Ein Feldkaplan spricht über seine Kriegserfahrungen: Meine Brüder sind dort geblieben

http://pravyysektor.info/articles/ya-zalyshyv-tam-brativ-kapelan-pravoho-sektora-otets-fidelis-volnistov/

Eine auszugsweise Übersetzung

Etwa drei Wochen lang hat Pater Fidelis Volnistov als Kaplan beim Rechten Sektor im Dorf Pisky verbracht.

Der Priester spricht über seine Erfahrungen mit Militärangehörigen.

„Ich bat einen griechisch-katholischen Priester, Seelsorger beim Rechten Sektor, darum, dass ich mit ihm fahren darf. Da er sich einen Beinbruch zugezogen hat und in Dnipropetrowsk zurückbleiben musste, ging ich an seiner Stelle für drei Wochen dahin. Ich verrichtete meinen Dienst im Dorf Pisky, 1 km vom Flughafen Donezk entfernt, beim 5. Bataillon des ukrainischen Freiwilligenkorps “Rechter Sektor”, 1. und 2. Sturmkompanien.

Als der Flughafen Donezk fiel, rückten wir ganz vorne, in die vorderste Linie.

Dort ist es schrecklicher als in den Filmen über den Zweiten Weltkrieg. Auf dem Weg nach Pisky stehen verbrannte Panzer und Fahrzeuge in Gräbern. Das Land wurde durch die Panzer drum herum gepflügt. Das Dorf wurde vollständig zerstört. … Die Häuser der Oligarchen haben kleinere Schäden davontragen, weil sie sehr robust sind, aus Beton. Und genau dort haben unsere Jungs ihre Stützpunkte eingerichtet. Es gab auch ein Paar Dorfbewohner, die nicht in der Lage waren, weg zu gehen. Einen solchen Mann hatten wir als Nachbar. Sein Häuschen ist heile geblieben, weil es sehr winzig war. Unsere Jungs geben ihm dort immer was zum Essen. Viele Dorfbewohner flohen so eilig, dass ihre Hunde an der Kette geblieben sind. So ließen unsere Jungs Hunde frei und fütterten sie. Das Dorf Pisky gibt es nicht mehr. Es vollständig ruiniert worden.

Die ganze erste Woche haben wir im Keller verbracht. Denn es tagein tagaus geschossen wurde: Panzer und Raketenwerfer, Panzerfäuste und Scharfschützen. Alle fünf Minuten liefen wir durch den Flur, weil die Soldaten nicht wussten, wann und wohin sie sich verstecken sollen.

Mehrmals war mein Leben wirklich in Gefahr. Ich musste auf den Boden fallen, um mich vor Granaten zu verstecken, Kugel schwirrten um meine Nase herum, GRAD-Geschossen fielen. Gefährlich war sogar der Weg zum Klo, eigentlich etwa 20 Meter lang. Obwohl im Kugelhagel sogar ein solcher Weg zu lang ist.

Dienst als Kaplan ist keine gewöhnliche Diözese. Man muss sich dazu berufen fühlen. Man muss in der Lage sein, Soldaten zu verstehen, sich in ihre Lage versetzen können. Man darf ihnen nicht zu nahe treten, denn beim nächsten Mal werden sie weder dich, noch einen anderen Priester an sich heranlassen wollen. Hier ist ganz anders, nicht wie in der Pfarrei: Du erscheinst und deine Predigt zum Thema Liebe wird aufmerksam gehört, danach deine Hand geküsst. Nein, im Krieg ist es anders. Du musst von Gott reden können und von Liebe zur Heimat. Und das musst du auch so vereinen können, dass man die Logik darin sieht. Denn viele missverstehen Christentum in dem, dass sie denken: Man soll die andere Wange seinem Feind hinhalten, wenn er dich auf eine Wange schlägt. Und du musst unterschiedliche Fragen beantworten können. Die Glaubwürdigkeit muss erst verdient werden. Als allererstes wird es festgestellt, was für einen Mensch du bist, und später – was für einen Priester. Ein echter Kaplan kennt seine Soldaten. Er kennt Charakter jeden einzelnen, er weiß, was jeder durchmacht, was er denkt, zu jedem muss er einen ganz eigenen Zugang finden.

Ich habe sowohl den Orthodoxen als auch den Katholiken die Beichte abgenommen. Es gab auch Heiden in unserer Brigade. Ich bin mit allen gut ausgekommen. Ich wusste, dass sie bereit waren, das Leben für ihre Blutsbruder hinzugeben.

Es gibt viele Protestanten unter Freiwilligen. Sie haben eine sehr positive Lebenseinstellung. Wir beteten zusammen. Kugeln schwirren und wir halten die Hände und beten, preisen Gott, beten um Frieden.

Jeden Tag um 14.00 feierte ich den Gottesdienst, zu dem Freiwilligen kamen. Natürlich nicht alle, aber mehrere Personen gab es schon immer. Oft wollte man auch eine Beichte abzulegen oder bat ums Gespräch. Außerdem arbeitete ich wie jeder andere auch, … Jeder weiß, was er zu tun hat. Und alle arbeiten. Es herrscht Ordnung. Hätten alle ukrainischen Streitkräfte die gleiche Disziplin wie beim Rechten Sektor, wäre dann alles anders.

Menschen im freiwilligen Bataillon sind ausgesprochen pflichtbewusst. Es gibt keinen Alkohol hier. Es ist ja allgemein bekannt, dass die ukrainischen Streitkräfte ein Problem damit haben. Aber der Rechte Sektor trinkt kein Alkohol, es herrscht Disziplin, Befehle werden genau und effizient ausgeführt. Im Allgemeinen dauert der Einsatz hier einen Monat lang. Falls jemand sich daneben benimmt, wird er beim nächsten Mal einfach nicht aufgenommen.

Hier kommt man, um den freiwilligen Dienst zu leisten. Und das ist sehr wichtig. Hier dienen Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlichen sozialen Status, Jungen und Mädchen. Mädels und Jungen mit 20+ Jahren kämpfen wie jeder andere. Sie haben ihre Häuser, Familien zurückgelassen, um ihre Heimat zu verteidigen. Und sie werden dafür nicht bezahlt. Versorgt sie nur durch die Freiwilligen. Lebensmittel, Kleidung und Ausrüstungen – all das wird durch die Volontärs geleistet.

Alle nennen sich untereinander „mein Freund“, ungeachtet dessen alt oder jung, Männlein oder Weiblein. Alle verhalten sich untereinander wie Brüder. Ich wurde auch als „mein Freund“ angesprochen. … Und in der Tat, all diese Menschen wurden zu meinen Brüdern. Ich ging und meine Brüder sind dort geblieben.

Ich wurde dazu angehalten, um unseren Sieg zu beten. Nicht für den Frieden. Die Soldaten sagten mir: „Bitte nicht darum beten, dass wir heile nach Hause zurückkehren. Wir wollen als Sieger nach Hause kommen“. Sie wollen auch keinen Frieden um jeden Preis. Wegen der sogenannten Waffenruhe haben wir mehr Menschen verloren, als während der Kampfhandlungen. Jetzt wollen sie das Wort „Frieden“ nicht mehr hören“.

Militärangehörige haben mich danach gefragt, ob Rache eine Sünde ist. Ich erklärte, dass die christliche Moral die Rache als etwas verwerfliches betrachtet. Sie erwiderten jedoch:“Bei allem gebührenden Respekt, Ihnen und Christentum gegenüber, werde ich jetzt meine Rache doch nehmen“. Ich kann sie verstehen, denn viele von ihnen in diesem Krieg ihre Blutsbruder verloren haben.

Beim Rechten Sektor spielt dein Nationalität oder Religion keine Rolle. … In unserer Brigade gab es auch Freiwillige aus Georgien und Kanada. Jeder hatte seinen Kampfname. Der Brüder aus Georgien erzählte, dass er für die Ukraine kämpft, weil er so all denen Ukrainern bedanken möchte, die damals für Georgien gegen Russland kämpften.

Einmal wurden wir eingekesselt. Die Jungs erwiderten das Feuer. Dann kommt zu mir ein Blutsbruder, Kampfname Dobermann, gibt mir eine Handgranate und sagt: „Falls sie hierher kommen sollen, ist es besser, sich in die Luft zu sprengen, als zu denen in Gefangenschaft zu geraten“. Und weg ist er. Ich halte diese Handgranate in den Händen und denke: Ja, ist es auch, denn in Gefangenschaft werden die Freiwilligen bestialisch behandelt …

Weiter so zu leben, als ob wir keinen Krieg haben, ist die Sünde der Indolenz …

Jeder muss Militärangehörigen helfen, so wie er kann. … Sie kämpfen für uns. Falls sie die Aggressoren nicht aufhalten, kommen jene zu uns nachhause. Es gibt auch das Vierte Gebot, das Vater und Mutter zu ehren vorschreibt.

Heimat ist unsere Mutter, ihr gegenüber sind wir verpflichtet. Wir haben zwei Heimaten: Himmelsreich und unsere Heimat hier auf der Erde. Wir dürfen doch nicht schweigen, wenn unsere Mutter verhöhnt wird. …

Manche Frauen sagen: “Mein Kind würde ich in den Krieg nie lassen.” Dies ist auch eine schwere Sünde. Sind andere Mütter etwa dümmer dumm, oder sie haben schlechtere Kinder? … Oder denkt ihr, dass diejenigen die kämpfen, sterben und nach Hause mit Verletzungen zurückkehren, keine Angst haben? Sie sind allerdings nicht zuhause sitzen geblieben.

Wir müssen die Rehabilitation von Soldaten, die nach dem Krieg nach Hause kommen, vorbereiten. … Obwohl ich sagen muss, dass die Menschen bei den freiwilligen Bataillonen psychisch stabiler sind, sie wissen, was sie tun, sie trinken keinen Alkohol im Dienst. Sie werden psychisch nicht so traumatisiert, wie diejenigen, die einberufen wurden und zwar gegen ihren Willen. … Aber im Großen und Ganzen werden wir alle nach diesem Krieg eine Rehabilitation brauchen. Aber was können wir tun? Nicht wir sind in ein fremdes Land eingefallen. Wir verteidigen unser Land.

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