Charis Haska: Das Land ist traumatisiert

Charis Haska: Das Land ist traumatisiert

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Das Land ist traumatisiert

Ralf hat sein Telefon zu Hause vergessen. So lenke ich meinen Hundespaziergang zur Kirche. Über Nacht hatte der Selbstschutz des Maidan das besetzt, was von den Barrikaden der Miliz übrig geblieben war: Betonklötze, fahruntüchtige LKWs. Drei Müllcontainer wurde vorsichtshalber in Höhe der Luteranska 20 in der Mitte der Fahrbahn abgestellt, sodass ein schnelles Anrücken von großen Fahrzeugen erschwert wird. Ralf eilt gerade aus der Kirche und durch die Barrikade, um einen Lebensmitteleinkauf von einem unserer langjährigen deutschen Gemeindegliedder entgegenzunehmen und kehrt mit dessen dreizehnjähriger Tochter und Helfern aus der amerikanischen Schule zurück, alle beladen mit großen und schweren Plastiktüten. Sie werden für Frühstück und Mittagessen der Verwundeten und Kranken sorgen. Alexander kommt mir entgegen und erzählt von der vergangenen Nacht.

Bis früh um fünf kamen schichtweise die Leute vom Selbstschutz des Maidan, um sich zu wärmen, die Toilette zu benutzen. Und vor allem: Um zu reden. Um zu erzählen, was sie Schreckliches erlebt haben. Es sind überwiegend ganz junge Leute, um die zwanzig Jahre alt, und sie warten nicht ab, bis man sie fragt. Es bricht regelrecht aus ihnen hervor, sie müssen es loswerden. Alexander sagt, wir bräuchten eigentlich einen Psychologen vor Ort, so schwer ist die Last, die diese jungen Menschen jetzt auf ihre Seele tragen.

Ich bin ein bisschen traurig, dass ich in diesen Momenten nicht selbst da war, ich kann auch gut zuhören und wäre gerne nützlich gewesen. Für mich ist es besonders in diesen Tagen oft nicht leicht zu entscheiden, wo ich dringender gebraucht werde. An der Seite meiner Kinder, die hautnah Zeitgeschichte erleben, oder doch in der Nähe der Hilfsbedürftigen. Ich bleibe diesmal ein bisschen länger in der Kirche, um noch ein wenig von der Stimmung mitzubekommen.

Ein in sich zusammengekrümmter Mensch taumelt auf den Ausgang zu. Valera ruft: “Vater, Vater, kommen Sie schnell!” Der Geistliche, der seit einigen Tagen wegen einer gebrochenen Rippe in der Kirche Unterschlupf gefunden hat, eilt herbei und geht auf den Menschen einredend mit ihm mit. Ralf hat sich gerade zu mir auf die Bank gesetzt und wir fragen Valera nach dem Mann. “Er hat gebrannt.” Wie bitte? Ja, er gehörte zu der Hundertschaft, die im brennenden Gewerkschaftshaus waren. “Er sagt immer wieder die Zahl sechs. Er sagt, nur sechs von den vielen, die da drin waren, haben überlebt. Und wie er nach Luft schnappt, so…” Valera macht uns das vor, es ist beängstigend und nicht zu beschreiben. “Aber wo will er den hin?” fragen wir besorgt. “Auf die Barrikaden. Kämpfen.” Nach einiger Zeit kommen sie wieder in die Kirche. Die junge Ärztin setzt sich mit ihm in den Kirchsaal. Kniet neben ihm nieder. Bekreuzigt sich. Betet innig. Setzt sich neben ihn, spricht leise auf ihn ein. Jemand schließt die Tür, um ihn nicht von neuem außer Fassung zu bringen. Sechs, sechs, sechs, sechs… Dieses Trauma hat ihn völlig verwirrt.

Inzwischen steht an der Eingangstür eine Gruppe von Leuten. Ich werde geholt, um mit deutschen Journalisten zu sprechen. Sie suchen nach Informationen über die junge Krankenschwester, die in den Hals geschossen wurde, und halbtot ins Internet tippte “Ich sterbe…” Nach einer vierstündigen OP und zwei Tagen ist sie jetzt immerhin in einem ‘Zustand, das man hoffen kann, dass sie überlebt. Valentina hat mir gerade diese Geschichte erzählt, die sie im ukrainischen Fernsehen gesehen hat. Die Journalisten wollen bloß herausfinden, in welchem Krankenhaus sie jetzt liegt. Unsere Geschichten sind ihnen offensichtlich nicht spektakulär genug. Sie verstehen auch kein Russisch. Einer ihrer Begleiter kommt herzu und sagt: “Jetzt haben wir herausgefunden, wo sie liegt.” Hals über Kopf verabschieden sie sich.

Ich beobachte einen jungen Mann. Fiebrig, in Badeschlappen, hustend schleppt er sich vor den Fernseher in der Bibliothek, wo eine Übertragung des Parlaments läuft. Eine Weile schaut er, dann stößt er heiser, kaum hörbar hervor: “Die muss man alle umbringen. Alle umbringen.” Ich beantworte ein Telefonat von Annegret: “…ja, ich bin noch in der Kirche. Ich komme aber gleich zurück.” Der junge Mann schaut weiter. Dann dreht er sich zu mir um: “Sie sind aus Deutschland?” Ich bejahe. “Verstehen Sie, die sind schlimmer als Hitler. Was die dem Volk angetan haben! Und jetzt sitzen sie immer noch da und tun, als ob sie jetzt neue Politiker wären.” Klitschko kommt ins Bild. “Und der da. Verstehen Sie doch! Mkt jedem Schlag auf seinen Kopf im Boxkampf ist doch sein Gehirn erschüttert worden. Als Boxer… ja, da ist er großartig. Wir sind alle seine Fans. Er kann alle besiegen. Alle. Aber bloß beim Boxen. Aber da… das ist doch nicht der richtige Platz für ihn. Er ist ein Sportler. Ein wunderbarer Sportler. Aber weiter nichts. Der kann doch nicht denken.” Jetzt stehen ihm Tränen in den Augen. Dann redet Jazeniuk. “Und der, der hat große Sprüche gemacht, dass er an unsere Seite kämpfen will. Und was hat er getan? Was?” Wie gern möchte ich ihm etwas Positives sagen. Valentina hat sich im Laufe des Gesprächs ein paarmal dazwischengeschaltet, hat besänftigend gesagt, dass wir uns in einer Kirche befinden und dass man niemand den Tod wünschen darf.

Wie werden diese jungen Menschen mit ihren starken Emotionen fertig werden? Warum musste das passieren in unserem angeblich zivilisierten Europa? Ich bin mehr und mehr der Meinung, dass, wer nur zuschaut und abwägt, sich schuldig macht. Ich habe gestern den traurigen Satz gehört, und zwar nicht aus ukrainischem, sondern aus deutschem Mund: “Europa reagiert auf alle wichtigen Ereignisse mit vier bis sechs Wochen Verspätung.” Was können wir tun, damit sich das ändert?

Als ich gehe, kommt Zhenja gerade zur Kirche, um in seiner Freizeit zu helfen. Immer noch ist er sehr blass. Die Gruppe für die großen Jungs lassen sie heute ausfallen, um niemand in Gefahr zu bringen, doch sie werden vor Ort sein.

Ein kleiner Zug mit etwa zwanzig Selbstschützern mit Bauarbeiterhelmen und Knüppeln kommt, um die Lage zu inspizieren. Bis mein Hund sein Häufchen abgelegt hat, machen sie sich schon wieder auf den Rückweg. Beraten lange in Straßenmitte.

Zu Hause erreicht mich die Nachricht, dass der Privatpalast des Präsidenten jetzt frei zugänglich sei. Während ich schreibe, höre ich lautes Hupen und sehe zu meinem Entsetzen einen offenen Lastwagen mit lauter Leuten in wahrscheinlich olivfarbenen Uniformen die Kruglouniversitetskaja hochfahren, mit einer wehenden großen ukrainischen Fahne. Besorgt rufe ich Ralf an. Nein, kein Grund zur Aufregung. Der Maidan habe die Kontrolle über Kiew übernommen und das werde jetzt wohl gefeiert.

Wir bleiben besorgt und bitten Euch um Fürbitte für die durch die Ereignisse Traumatisierten. Schließt auch die Leute ins Gebet mit ein, die jemanden verloren haben. Und die vielen, die sich tief mit den Opfern und ihren Angehörigen identifizieren.

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1 Response to Charis Haska: Das Land ist traumatisiert

  1. Viviane Vincent says:

    C’est intéressant j’aime votre blog ,Bonne Continuation

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