“Es wäre besser, zu sterben” – eine ukrainische Journalistin spricht über die Qualen in der Gefangenschaft

irma krat“Ich fragte meine Entführer, ob sie mich vergewaltigen würden. “Nein!” Wollt ihr mich töten? “Nein!” Und dann sagte ein Mann in einem sehr ernsten Ton zu mir: “Wir werden dich lebendig begraben.” Und drei Monate lang dachte ich, sie würden mich in der Tat lebendig begraben.”

Der ukrainischen Journalistin und Maidan-Aktivistin Irma Krat fällt es immer noch schwer, über die 77 Tage dauernde Gefangenschaft zu sprechen, nachdem sie am 20. April von pro-russischen Rebellen im Osten der Ukraine gefangen genommen worden war.

Während einer Recherche-Reise wurde die 29-Jährige in der Stadt Slowjansk festgenommen – damals eine Bastion der separatistischen Militanten.

Irma Krat, Mitglied in der Organisation Frauenhundertschaft, die das pro-europäische Protestzeltlager auf dem Maidan bewacht hat, wurde von den Rebellen erkannt und unverzüglich in deren regionale Zentrale des “Sicherheitsdienstes” gebracht.

Sie sollte die nächsten zweieinhalb Monate in Gefangenschaft verbringen, meist von anderen Gefangenen isoliert.

“Sie wickelten mir ein Tuch um den Kopf und befestigten das Tuch mit einem Klebeband. Dann schleppten sie mich die Treppe hinunter in einen Keller,” sagte Krat gegenüber dem russischsprachigen Dienst von RFE/RL in ihrem ersten Interview nach ihrer Freilassung Anfang Juli.

In ihrer Beschreibung des ersten Tags in Haft beschuldigten ihre Entführer sie laut Krat damit, sie hätte Angehörige der Berkut, der jetzt aufgelösten ukrainischen Sonderpolizeieinheit, die mit brutalen Taktiken gegen die Teilnehmer an den Maidan-Protesten in Kyiw vorgegangen war, getötet und gefoltert.

“Sie sagten zu einem der Männer: ‘Bring mal ein Messer her.’ Ich hatte Angst, sie würden mir Schnittwunden zufügen. Meine Hände und Beine zitterten. Ich fiel fast in Ohnmacht. ‘Hände hoch’. Ich hob meine Arme. Dann machten sie den Reißverschluss meiner Hose auf. Ich überlegte, was sie mit mir anstellen würden. Sie zogen meine Bluse heraus, und dann begannen sie, die Knöpfe meiner Hose abzuschneiden.”

“Eine halbe Stunde später sagte einer von ihnen zu mir: “Du wirst beschuldigt, auf dem Maidan die Köpfe von Berkut-Mitgliedern abgeschnitten zu haben,” erinnert sich Irma Krat.

Angeblich hätten ihre Entführer eine Videoaufnahme vorliegen, wie sie die Fingernägel eines Berkut-Polizisten herauszog und ihm Nadeln unter die Fingernägel trieb.

Stunden später hatten ihren Entführer zugegeben, dass sie sich geirrt hatten, und dass die Frau bei der angeblichen Folter auf dem Video nicht Krat war. Sie hat immer alle Vorwürfe bestritten, dass sie an der Vernehmung von Berkut-Angehörigen beteiligt war.

Später wurde Irma Krat in Slowjansk Journalisten vorgeführt – mit verbundenen Augen und geführt von einem Mann mit einer Balaklava (Sturmhaube), der behauptete, sie sei nicht festgenommen worden sondern sei ein “geladener Gast”, der zu den Separatisten kam, um zu sehen, wie es sich anfühlt, ein Häftling zu sein. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde sie von den russischen Medien NTV und Lifenews befragt, Nachrichten-Websites mit angeblich engen Verbindungen zu den russischen Sicherheitsdiensten.

Während sie jetzt beschreibt, dass sie total verängstigt war und aus Protest gegen ihre Inhaftierung in einen Hungerstreik getreten war, sagte Krat zum damaligen Zeitpunkt vor der Kamera, dass sie gut von ihren Entführern behandelt werde.

“Was hätte ich sonst noch sagen können? Ich konnte doch unmöglich sagen, ich werde ständig beleidigt und gequält,” sagte Krat gegenüber RFE/ RL russischsprachig.

“Es ist wahr, sie haben mich nicht verprügelt. Sie haben meine Rippen nicht gebrochen, haben mir nicht ins Gesicht geschlagen,” sagt Krat. “Aber ich hätte es vorgezogen, wenn sie mich verprügelt und dann gehen gelassen hätten anstatt mich zu beleidigen. Für mich ist psychische Gewalt zu erleiden viel schlimmer als jeder körperliche Schmerz. Sie haben mich auf diese Weise praktisch getötet.”

“Es wäre besser gewesen, zu sterben,” sagte Krat, die Anfang Juli befreit wurde, nachdem die ukrainischen Streitkräfte die Kontrolle über Slowjansk wiedererlangt hatten.

Irma Krat sagt, man habe sie vor ihrem Interview mit Lifenews mit einem “Wahrheitsserum” – so nennt sie das – unter Drogen gesetzt.

“Nicht jeder verträgt diese Injektion. Wenn das Herz ist nicht stark genug ist, kann man daran sterben,” sagt Krat.

Sie beschreibt ihr Interview mit Lifenews als ein inszeniertes Verhör.

“Es fand in den frühen Morgenstunden, um 2 Uhr oder 3 Uhr statt. Sie warteten, bis das ‘Wahrheitsserum’ zu wirken begann, und dann begannen die Abfragen. In diesem Video spreche ich nicht, wie ich es normalerweise tue. Natürlich, meine Freunde bemerkten anhand der Sprechweise, dass es nicht die Irma war, die sie kannten, dass daran etwas falsch war. Ich sah verwirrt aus … Irgendwann wurde ich kurz ohnmächtig.”

Irma Krat wirft dem russischen NTV Manipulation und Bearbeitung von Filmmaterial vor.

“Das Interview wurde geschnitten und die Bruchstücke falsch montiert, so dass es mich fast aussehen ließ wie ein Mörder, ein Sadist, und als ob ich dem Maidan abgeschworen hätte,” sagte sie zu RFE/RL. “Ich werde dem Maidan nie abschwören – wir haben ihn begonnen, und wir werden ihn bis zum Ende verfolgen.”

Krat sagt, sie werde die Journalisten von Lifenews und NTV verklagen, wenn der “Krieg vorbei ist.”

Trotz ihrer Tortur hat die Journalistin dennoch keine Hassgefühle gegenüber ihren ehemaligen Entführern im Osten der Ukraine.

“Sie tun mir leid,” sagte Krat. “Sie werden getäuscht …. Sie glauben an die Lügen, die man ihnen erzählt. Das Traurigste daran ist, dass sie nicht verstehen, dass niemand diesen Krieg braucht.”

Geschrieben von Farangis Najibullah, basierend auf einem Interview des Korrespondenten Dmitry Volchek von RFE/RL (russischsprachig).

Quelle: http://www.rferl.org/content/ukraine-krat-journalist-captivity-interview-separatists-russia/26519181.html

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1 Response to “Es wäre besser, zu sterben” – eine ukrainische Journalistin spricht über die Qualen in der Gefangenschaft

  1. justice says:

    Warum die Journalisten von Lifenews und NTV erst verklagen, wenn der “Krieg vorbei ist”?

    Hoffentlich kümmern sich Fachleute um die Wiederherstellung der Gesundheit von Irma Krat und sie erhält rechtlichen Beistand, um gegen diese Medien und die Beteiligten juristisch vorzugehen, die ihre Zwangslage für Propagandazwecke missbraucht haben. Ebenso wünschenswert ist, dass die ukrainische Justiz der Verbrecher habhaft wird, die die Verschleppung, seelische Folter und Nötigung zu verantworten haben. Die Berufsethik und Empathie bei Lifenews und NTV ist für mich nicht verständlich.

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