Charis Haska: Wir sind von einem weiteren Spaziergang zurück, eine große Runde zu den Orten der Geschehnisse

Charis Haska: Wir sind von einem weiteren Spaziergang zurück, eine große Runde zu den Orten der Geschehnisse.

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/611375288929166?stream_ref=10

Wir sind von einem weiteren Spaziergang zurück, eine große Runde zu den Orten der Geschehnisse.

Zu Füßen der Luteranska lassen die Wachen uns durch den immer noch verbarrikadierten Treppenbogen durch. Ralf entdeckt auf den Plateau auf halber Treppe eine Gruppe junger Männer um einen provisorischen Tisch mit einem spartanischen Frühstück. Wurstbrote, Majonaise, eine Art weiße Masse in einem Viertelliterglas. Er fragt, ob er sie filmen darf.

Ich hab sie erst gar nicht gesehen, kehre um und will nur einen Blick werfen, da drängen uns die beiden Wachen freundlich, doch näher heranzutreten. “Habt keine Angst, dass sind gutmütige Leute…” Also treten wir näher. Da ich nichts zu sagen weiß, grüße ich mit “Ehre der Ukraine” und bekomme ein lautes, enthisiastisches “Ehre den Helden!” zur Antwort. Der eine Wächter huscht zu den Leuten hin und hat flugs eine Tafel unserer geliebten Olenkaschokolade in der Hand: “Hier, für die Kinder. Für Euch stehen wir hier. Wir sind vom Maidan.” Ich versuche zu erklären, dass wir doch nur Ausländer sind, die für begrenzte Zeit hier wohnen. aber er will sie keinesfalls zurücknehmen. Beim Blick auf die über ihnen aus den verschiedensten Materialien zusammengebauten Barrikaden fällt mir ein, dass hier ein guter Ort zum Fotografieren ist und begebe mich mit den Kindern in Position. Da nehmen die beiden Wachen ihre Motorradhelme ab und statten Bernhard und mich damit aus. Der Eine reicht uns sogar noch einen Gummiknüppel.

Viele Menschen am Kreschtschatik. Ralf zeigt uns, wo die Molotowcocktails vorbereitet wurden, er durfte es damals nicht filmen, um die Demonstranten nicht in Gefahr zu bringen.

Überall stehen Leute um Autos mit offener Fahrertür und laut aufgedrehtem Radio. Angespannt werden die Nachrichten verfolgt. Wo ist der Präsident abgeblieben?

Wir überqueren beim Hauptpostamt die Straße und gehen auf vom Ruß durch und durch schwarzer Erde: Die Pflastersteine sind alle herausgenommen zur Verteidigung. Auf dem Maidan selbst kommt man fast nicht weiter, so viele Menschen sind da. Grausig sieht das ausgebrante Gewerkschaftshaus aus, in dem unsere Kinder immer so gern den Elektronikladen besucht haben. Ralf erklärt uns, dass oben in der dritten Etage die Ärzte mit den Verletzten waren und das etliche der Verletzten verbrannt sind, als Berkut das Haus in Brand gesetzt hat. Der riesige Bildschirm, der zum Beispiel bei der Europameisterschaft, aber auch bei Konzerten zur Vergrößrung und Übertragung der Ereignisse verwendet wurde, ist nicht mehr zu sehen. Auf der Bühne findet gerade eine Liturgie statt, schöner Gesang in Dur- und doch mit so traurigem Unterton. Den Gedanken an die Todesopfer wird hier keiner los, viele Menschen sind mit Blumen unterwegs, die sie an der dem Einkauszenrum Globus gegenüberliegenden Seite der Uliza Institutskaja ablegen, wo schon Kerzen brennen. Etwas höher sind Leute dabei, die Worte “Ehre den Helden” mit Plastikblumen auf der jetzt rasenfreien Erde zu formen, durch Zurufe korrigieren sie einander.

“Hier erschoss gestern der ler letzte Scharfschütze noch einen Menschen.” erklärt Ralf uns. “Und gegenüber, näher an der Freiheitssäule, war die Front.” Drahtreste sind da zu sehen, die Rückstände der brennenden Reifen. Aber auch noch ganze Reifen, wie auf Vorrat für den Fall, dass… Die Menschen strömen einander entgegen. Kein Lächeln, es wäre unpassend. Etwas weiter oben noch einmal eine provisorische Gedenkstätte mit vielen, vielen Blumen und kleinen Häufchen in verschiedenfarbiges Papier gepackter Pralinen. Davor hat man zwei Sechsliterkanister gestellt, in denen normalerweise Trinkwasser verkauft wird. Die Leute werfen Geldscheine hinein und ich lese das Schild daneben: Es geht um Hilfe für die Angehörigen und die Beerdigungskosten. Die Kanister sind schon voll, jemand ruft: “Sascha, sammel die Kanister ein!” und wenige Augenblicke später kommt jemand und trägt sie zur Seite. Das Territorium, das ich länger nicht mehr betreten habe (früher ein schönes Gelände für Spaziergänge) sieht fremd aus, ich überlege, was eigentlich sich einst neben dem blauen Börsengebäude befand. Ich sehe dünne Baumstümpfe und begreife, hier muss wohl Gebüsch oder gar ein Wäldchen gewesen sein, das zum Heizen der Wärmefässer Stück für Stück abgeholzt wurde. Wir treffen unsere lieben Freunde mit ihrem jetzt baumlangen Sohn, aber so recht kommt unsere Unterhaltung mit ihnen nicht in Gang. Weder die Gedanken an die vergangenen noch die an die kommenden Tage stimmen sie und uns heiter. Sie befürchten, dass der Präsident versucht, die Ukraine zu spalten und sich in Charkow zu verschanzen. Wir verabschieden uns schnell von ihnen.

Wir machen Fotos und Videoaufnahmen von den Einschüssen an Straßenlaternen und Bäumen, und von den Leuten, die das auch fotografisch festhalten, entdecken im rußigen Matsch nach und nach Reste von Gasmasken, einzelne Herrenschuhe und Stiefel. Das Herz zieht sich zusammen, möchte weinen und aufschreien, auch wenn wir die Menschen nicht kannten, denen sie gehörten. Aber die Freundin, mit der wir den gestrigen Abend verbrachten, kannte drei der Getöteten persönlich: “Alles so nette, kluge Männer, so gemäßigt in ihren Ansichten, ganz gewöhnliche Familienväter – keinesfalls Radikale. Hoffnungsträger in ihren politischen Ansichten…” Sie brauchte gestern Abend lang, um ihre Fassung wieder zu gewinnen, nachdem sie die Liste der Opfer mit Fotos in der “Ukrainska Prawda” durchgesehen hatte.

Während ich schreibe höre ich Schüsse oder Feuerwerk.

Wie sehr sich das Territorium innerhalb der Barrikaden von dem unterscheidet, wo die Berkut gestanden hat! Mit leisem Gruseln nähern wir uns den Betonblockbarrikaden, die in den letzten Tagen noch in fieberhafter Eile errichtet wurden, und die wir im gesamten Regierungsviertel an jeder Straßenkreuzung wiederfinden. Welch eine gewaltige Verschwendung von Kraft, Geldern und Material! Welch unglaubliche Paranoia… Wiederwärtig, einfach nur wiederwärtig!
Wachen des Selbstschutzes regeln an dem engen Durchgang durch die Betonmauern mit Worten den Verkehr, damit die Leute einander nicht gegenseitig behindern: “Die rechte Seite steht, links durchgehen!”, nach etwa zwanzig Leuten dann: “Die linke Seite steht, rechts durchgehen.” Es ist die erste Sprachampel, die ich meinem Leben kennenlerne, und sie funktioniert tadellos. Genial! Ich liebe dieses Volk unter anderem auch für seine vorbildliche Disziplin, die einsichtig und geduldig eingehalten wird.

Unsere Kinder entdecken Zwischenräume – während ich schreibe klären sich die Schüsse: Freudensalut, Janukowitsch ist zurückgetreten! – in den Barrikaden, wo wir sie schön fotografiern können. Während Ralf die Fotos macht, habe ich die Gelegenheit, an den einen der Wächter heranzutreten. Er trägt eine Wollmütze mit Löchern für Augen und Mund über dem Gesicht. Ich will ihn fragen, weshalb er immer noch eine Maske trägt. Aber, wie so oft in diesem Land, erhalte ich eine kryptische Antwort: “Weil es so praktischer ist.” Und ich kann rätseln, ob er nicht erkannt werden will oder einfach eine Sinusitis hat.

Es liegt so viel Müll hier herum! Ähnlich wie gestern am Präsidentenpalast. Und ich bin so froh, dass es keine Propaganda war, was in den vergangene Monaten immer wieder vom Antimaidan und den Standorten der Soldaten berichtet wurde. Hier sehe ich es mit meinen eigenen Augen: Kippen, Pappbecher, Einwickelpapier, alles einfach so hingeworfen… Dass die Jungs in dem Müll stehen mochten! Oder durften sie ihn nicht aufräumen? Es widerspricht eigentlich diametral dem ukrainischen Bedürfnis, wenigstens die schöne Fassdade zu wahren, auch wenn man sich in einer noch so prekären Lage befindet…

Ralf zeigt uns jetzt Stück für Stück die Orte, an denen er am Dienstag hautnah den Kampf mit bekomen hat und belegt uns seine Vermutung, dass die Demonstranten bewusst in eine Falle gelockt wurden, dass die Berkut ihre Waffen schon dabei hatte, um sofort losschlagen zu können. Allein schon die Vorstellung, wie hier Tausende von Scharfschützen die Straße zurückgejagt wurden, die in Panik niedergetretenene kleine eiserne Umrandung einer kleinen Grünfläche, die jetzt natürlich nur noch schwarz ist, der Gedanke, wie einige in der Menge darüber stolperten und fielen, lässt es mir ganz elend werden. Ruß weht uns in die Gesichter, als wir uns gegenseitig am Eingang der Uliza Sadowa mit den ausgebrannten Lastwagen fotografieren, die wenige Tage zuvor noch von Mädchen singend kreativ bemalt wurden. Ralf entdeckt an seinen Fingern als Erster, dass sie schwarz werden, als er sich eine Strähne aus dem Gesicht streicht.

Kurz davor sind wir aber mit einem Zug von etwa hundert oder zweihundert mit Knüppeln bewaffneten Demonstranten mitgelaufen, die erst “Ehre der Ukraine, den Helden Ehre!” riefen, dann ihre Losung aber mit “… den Feinden Tod!” fortsetzten. Entschlossen marschierten sie in Richtung Parlament.

Sehr, sehr nachdenklich kommen wir nach Hause, waschen uns lange den Ruß aus den Gesichtern. Richtig fröhlich sind wir nicht. Wir werden um Einheit der Kräfte des Maidan beten müssen, um eine weise Führung und um Gottes Schutz für das Volk vor umhergeisternden Banden.

This entry was posted in "Voice" auf Deutsch, Voices of Revolution and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.