeht, glaube ich, sollte es trotzdem etwas mehr Ehrlichkeit in den Medien geben. Das sollte doch einfach Schande sein, die Manipulationen zu veröffentlichen… Mir war es wirklich peinlich, so einen Artikel zu sehen. Darum sollte Herr Klußmann bessere ja Artikel schreiben — anders, wenn man die Lüge schreibt, sollte man vor Gericht gehen, oder? Wie eigentlich Janukowitsch in Ukraine. (In SZ und Welt sehe ich übrigens oft ziemlich gute Texte).
Liebe Grüße,
Jana
Liebe Antigone,
danke für Deine Unterstützung und Ermutigung.
Mir ist es ein großes Anliegen, dass die Ukrainer in ihrem Bestreben richtig verstanden und nicht allein gelassen werden. Die vielen schiefen Darstellungen in den deutschenMedien zun mir weh. Gleichzeitig muss ich denken: Mein Gott, auf welche Lügen über die Weltpolitik sind wir außerdem hereingefallen, solang wir das selbst nicht so hautnah erlebt haben?
Ich bin froh, in Dir noch eine Mitstreiterin gefunden zu haben und werde nach Kräften Deine Anregung aufnehmen.
Liebe Grüße,
Charis
P.S. Ob Herr Klußmann den Brief liest, ist ja noch so die Frage. Hab ihn an seine Facebookadresse geschickt. Aber da scheint er nicht sonderlich aktiv zu sein…
Aktuelle Bilder aus Kyjiv sind hier veröffentlicht:
http://www.ukraweb.com/blog/953/aktuelle-bilder-aus-kiew.html