Jörg Drescher: Gedanken zum heutigen Tag der Ukrainischen Revolution

Joerg Drescher: Gedanken zum heutigen Tag der Ukrainischen Revolution

Quelle: https://www.facebook.com/notes/joerg-drescher/gedanken-zum-heutigen-tag-der-ukrainischen-revolution/10202417526058193

20.02.2014

Die Ukraine hat heute (und eigentlich die letzten 3 Monate) einen enorm hohen Preis für die Europäischen Werte bezahlt. Noch nie habe ich Bilder von schwer Verwundeten und Toten in einer Umgebung gesehen, die ich im täglichen Leben selbst gedankenlos besuche, weil sie meine Heimat sind. Selbst der „surreale“ Maidan mit seinen Zelten und Barrikaden wurde zur Normalität, wo ich mich eigentlich sicherer fühlte, wenn Trupps mit vermummten behelmten Baseball-Schläger-Tragenden an mir vorbei gingen, als wenn ich irgendwo außerhalb auf einen Pulk Polizisten traf.

Sicher, mit dem Parlamentsbeschluss ist es zwar nicht vorbei, aber ein Licht am Ende des Tunnels ist schwach erkennbar. Die Präsenz von ausländischen Beobachtern scheint mir enorm wichtig und soweit ich verstanden habe, sind solche für die nächsten Wochen angekündigt.

Leider waren die Bilder von heute insofern notwendig, um die Aufmerksamkeit der sensationsorientierten Medien wieder auf die Ukraine zu lenken. Die gezeigte „Action“ verkauft sich eben besser, als tiefgreifende Hintergrundberichte, die nur wenige interessieren. Fragt man morgen jemanden (in Deutschland) auf der Straße, was in der Ukraine los ist, bekommt man wohl von Ausschreitungen zu hören – nicht aber, was dazu führte oder welche Ziele, Ideale und Träume dahinterstehen. Es ist vieles (in Deutschland) „zu selbstverständlich“ geworden. Alles scheint ohne Gewalt und Blutvergießen „erreichbar“ – und damit auch „wertlos“. Das Brot, das sich jemand mit dem eigenen Schweiß erarbeitet, schmeckt eben doch besser, als das Brot, das einem geschenkt wird.

Zusätzlich feuert die Oberflächlichkeit der Medien solche Ausschreitungen an (eben die Gier danach). Das war über die vergangenen 3 Monate zu beobachten, und wenn man genauer auf die Krisenherde der Welt schaut, gibt es kaum einen Konflikt, der gründlich erklärt wurde.

Was hat uns die (philosophische) „Aufklärung“ eigentlich gebracht?

Würde ich nicht in Kiew leben, fiele mir all das vielleicht auch nicht so extrem auf. Und wie oft fragen mich Bekannte hier, was mich eigentlich in diesem Land hält. Ja, ich liebe die Ukraine, fühle mich mit ihr verbunden, mag die Portion Chaos und den rebellischen Flair. Das „Unfertige“ an der Ukraine macht wohl auch einen Teil aus, weil dieser das „Wertschaffend“ darstellt.

Ich trauere um die Toten heute, gestehe, dass mir die letzten Tage mehrfach Tränen über die Wangen liefen – nicht nur aus Mitleid und Entsetzen, sondern auch wegen des Muts und der Courage der Menschen. Es war ein sehr besonderer Tag heute, und doch möchte ich betonen, dass ich auf solche Tage gerne verzichten kann. Das ist unsere Aufgabe, dass sich so etwas nicht wiederholt. Ich hoffe, der Höhepunkt der Revolution war heute erreicht. Weitere Kämpfe und Tote schließe ich nicht aus – aber hoffentlich nicht mehr in dieser Heftigkeit!

Slava Ukraini!

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