Charis Haska: Ich sagte ihm “Sie sind mutig.” Er antwortete: “Nein, wir sind nicht mutig. Aber die Lebensumstände haben uns gezwungen, zu protestieren.”

Charis Haska: Ich sagte ihm “Sie sind mutig.” Er antwortete: “Nein, wir sind nicht mutig. Aber die Lebensumstände haben uns gezwungen, zu protestieren.”

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/602657649800930?stream_ref=10

Charis Haska: Ich schreibe verzweifelt an meine guten Freunde, ob sie den folgenden Text für mich posten, denn FB lässt sich nicht öffnen. Wenige Minuten später macht es Plupp und jemande aus Kiew sendet mir ein Link mit einem Video, das berichtet, Russland bereite einen bewaffneten Schlag auf die Ukraine vor.

Hier mein eigener Text:

“Es ist Sonntag, wieder hat es eine grosse Versammlung auf dem Maidan gegeben. Wieder ist mein Zugang zu meinem / unseren sozialen Netzwerk blockiert. X Mal gebe ich die Adresse ein: www. und so weiter, kaum drücke ich Enter, so ist die vorherige Seite wieder im Addressfeld.

Gestern kam ich vom Einkaufen und was begegnete mir – zum ersten Mal seit wir in Kiew wohnen (das sind nun immerhin genau etwas mehr als vier Jahre und sechs Monate!) – zu meiner grossen Überraschung und gemässigten Erheiterung auf den Treppenstufen direkt vor unserer Wohnung? Ihr habt es erraten: Ein Tarakan. Sollte es mich wundern? Das Treppenhaus ist zwar geheizt, doch mir wäre es zu kühl, mich da aufzuhalten. Selbst in der Wohnung kommt die Fernheizung im Moment dem Frost nicht so recht hinterher, sodass ich es immerhin für notwendig halte, auch zu Hause eine wollene Leggins unter der Jeans zu tragen. Ich spekuliere nicht darüber, dass Insekten gegenüber Temperaturen unempfindlicher sein könnten, als Menschen.

Freunde von verschiedenen Seiten erzählen mir, wiederum von ihren Freunden, dass des Milizsoldaten (zu denen das Kind dieser Freundesfreunde gehört, es wacht vor dem Haus von Janukowitsch) Hände und Füsse abfrieren. Sie dürfen sich aber nicht krank melden, da sie sonst Landesverräter sind.

Ich begleite mein eigenes Kind durch die Barrikaden der Miliz zu seinem deutschen Freund, der mit seiner tapferen Mutter direkt gegenüber der Kirche wohnt. Ich muss Auskunft geben, wohin wir gehen. Als ich eine Stunde später mit meiner lustige Fellmütze von einem gemütlichen Plausch mit der Mutter wieder die Sperre passiere und wegen der mich blendenen Sonne, aber auch wegen meiner Unsicherheit gegenüber den Berkutsoldaten meinen Blick gesenkt halte, sehe ich, dass einer von ihnen sich mit einer Art Bankräubermaske unter dem Helm maskiert hat. Mich graust, dann verstehe ich aber: Er schützt sich so vor der Kälte, die bei uns oben am Berg wegen des Windes noch unerträglicher ist. Keine zehn Minuten möchte ich da unbeweglich stehen müssen, mir würde alles abfrieren. Ein weiterer Berkutmann schickt mir ein dreckiges Lachen hinterher. Vielleicht ist es nur dies Lachen, was ihn noch warm hält.

Gemeindeglieder sind empört und aufgebracht, darüber, dass man Bulatow versucht hat zu kreuzigen. Und ihm die Ohren abgeschnitten hat. Die ukrainische Presse meldete schon gestern, dass Deutschland angeboten hat, ihn aufzunehmen, denn selbst in diesem bedauernswerten Zustand ist er zur Fahndung ausgeschrieben. Mit ihm noch mindestens vier andere Teilnehmer des Automaidans.

Mir ist unwohl bei dem Gedanken, dass Ralf heute nach einer klaren, mutigen und geistgewirkten Predigt mit dem Klapperlada allein auf dem Weg zu unserer Filialgemeinde und zurück ist. Auch in den anderen Jahren hatte ich in den Wintermonaten Angst, ihn allein auf den Strassen der Ukraine zu wissen. Immerhin hat im letzten Winter jemand siebzehn Stunden von Lwiv bis Kiew gebraucht.

Ein Satz aus einer flüchtigen Begegnung mit einem Aktivisten aus dem Bezirk Charkow in den vergangenen Tagen lässt mich nicht mehr los. Ich sagte ihm “Sie sind mutig.” Er antwortete: “Nein, wir sind nicht mutig. Aber die Lebensumstände haben uns gezwungen, zu protestieren.”

Mögt Ihr das für mich posten?”

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