Charis Haska: Müdigkeit

Charis Haska: Müdigkeit

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/612242185509143?stream_ref=10

Einige von Euch haben gesagt, dass sie das ständige Einholen von Informationen müde gemacht hat. Und auch wir spüren jetzt erst richtig die Erschöpfung, die wir in den letzten Wochen nicht zulassen konnten.

Gestern haben wir den ganzen Nachmittag mit SternTV und ein wenig Zeit mit dem dritten Logo- Interview zugebracht. Das Team von Stern TV wollte gern noch ein paar Einstellungen mit uns auf dem Maidan drehen. So haben sie uns gebeten, dass wir uns um morgens um dreiviertel Acht mit ihnen am ZUM treffen. Eigentlich ganz hilfreich, um langsam zum gewohnten Lebensrhythmus zurück zu kehren. Denn morgen geht’s wieder in die Schule. Das Taxi ließen sie mit dem Gepäck an der Barrikade warten und nahmen sich noch richtig Zeit, um verschiedene Eindrücke einzufangen. Der fleißge Ameisenhaufen war schon recht geschäftig. Als wir nur wenige Schritte gegangen waren, luden uns die Leute an den Zelten zum Frühstücken ein: Heißer Tee in Pappbechern wurde uns gereicht, safrangelber Zimtkuchen mit Mohn und getrockneten Aprikosen, und sogar Deruny, die ukrainischen Kartoffelpuffer, die mit Saurer Sahne verzehrt werden. Um fünf Uhr morgens hatten die Zeltbewohner schon mit dem Kochen begonnen.

„Deutsches Fernsehen? Danke, dass Ihr uns nicht vergesst! Danke für die Unterstützung.“ Wir hatten ja eigentlich zu danken für die herzliche Bewirtung. Als wir das taten, gaben die Leute den Kindern gleich noch Bonbons. Unterwegs Schilder an den Zelten mit der Aufschrift „Gott, wir danken Dir!“ Stapel von Reifenvorräten, in die dekorativ langstielige Blumen gesteckt waren. Stände mit Blumenmeeren und Meere brennender Kerzen. Von der Bühne waren zunächst geistliche Gesänge zu hören. Bis wir dort waren, war man zu Ansagen wegen der immer noch vermissten Aktivisten übergegangen.

Trotz der leckeren Verköstigung auf dem Kreschtschatik haben wir nach dem Drehtermin noch eine Familientradition unserer ersten Zeit in Kiew aufgegriffen und sind zum Frühstück ins Schnellreataurant „Sdorowenki Buly“ gegangen. Am Büffet lächelte mich auf einmal eine andere Kundin intensiv an und sie kam mir bekannt vor. „Sie sind aus Deutschland? danke für ihre Unterstützung! ich bin Ukrainerin und lebe in Frankfurt.“ An der Kasse kamen wir dann ins Gespräch. Merkwürdigerweise unvermittelt auf ein Thema, das ich seit Wochen mit mir herumtrage und vor ca. drei Tagen neu aufgegriffen hatte: die Verwässerung bzw. Verfälschung der Berichterstattung der Ereignisse in den deutschen Medien. In den letzten Tagen hatte ich noch mal an die FAZ geschrieben, mit der Bitte um Stellungnahme zu meinem Leserbrief anlässlich der Diskussion mit den vier ukrainischen Schriftstellern. Ganz biblisch brannte mein Herz, als sie dies Gespräch erwähnte. Sie hatte mit im Publikum gesessen und mit Schmerzen die Entwicklung der Podiumsdiskussion dahin wahrgenommen, dass die Ukrainer in ihrem Anliegen nicht verstanden wurden. Sergiy Zhadan hatte sogar vor Ort gesagt: „Wir reden aneinander vorbei.“ Ich fragte sie, ob sie meine Befürchtung für begründet hält, dass jemand dafür bezahlt, dass in Deutschland Klitschko und Timoschenko so in den Vordergrund gestellt und hochgejubelt werden. „Ich glaube kaum,“ sagte sie. „Doch ich bin mit meinen Freunden zu mehreren EuroMaidanveranstaltungen in Europa gefahren. Wir waren auch in Brüssel, um dort Informationen über die illegalen Ausgaben von Janukowitsch weiterzugeben. Mein Eindruck ist, dass man in Europa viel zu wenig über die Ukraine weiß. Dass man nur auf die Molotowcocktails schaut und nicht bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen, wie es dazu kam, dass sie geworfen wurden. Bei verschiedenen Veranstaltungen habe ich selber im Hintergrund Wortwechsel gehört, in denen Leute sagten: „Siehst du, und jetzt fordern die Ukrainer gleich Geld von uns.“ Die Europäer haben überhaupt nicht kapiert, dass es uns nicht um finanzielle Hilfe geht.“ Aus dem Gespräch bleibt das Gefühl von Traurigkeit.

So, nun hab ich nebenbei noch ein paar Fragen der TINA beantwortet und meine Hand schmerzt vom Tippen. Erzählen könnte ich freilich noch genug…

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