Auch Europa ist mitschuldig: Antwort einer Kiewerin auf den Brief des holländischen Vaters eines MH17-Opfers

Alexandra Kowaljowa

Alexandra Kowaljowa

Ich bin einfach nur ein ukrainisches Mädchen, das manchmal nachts bei Gewitter aufwacht, weil es Angst hat, dass man jetzt auch seine Stadt bombardiert. A. Kowaljowa

Eine Reaktion der Ukrainerin Alexandra Kowaljowa auf den nachstehend noch einmal aufgeführten Brief, den Hans de Borst, Vater der in dem abgeschossenen Flug MH17 ums Leben gekommenen 17-jährigen Elsemiek de Borst, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin geschrieben hatte:

Vielen Dank an Herrn Putin, an die Separatistenführer oder an die ukrainische Regierung! Für den Mord an meinem geliebten und einzigen Kind, Elsemiek de Borst! Sie war 17 Jahre alt […] und wollte an der Technischen Hochschule Delft studieren, sie freute sich schon darauf! […] Obenstehende Herren, ich hoffe, Sie sind stolz darauf, sie getötet und ein junges Leben und eine Zukunft ausgelöscht zu haben. Und ich hoffe, Sie können sich selbst in die Augen sehen. Ich hoffe, mein Brief erreicht Sie, vielleicht auf Englisch übersetzt (was Sie als intelligente Herren sicher gut verstehen). Nochmals vielen Dank! Grüße, Elsemieks Vater Hans de Borst aus Monster, Niederlande, dessen Leben ruiniert ist.

Quelle: Facebook, deutsche Übersetzung: watson.ch

Lieber Hans de Borst,

vielleicht erreicht Sie dieser Brief nicht. Vielleicht wäre das sogar gut.

Ich bedauere zutiefst den Tod Ihrer Tochter in der Boeing 777, die von russischen Terroristen über meinem Land abgeschossen wurde. Im Unterschied zu Russland hat mein Land bisher nie Kriege geführt und war nie Ziel von Terroranschlägen. Deswegen ist ein jeder Tod ein unglaublicher Schock für uns. Deswegen sammeln sich derzeit Ukrainer vor der Botschaft der Niederlande und bringen Berge von Blumen, Kerzen und Kuscheltieren für die verstorbenen Kinder. Und auch für Ihre Tochter. Ich weiß, dass Sie denken, dass wir uns nicht vorstellen können, was Sie jetzt fühlen. Da haben Sie wohl recht. Aber unser Mitgefühl ist aufrichtig.

Mein Name ist Alexandra. Ich lebe in der Ukraine, und wenn es in der Nacht gewittert, wache ich schweißgebadet auf, weil ich glaube, dass man jetzt auch meine Stadt bombardiert.

Sie schrieben, dass Ihre Tochter 17 Jahre alt war und ein Ingenieursstudium aufnehmen wollte.

Darf ich Ihnen Sergei Nigojan vorstellen? Er war 21 und der einzige Sohn seiner Eltern. Er starb am 22. Januar 2014 in Kiew. Er war das erste Opfer der Polizei unseres Ex-Diktators Viktor Janukowitsch. Ihm folgten weitere 100 Menschen, die erschossen oder in die Luft gesprengt wurden oder bei lebendigem Leibe verbrannten. Viele von ihnen waren die einzigen Söhne und Töchter, die einzigen Mütter oder Väter. Die Leichen dieser Menschen waren in der Kirche aufgebahrt, die gegenüber meinem Haus steht. Und als wir Gerechtigkeit forderten, setzen sich die europäischen Politiker an den Verhandlungstisch mit dem Mörder Janukowitsch. Und just während wir die Trauerzeremonie für die Verstorbenen abhielten, forderten europäische Politiker von der ukrainischen Opposition (der jetzigen ukrainischen Regierung, an die Sie sich ebenfalls in Ihrem Brief wenden), mit diesem Janukowitsch einen Friedensvertrag zu unterzeichnen und den Mörder noch ein ganzes Jahr lang im Präsidentenamt zu belassen. Wohl, weil die Leben unserer Menschen für die europäischen Regierungen nichts wert waren.

Wissen Sie eigentlich, wie das ist, ein Nachbarland zu haben, das Ihr eigenes Land als seinen Vasallen betrachtet? Vermutlich wissen Sie das nicht. Vermutlich glauben Sie selbst, dass die Ukraine ein Vasall Russlands sei. Aber Ihre Vorfahren wussten noch, was das ist. Das war im Mittelalter, als Ihr Land um Unabhängigkeit von der Hegemonie des Spanischen Kolonialreiches kämpfte. Das ist zu lange her, als dass Sie sich vorstellen könnten, was derzeit zwischen der Ukraine und Russland abläuft. Natürlich müssen Sie das auch gar nicht. Das ist nicht Ihre Angelegenheit. Das ist die Aufgabe der Politiker auf der Bühne der Weltpolitik, die solche Probleme klären müssen. Genauso dachten wir früher auch.

Als Putin einen Teil des ukrainischen Staatsgebiets annektierte, die Halbinsel Krim, da dachten wir, dass die westlichen Regierungen schon tun würden, was sie versprochen haben. Großbritannien, die USA und insbesondere auch Frankreich haben im Jahr 1994 mit der Ukraine das sogenannte Budapester Memorandum geschrieben, in dem sie sich zur territorialen Integrität meines Landes bekannten. Mit der Unterzeichnung gab die Ukraine ihre Kernwaffen ab, schließlich garantierten die Sicherheit des Landes forthin, so dachten wir, die Regierungen des Westens. Hätte der Westen nicht auf die Unterzeichnung dieses Vertrags gedrängt, hätte die Ukraine jetzt vielleicht immer noch Kernwaffen, und Russland hätte sich vielleicht nicht zu dem entschieden, wozu es sich entschieden hat, und niemand hätte das Flugzeug mit Ihrer Tochter an Bord abgeschossen. Doch leider hat die Ukraine hat ihren Teil des Vertrags erfüllt. Anders als die europäischen Länder und die USA, die ihn leichten Herzens übergangen haben. Die USA und Großbritannien haben außer leeren Worten nichts unternommen. Und Frankreich mit seinem Präsident Hollande an der Spitze hat nicht nur das Memorandum ignoriert, sondern kann es nicht einmal bleiben lassen, dem Aggressor Russland seine neusten Kriegsschiffe zu verkaufen. Warum? Weil sich das lohnt. Genauso, wie es sich in den 1930erern für Europa lohnte, mit Hitler zusammenzuarbeiten, ihm Polen und die Tschechei zu verfüttern, ihm Österreich zu verzeihen. Das war einfach. Da musste man sein Gewissen nicht bemühen. Ich hoffe, dass Sie nicht versuchen, von solchen Menschen die Wiederherstellung der Gerechtigkeit zu erwarten.

Als Putin begann, seine Terroristen in den Osten meines Landes einzuschleusen und sie mit schweren Waffen auszurüsten, taten die EU-Politiker nichts, um ihn davon abzuhalten. Sie riefen unsere Regierung zu friedlichen Gesprächen mit den russischen Terroristen auf, mit Terroristen, die derweil der friedlichen Bevölkerung die Bäuche aufschlitzten. Sie führten Pseudosanktionen ein, die nichts verändern. Alibi-Sanktionen, einfach um so zu tun, als habe Europa wenigstens etwas unternommen.

Inzwischen beschießt Russland die Ukraine schon ganz offen von russischem Staatsgebiet aus. Währenddessen sitzt Frau Merkel neben Putin auf der Tribüne bei der Fußball-WM und drückt ihm die Hand. Man hat Ihnen nicht erzählt, dass Russland ganz offen die Ukraine zerbombt? Natürlich. Ihre Medien machen darum kein Aufheben. Warum auch sollten Sie erfahren, dass nur wenige hundert Kilometer von der EU-Grenze entfernt sich gerade ein vollmaßstäblicher Krieg entfaltet, in dem die einzigen Töchter und Söhne ukrainischer Eltern bereits zu Tausenden sterben. Allein gestern, am 20. Juli, zerriss eine von russischen Terroristen gelegte Mine zwei ukrainische Schüler. Sie waren 16 und 15 Jahre alt. Man sagt Ihnen davon nichts, denn wozu sollten Sie wissen, dass das Land, das Ihnen Öl und Gas liefert, ukrainische Kinder in die Luft sprengt. Ukrainische Kinder sind nicht lohnend. Öl und Gas dagegen sehr.

Jedes Mal, wenn Sie Ihr Auto auftanken, denken Sie daran, dass Sie vielleicht gerade Benzin aus russischen Erdölquellen tanken.

Jedes Mal, wenn Sie auf Ihrem Gasherd Essen kochen, denken Sie daran, dass Sie vielleicht gerade russisches Gas verbrauchen. Die Sorge um den Nutzen dieses russischen Öls und Gases ist es, die Ihre europäischen Politiker gezwungen hat, sich von der unnützen Ukraine abzuwenden, internationale Verträge zu ignorieren, und monatelang so zu tun, als passiere nichts Besonderes.

Ich sage nicht, dass die ukrainische Regierung nicht auch am Tod Ihrer Tochter schuld wäre. Schließlich ist das dieselbe Regierung, die im Februar, damals noch als Opposition, unter dem Druck europäischer Politiker einverstanden war, den schändlichen Vertrag mit Janukowitsch zu unterzeichnen. Und dass dieser Vertrag nicht in Kraft trat, ist unter anderem auch das Ergebnis dessen, dass das ukrainische Volk dies schlicht und ergreifend nicht zuließ.

Was ich sagen will, ist einfach, dass, wenn Sie schon die ukrainische Regierung beschuldigen, Sie vielleicht Ihre Liste der Schuldigen am Tod Ihrer Tochter ein wenig erweitern und dorthin auch die europäischen Regierungen aufnehmen sollten. Schließlich waren sie es, die die ganzen Monate über geheime Gespräche mit Putin führten, sie waren es, die die Hilferufe der ukrainischen Regierung, dass Russland einen Krieg beginnt, nicht hören wollten. Sie waren es, Ihre Politiker, die unsere Regierung gezwungen haben, sich mit prorussischen Terroristen an den Verhandlungstisch zu setzen, mit denselben Terroristen, die russische Waffen tragen und die die Boeing 777 mit Ihrer Tochter an Bord abgeschossen haben. Mit Ihrer schönen, talentierten und glücklichen Elsemiek. Sie verlangen Gerechtigkeit? Sie glauben, dass Ihre Regierungen für Gerechtigkeit sorgen können? Dieselben Politiker, die Putin die Hand drücken? Wissen Sie, ich bezweifle das stark.

Ich habe keinerlei Beziehung zur ukrainischen Regierung, zu Politikern oder zur Geschäftswelt. Ich kann mir Ihren Verlust nicht vorstellen. Und vermutlich interessiert es Sie nicht, was ich sage. Ich bin einfach nur ein ukrainisches Mädchen, das manchmal nachts bei Gewitter aufwacht, weil es Angst hat, dass man jetzt auch seine Stadt bombardiert.

Aber nochmals: Mein tiefstes Beileid.

Quelle: Alexandra Kowaljowa auf Facebook
Englische Quelle: Alexandra Kowaljowa auf Facebook
Aus dem Russischen von: Tobias Ernst – Fachtexte vom Profi

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3 Responses to Auch Europa ist mitschuldig: Antwort einer Kiewerin auf den Brief des holländischen Vaters eines MH17-Opfers

  1. justice says:

    Jeder Moment des Zögerns westlicher Politiker gegenüber dem Expansions- und Machtwahn des Kremls vergrößert das Leid nicht nur der ukrainischen Bevölkerung um ein Vielfaches. Eine Tatsache bleibt für alle Zeit unumstößlich: Hätte die Führung der RF die staatlichen Grenzen bzw. die Integrität der Ukraine akzeptiert, wäre es nie zum Abschuss von Flug MH 17 gekommen. Der unermessliche Schmerz berührt nicht nur Niederländer und Ukrainer, sondern alle Menschen, die mit offenem Bewusstsein und klarem Verstand die von Moskaus Bestien angerichteten Zerstörungen wahrnehmen.

  2. Gerd Trambor says:

    Leider sind hier im Westen viele sogenannte “Putinversteher” zugange, die jede Eskalation im Ausland “richtig” interpretieren und wissen, wo es “lang” geht. Es tut mir leid, für jedes einzelne Menschenleben, das für die Ukraine sein Leben gelassen hat. Es wäre gut, wenn der Westen mehr darüber informiert werder würde.
    irgendwo aus dem Westen grüsse einer Stimme

    • justice says:

      Die unschuldigen FlugteilnehmerInnen von MH 17 wurden ermordet.
      … und die Führung der RF treibt den Krieg voran.

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