Tobias Ernst: Wenn ich die Berichterstattung der deutschen Medien über die Ukraine ebenso sehe wie die Kommentare, da könnte ich weinen.
Wenn ich die Berichterstattung der deutschen Medien über die Ukraine ebenso sehe wie die Kommentare, die die Internet-Community darunter hinterlässt, da könnte ich weinen. Was alle – Journalisten wie Kommentatoren – falsch machen, ist, dass sie die Ereignisse in Ukraine unter der stillen Annahme kommentieren und einordnen, dass in der Ukraine alles so funktioniert wie in Deutschland.
Nochmal zur Zusammenfassung. Es ging los mit einer kleinen friedlichen Pro-Europa-Demonstration von ein paar Studenten, die mit dem Vorwand, einen Weihnachtsbaum aufstellen zu müssen, blutig niedergeschlagen wurde. (Bereits an dieser Stelle hört jegliche Möglichkeit eines Vergleichs mit deutschen Verhältnissen auf! Niemals würde eine kleine friedliche Demo in Deutschland blutig zusammengeschlagen! S21 ist kein Vergleich hier!) Darauf demonstrierten mehr Menschen friedlich. Je mehr Menschen friedlich demonstrierten, desto mehr Blut vergossen die Kräfte des Regimes in punktell wohlüberlegt lancierten Aktionen. Irgendwann ist es eskaliert und am 19. Januar traten die Nationalisten auf den Plan und wandten ebenfalls Gewalt an. Ja. Aber erstens repräsentieren die Nationalisten nicht die Mehrheit der Demonstranten. Zweitens ist es GENAU DAS (dass die Weltöffentlichkeit die ukrainischen Nationalisten als Problem wahrnimmt), was das russlandaffine Regime durch seine blutigen Aktionen bezweckt hat. Je mehr der Westen die ukrainische Nationalisten (die eigentlich überhaupt keinen Rückhalt in der breiten Bevölkerung haben) als großes Problem wahrnimmt, desto mehr wird der Westen eine militärische “Peacemaker”-Intervention von Russland zu einem zukünftigen Zeitpunkt akzeptieren.
In dem folgenden Hintergrundartikel wird die zugrundeliegende Taktik großartig beleuchtet. Man muss nur mal sein Gehirn ein bisschen anschalten.
http://www.jpost.com/Opinion/Columnists/How-the-EU-can-help-Ukraine-340140 (How the EU can help Ukraine — By Andreas UMLAND)
Deswegen ist damit zu rechnen, dass das Regime die Gewalt geschickt noch weiter eskalieren lassen wird, bis die Nationalisten tatsächlich unter Duldung wenn nicht gar Beifall der bis dahin völlig weichgekochten/verzweifelten/durch ihren Widerstand gegen das verbrecherische Regime radikalisierten Bevölkerung ein echtes Progrom anrichten und damit den eigentlich friedlichen (wie sonst selten eine Protestbeweghung) Maidan vor der Weltöffentlichkeit ins Off manövriert. Und dann werden russische Truppen kommen. Mindestens auf die Krim. Vielleicht auch bis nach Kiew.
Die Ukraine kann diesen Kampf nur gewinnen, wenn die Proteste friedlich bleiben. Das bedeutet aber letztlich, von den ukrainischen Aktivisten zu erwarten, als Lämmer vor die Schlachtbank geführt zu werden. Denn genau das machen die Todesschwadrone des Möchtegerndiktators, sie schlachten friedliche Aktivisten ab. Entführen sie, foltern sie, werfen sie halb- oder ganz tot im Wald wieder ab, einfach nur weil sie eine friedliche Demo organisiert haben. Dieser Preis ist zu hoch, die moralische Schwelle wird hier von den deutschen Pazifisten und Nichteinmischungsvertreter-Linken so hoch gelegt, wie diese sie selber niemals reißen würden. Die ukrainischen Demonstranten haben im Vergleich zu allen anderen Krisenherden der Welt bereits ein sehr erstaunlich hohes Maß an Friedfertigkeit bewiesen. Wenn die Schlachterei aber so weiter geht, wird es irgendwann zu einer rechten Radikalisierung kommen, das ist unausweichlich und kann den Ukrainern nicht vorgeworfen werden. Damit das nicht passiert, muss Europa hier eingreifen. Durch Sperrung der Konten der ukrainischen Verbrecherfamilie, durch Ausweisung bzw. Nichterteilung von Visa an deren Mitglieder. Und, wie im Artikel beleuchtet, durch eine klare selbstbewusste Politik gegenüber Russland.
