Werner Genuit: Auszüge aus einer Mail von einem langjährigen Freund aus Kiew

Werner Genuit: Auszüge aus einer Mail von einem langjährigen Freund aus Kiew

Quelle: https://www.facebook.com/werner.genuit/posts/740693889275865?stream_ref=10

Auszüge aus einer mail von einem langjährigen Freund aus Kiew, den wir heute erhielten (Namen und persönliche Angaben wurden verändert,um das Leben des Freundes nicht zu gefährden — so weit sind wir schon!!!)

“Ich konnte lange Zeit an Dich keinen Brief schreiben,weil ich nicht weiss,was ich Dir schreiben soll.

Alles ist gut?

Ihr schaut doch auch die Nachrichten und versteht: Nix ist gut bei uns.

Sich beschweren? Macht keinen Sinn!

Wenn ich zuhause bin, schaue ich ständig den 5. Kanal mit der Online-Übertragung vom Maidan und jetzt auch von der Gruschewskogo…

Während ich das sehe, heule ich wie ein Schlosshund.

Ich kann doch nicht jeden Tag auf den Maidan fahren,dann werde ich kein Gehalt mehr bekommen, und dann habe ich nichts mehr für’s Leben.

Ich schaffe es nur am Wochenende… und wenn ich da bin, beruhige ich mich und höre auf zu weinen.

Es ist dort eine ganz besondere Athmosphäre. In Worten nicht zu beschreiben. Dort ist es ganz anders,als alle Nachrichten-Anstalten und Agenturen berichten. Dort ist ein eigenes Leben. Ein gewöhnliches Leben.Jeder ist mit seiner Aufgabe beschäftigt. Ich fühle mich dort sicher, ich hatte keine Ahnung, dass soetwas möglich ist…

Früher in meiner Kindheit habe ich viel über Bürger- und Weltkriege gelesen ,und mich gewundert, dass die Menschen im Krieg zwischen den Kämpfen ein ‘normales Leben’ führen konnten.

Wie kann man in der ‘Hölle’ über etwas anderes denken können als den Krieg?

Und heute gehe ich durch die Strassen von Kiew und kann mir das sehr gut vorstellen.

Letzes Wochenende war es sehr sonnig und ein perfektes Wetter.

Einige Tage vorher habe ich aber sehr schlecht geschlafen, hörte die ganze Nacht Explosionen von der Gruscheskogo. Kannst Du Dir das vorstellen?

Ich wohne so weit weg von diesem Ort und konnte das hören.

Und meine Mutter, die so nahe am Maidan wohnt, hat nichts gehört.

Ich habe die ganze Zeit gedacht, sie will mich nur beruhigen, damit ich mir keine Sorgen mache.

Aber als ich am Wochenende auf dem Maidan war und auf den Nebenstrassen des Khreschatyk spazieren ging – es war so ruhig – Die Ruhe klingelte in meinen Ohren!

Und die strahlende Sonne.

Dieses Gefühl der Ruhe, als ob es überhaupt keinen Krieg gibt.

Und dieses Gefühl verlässt Dich sofort, wenn Du unzählige Miliz-Autos auf den Strassen siehst (die alle Autos anhalten, die Richtung Maidan, bzw. Innenstadt von Kiew fahren wollen) und uniformierte Leute in den Innenhöfen patrouilliernd…

Und wenn man dann zum Khreschatyk kommt, gerät man in eine belagerte Stadt. In dieser “Stadt” verschwindet plötzlich die Angst um die Zukunft der Ukraine.Schliesslich gibt es ein Vertrauen:

Diese Leute halten durch!

Jedes Mal bringe ich etwas Geld mit für die Kasse des Maidans. Das ist mein kleiner Beitrag für die grosse Revolution. Viele Menschen bringen Lebensmittel,Medikamente, warme Kleidung, Brennholz mit. Aber man muss auch die Bio-Kloos reinigen, Müll entsorgen. Für das alles braucht man Geld, und nicht nur wenig Geld…

Ich komme dorthin und sage diesen Jungs und Männern “Danke!”, weil sie auch für MICH dort stehen und kämpfen, während ich zuhause in einem warmen Bett schlafen kann. Und diese Menschen sind schon sehr müde und erschöpft.

Ich kann mir nicht vorstellen, woher sie diese Kraft schöpfen!!!

Ich sage es ihnen immer und immer wieder:

Danke für Ihre Geduld, Ihren Mut und Ihre Heldentat!!!

Und ich habe sehr grosse Angst.

Ich habe Angst, dass die Menschen “verschwinden”.

Und es nicht so, wie es in den 90er Jahren war.Jetzt ist es “massiv” und “öffentlich”.

Ich habe Angst vor der überall herschenden Gesetzeslosigkeit.

Ich habe die Angst, dass sich die Armee einmischt.

Ich habe Angst vor den Menschen.

Uns wurde erzählt , dass ein Bürgerkrieg kommen könnte.

Das sind Lügen.

Er hat bereits begonnen.

Ich gehe auf den Strassen, und weiss nicht, ob mir ein FEIND oder ein FREUND entgegen kommt. Ich habe Angst, Ukrainische Symbole zu tragen. Du wirst deshalb geschlagen, ausgezogen, oder mindestens verflucht.

Aber am meisten befürchte ich, dass mit der Eröffnung der Olympischen Spiele Russland wird beginnen zu “arbeiten”.

Ich habe Angst unter der Herrschaft Putins zu leben.

Die letzten 2 Wochen habe ich soviel Schmutz von Pro-Russischen Menschen im Netz lesen müssen, wie noch nie davor. Die “Moskowiter”, bei denen ich letzten Sommer zu Besuch war, antworten mir nicht mehr auf meine Briefe. Aber auch in Kiew treffe ich auf Leute, die nur noch fluchen, sobald sie das Wort “Maidan” hören.

Ehemalige Klassenkameraden, Freunde, Verwandte sehen sich auf einmal auf den entgegengestzten Seiten der Barrikaden wieder…

Wie furchtbar ist das!

Unser Präsident verhält sich, als ob ein sehr “Starker” hinter ihm steht. Und wir sind uns ganz sicher, dass dieser jemand Putin ist. Es gibt schon Gerüchte, dass sich Polen auf massive Flüchtlingsströme vorbereitet.

Und in russischen Quellen kann man schon über Pläne über die Teilung der Ukraine lesen.

Und dieses Mal sage ich Dir, dass ich keine Angst habe vor der Teilung der Ukraine. Ich habe vielmehr Angst, in jene Hälfte zu geraten, die mich dann “Speckesser” oder “Pro-Bandera” nennen werden (=Anmerkung: Schimpfworte der pro-russischen Bevölkerung und in Russland).

(Erklärung: Der Schreiber hat Angst davor, unter Putins Russlands -Einfluss zu geraten)

Ich schreibe Dir diesen Brief und weine dabei.

Ich hatte früher Angst um andere Dinge im Leben.

Ich hatte Angst um mich, um meine Familie.

Jetzt kommt die Angst anderer Art.

Ich habe Angst um mein Land, die Ukraine.”

This entry was posted in "Voice" auf Deutsch, Deutsch and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Leave a comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.