Marat Gelman: Putins Ultimatum an Poroschenko

Von: Marat Gelman
1.09.2014
Übersetzt von Klaus H. Walter für Voices of Ukraine

Heads of States of the Customs Union and representatives of the European Commission attend their summit in MinskDer bekannte russische Kommentator Marat Gelman schreibt über Putins Ultimatum an Poroschenko, basierend auf einem Gespräch, das er mit einer gut informierten Quelle im Kreml hatte. Sein Artikel erschien am 30. August 2014 in der russischen Zeitschrift Nowoje Wremja. Eine ukrainische Übersetzung wurde von Expres.ua am 31. August veröffentlicht.

“Ich sprach mit Wladimir Lukin. Von Putins gesamter Entourage ist er der anständigste. Er war derjenige, der das Friedensabkommen zwischen Janukowytsch und der Opposition im Februar nicht unterzeichnet hatte, weil er es für nicht realisierbar hielt. Und deswegen gebe ich nicht meine eigenen Ansichten wieder, die ja bekannt sind, sondern liefere in diesem Artikel fast eine wörtliche Wiedergabe (des Gesprächs). Es war noch ein weiterer Mann dabei, ein gemeinsamer Freund – der mir und Lukin nahe steht. Darum glaube ich, was er sagte, was er weiß und versteht, ganz offen gesagt.

“Niemand im Kreml braucht die Donezker Volksrepublik, die Luhansker Volksrepublik oder Noworossija. Sie sind in einem solchen Ausmaß nicht erforderlich, dass Strelkow und Borodaj aus diesem Grund entfernt wurden, weil sie an einem bestimmten Punkt an die Möglichkeit der Abtrennung von der Ukraine glaubten und sich in die falsche Richtung in Bewegung setzten. Den Donbas zu bekommen und die Ukraine zu verlieren, stellt für den Kreml eine Niederlage dar. In diesem Fall wäre es besser gewesen, erst gar nicht damit anzufangen. Der Sprachgebrauch aller derjenigen, die in der Regierung sind, sollte niemanden täuschen,” sagte er.

“Letztlich hat man keine Armeen hineingeschickt. Aber sie werden so viele (Soldaten) entsenden, wie dafür notwendig ist, damit Poroschenko versteht und sich an den Verhandlungstisch mit denen setzt, die Putin dafür bestimmt.”

Als ich fragte: “Aber wie können sie erwarten, den Verlust der Ukraine zu vermeiden, wenn der gegenseitige Hass so intensiv ist?” antwortete Lukin: “Und wie haben die Franzosen und Engländer nach einem 100-jährigen Krieg den Frieden vereinbart? Und die Russen und die Deutschen?”

Sie denken in sehr langen Zeiträumen. Die Fragen über die negative Haltung der Weltgemeinschaft und die Folgen für das Land und für Putin persönlich zielten in die gleiche Richtung. “Marat, Geschichte ist nicht das gleiche wie ein menschliches Leben, in dem man innerhalb von 70 Jahren alles erledigt haben muss. Heute denkt man so, in 50 Jahren wird man anders denken. Welche Verfassung? Niemand kümmert sich um Papiere, wenn Geschichte gemacht wird,” sagte Lukin.

Ich fragte: “Was ist dann das Ziel? Warum haben sie Truppen geschickt? Warum haben sie die besetzten Gebiete umzingelt, wenn nicht für die Zukunft der Donezker Volksrepublik?”

“Vergessen Sie die Donezker und die Luhansker Volksrepubliken,” sagte Lukin. “Das Ziel ist, Poroschenko klar zu machen, dass er nicht gewinnen kann. Nie. Sie haben keine Armeen reingeschickt. Aber sie werden so viele (Soldaten) entsenden, wie dafür notwendig ist, damit Poroschenko versteht und sich an den Verhandlungstisch mit denen setzt, die Putin dafür bestimmt. Mit Menschen, die ganz gehorsam sind. Diese Menschen werden einen parallelen politische Flügel der heutigen Separatisten in Kyiw bilden (vielleicht sind sie schon dabei, so etwas zu schaffen. Ich weiß es nicht).”

Laut Lukin werden sowohl Donezk und Luhansk in der Ukraine verbleiben – als Garantie für die  Nicht-Mitgliedschaft des Landes in der NATO. Die Bedeutung der Forderungen nach Föderalisierung liegt in der Bedingung, dass jede Volksabstimmung über den Eintritt in diesen oder jenen Block separat für jede Region durchgeführt werden muss, und wenn eine Region dagegen ist, kann das Land nicht weiter machen.

Die EU-Assoziation, glaubt er, ist an sich nicht so sehr das Problem. Aber das gesamte Paket der “synchronisierten Europäisierung” ist wichtig. All diese Diskussionen über eine Änderung des Vektors sind Unsinn. “Russland will sich nicht irgendwo, sondern in Europa integrieren – und wird es nie tun. Und Putin ist der allererste Europäer hier. Obama muss man ignorieren. Allerdings sollte man ihm nicht zu viel entgegensetzen, um einen Sieg der Republikaner zu verhindern. Hillary wird benötigt. Und in Europa haben wir nicht wirklich mit jemandem gestritten,” sagt Lukin.

Dann frage ich: “Wie lange wird dieser Druck auf Poroschenko und die Verhandlungen weitergehen?” “Wir sind nicht in Eile,” sagte er, “Poroschenko ist derjenige, der sich beeilen muss. Oder das Mädchen mit dem Zopf wird ihn lebendig auffressen. Poroschenko sitzt auf einem heißen Stuhl; nicht wir. Idealerweise muss in der Tat alles so werden, wie es mit Janukowytsch war, nur ohne eine Rückkehr Janukowytschs.”

Und ich frage: “Also werden die ganze Zeit Menschen sterben?”

“Nein, jetzt nicht mehr. All dies liegt an der falschen Zuversicht der Ukrainer, dass sie gewinnen können. Sie haben aktiv die Antiterroroperation (ATO) begonnen. Jetzt, wenn das allen klar ist, dass sie nicht gewinnen können, wird sich ihre Leidenschaft verringern. Sie werden bis zu den Wahlen etwas präsentieren. Sie werden die Wähler täuschen. Im militärischen Sinne, sind wir über die aktivste Phase hinaus,” sagte er.

Nach diesem Treffen merkte ich plötzlich, dass uns die Ukrainer leid tun, aber eigentlich sollten wir  es sein, die zu bedauern sind. Es ist für jeden offensichtlich, dass die Regierung mit diesem ganzen Geschäft mit dem russischen Militäreinsatz im Donbas die Verfassung verletzt hat.

Und das bedeutet, dass jede nachfolgende Regierung gegen alle Gerichtsverfahren einleiten kann, die daran beteiligt waren. Es gibt eine Fülle von Beweismitteln, und es wird noch viel mehr geben – “die Verletzung der Verfassung, die zum Tod der Bürger geführt hat.”

“Im Gegenzug bedeutet dies, dass Putin sich bemühen wird, für immer an der Macht bleiben. Und sein Nachfolger wird jemand sein, der an der Verletzung der Verfassung beteiligt war.. Wahrscheinlich Schoigu eher als jeder andere. Nichts von dem ganzen Wahlgeschäft hat irgendeinen einen Sinn. Und die legalen Parteien haben keine Bedeutung. Sie werden niemals die Macht auf friedliche Weise abgeben.”
Marat Gelman

Quelle: Euromaidan Press
ukrainisch: expres.ua
russisch: Nowoje Wremja

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4 Responses to Marat Gelman: Putins Ultimatum an Poroschenko

  1. Nancy Turner says:

    The article sounds like the “friendly” Russians were actually trying to persuade the author that Ukraine needs to do what Putin wants Ukraine to do. For one, never join NATO and Ukraine cannot win so they should agree to Russia’s demands. I don’t think the Russians were having a candid conversation with the author. Not joining NATO would certainly leave Ukraine vulnerable.

  2. Pingback: Marat Gelman: Putins Ultimatum an Poroschenko | Aktuelles aus der Ukraine

  3. purzl says:

    Reblogged this on Vault and commented:
    Think about

  4. justice says:

    Dieses Sammelsurium an Vermutungen und Lügen ist einfach langweilig.

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