Kiew am 08. – 11. Februar 2014 – Augenzeugenbericht einer deutschen Studentin

1899976_10203015092366584_505405786_n Im Jahr 2012 hatte ich einige schöne Monate in Kiew verbracht. Ich habe die Maidan-Bewegung mit besonders viel Aufmerksamkeit verfolgt – trotz bevorstehender Prüfungen an der Hochschule – und beschloss, nach der letzten Prüfung nach Kiew zu fliegen. Ich bin Studentin an einer Hochschule in der Nähe von München. Ich fragte einen Freund, ebenfalls Student, ob er mich begleitet, er hatte auch großes Interesse an dem Geschehen und willigte ein. Man wusste nicht, was man den Medien glauben konnte – handelt es sich wirklich um rechte Extremisten auf dem Maidan, die nur auf Gewalt aus sind? Die Flüge waren zu der Zeit ziemlich günstig. Wir könnten nur einige Tage bleiben, aber es waren sehr ereignisreiche Tage, ich möchte eigentlich sagen, die ereignisreichsten Tage, die ich jemals bis jetzt in einem anderen Land erlebte.

Wir landeten gegen Mittag, am 08. Februar, am Flughafen Zhulyany. Die Gesichter der Passkontrolleure wirkten ein wenig angespannt. Eine nette, junge Ukrainerin bestellte uns ein Taxi, das uns zum Hotel bringen sollte. Wir konnten uns die Fahrt über mit dem Taxifahrer unterhalten. Er fragte, weshalb wir nach Kiew kamen, doch er konnte sich die Frage fast schon selbst beantworten. Die Straße Richtung Stadtkern war von der Polizei gesperrt. Der Taxifahrer sprach kurz mit einem Polizisten und wir konnten passieren.

Barrikade by A. Kraidl

In dem Hostel erholten wir uns ein wenig, später dann fragte ein junger Mann nach meinem Namen und woher wir kommen. Er selbst war aus Russland und sagte, er unterstütze die Maidan-Bewegung. Im Tarnanzug machte er sich dann auf den Weg. Zudem trafen wir noch auf eine französische Studentin und einen französischen Journalisten. Unser Hostel lag eine Seitenstraße von der Khreshchatyk-Straße entfernt.

Wir gingen auf den Maidan und es begrüßten uns bereits sehr hohe Barrikaden, aus Schneesäcken, davor standen „Wächter“ mit Sturmmasken, kugelsicheren Westen und Baseballschlägern, die sich an einem Feuer wärmten. Dahinter waren wir sprachlos. Ich glaube, wir waren eine halbe Stunde sprachlos. Das Bild und die Stimmung, was sich uns bot, waren für uns völlig unbekannt. Ein ganz anderes Kiew, als die Stadt, die ich im Jahr 2012 kennenlernte. Überall standen Zelte, die Menschen saßen davor in Sesseln und ruhten sich aus. Vermummte Männer spielten auch nebenan Tischtennis. Es lag starker Rauch in der Luft, weshalb viele von ihnen einen Mundschutz trugen. Trotz vermummter Gestalten fühlte man sich auf Anhieb sehr sicher und irgendwie, ich weiß nicht wie ich es anders ausdrücken soll, war die Stimmung sehr friedlich und herzlich. Wir bemerkten einige Klaviere, die in den Farben der ukrainischen Flagge gestrichen waren und zur freien Verfügung standen. Ein älterer Mann sprach uns an, er deutete auf ein sehr großes Plakat, doch wir verstanden ihn nicht so ganz. Wir fotografierten das Plakat, auf dem Janukowitsch mit einem Hitler-Bart und hinter Gittern abgebildet war. Danach verabschiedeten wir uns, als wir dem Mann jedoch den Rücken zukehrten, riss er das Plakat von einem Zelt und wollte es uns mitgeben. An den Zelten hingen viele Plakate verschiedener Parteien und Städtenamen. Von „wilden Extremisten“ jedoch keine Spur. Junge Ukrainer verteilten Flaggen und Bändchen an uns, damit waren wir dann sehr gut eingedeckt. Alle Ukrainer, die erfuhren, dass wir aus Deutschland waren, waren sehr erfreut über unsere Anwesenheit, wodurch wir uns sehr willkommen fühlten.

Piano by A. Kraidl

Am zweiten Tag sahen wir uns eine Kundgebung auf der Bühne des Maidans an. Viele Menschen hatten sich dort versammelt, stimmten dem Redner zu, hoben die Hände und brüllten „Slava Ukraini“ (= Ruhm der Ukraine). Es fiel uns auf, dass viele Franzosen vor Ort waren, demnach wurden manche Reden ins Französische übersetzt. Es gab eigentlich so gut wie keine Deutschen hier, das bemerkten wir und die Ukrainer bestätigten uns dies später auch. Ich würde sagen, generell sind Franzosen für solche Situationen offener. Sie sind Freunde von Demonstrationen, Bewegungen und Revolutionen, das kann man auch dementsprechend der Geschichte entnehmen. Man konnte während der Kundgebung viele Flaggen der Partei „Svoboda“ (= Freiheit) sehen. Die Menschenmasse bildete sich zu einem Zug, der in Richtung Grushevski Straße aufbrach. Wir folgten dem Strom, da wir an diesem Tag sowieso vorhatten dorthin zu gehen. Dort stiegen die Menschen auf die Barrikaden und hörten aufmerksam zu. Auf der Grushevski Straße, am Tor des Stadions von Dynamo, fanden die ersten heftigen Ausschreitungen statt, welche auch schließlich die ersten Toten forderten. Der Boden war pechschwarz, die Pflastersteine waren entfernt, schwarze Pfützen. Es roch extrem stark nach Ruß, diesen Geruch bekam ich auch einige Tage nicht mehr aus der Nase. Das Tor, welches einst blau-weiß erstrahlte, war zum Teil schwarz, ein Geschäft – ich glaube, es war ein Geschäft für Kindermode – war völlig ausgebrannt. Wir waren etwas geschockt, dieses Bild ähnelte einem Kriegsgebiet. Die Menschenmassen lösten sich langsam auf und wir gingen in ein Café um uns aufzuwärmen, da es zu regnen begann.

Stadioneingang by A. Kraidl

Später gingen wir die Khreshchatyk-Straße entlang und sahen uns noch ein wenig um. Ukrainer, die vor einem Zelt standen, baten uns um ein Feuerzeug und so kam man ins Gespräch. Sie waren sehr, sehr freundlich und wir konnten noch einige Fotos mit ihnen schießen, ich hatte auch gerade eine ukrainische Flagge dabei. Sie fragten, ob wir denn eine deutsche Flagge dabei hätten, hatten wir doch leider nicht. Sie luden uns noch in ihr Zelt ein. Wir waren sehr erstaunt darüber, wie sehr sie improvisieren konnten. In dem Zelt war es warm, sie konnten kochen, hatten sich innen eingerichtet. Wir erlebten Gastfreundschaft und Freundlichkeit, ja sogar Fröhlichkeit, obwohl man in den Augen jedes Einzelnen auch die Furcht vor der Zukunft und der Ungewissheit, was der nächste Tag mit sich bringt, sehen konnte. Die netten Männer waren aus Busk, ein Ort in der Nähe von L’viv (Lemberg) in der West-Ukraine. Einige von ihnen waren schon seit Beginn der Proteste in Kiew. Man fragte uns natürlich auch, was unser Volk über diese kritische Situation in der Ukraine denn dachte und vor allem, ob Frau Merkel etwas unternehmen möchte. Wir konnten spüren, dass diese Menschen die Hoffnung hatten, vom Westen unterstützt zu werden, bzw. sie waren davon überzeugt, nicht alleine dazustehen. Ein kleines Mädchen, das im Zelt saß, sprach bereits gut die englische Sprache, zu unserer Verwunderung. Ich hatte in Deutschland oft in den Medien gelesen, dass es sich bei den Aktivisten um Rechtsextreme handle, die pöbeln und die einen Bürgerkrieg wollen. Waren diese Menschen also, kleine Kinder, ältere Herren, Studenten und ganze Familien, die Rechtsextremen? Kaum zu glauben. Es waren zwar Gruppierungen der Parteien „Svoboda“ (= Freiheit) und des „pravij Sectors“ (= rechter Sektor) unter den Aktivisten, doch alle, egal ob politisch oder nun unpolitisch, verfolgten das gleiche Ziel: Janukowitsch muss gehen. Ich kann auf keinen Fall sagen, die Maidanbewegung ist rein durch rechte Extremisten, Arbeitslose, Faschisten oder Anhängern des „pravij Sectors“ und „Svoboda“ gestartet und gesteuert worden. Ich fand es auch traurig, zu hören, dass sich nur wenige Deutsche nach Kiew wagten – im Gegensatz zu den Franzosen. Ich meine, Kiew ist von München schließlich nur ca. 1500km entfernt. Deshalb wurde man möglicherweise auch von den Medien teilweise nicht richtig informiert, weil man dieses Thema zu wenig behandelte.

Ich kann mich gut erinnern, dass ein Ukrainer sagte: „Man wird schon sehen, einige Tage nach der Olympiade in Sotschi wird sich der russische Präsident zu Wort melden und eingreifen, vielleicht sogar die Revolution verhindern. Er wird irgendetwas machen.“

Am dritten Tag besuchten wir noch einmal die Grushevski-Straße, an diesem Tag durften wir hinter die Barrikaden in den „Zwischenbereich“ und an das Tor heran. Dort sahen wir, wie auf den bekannten Fotoaufnahmen, die ausgebrannten Busse der ukrainischen Spezialeinheit „Berkut“, die im Januar äußerst gewaltvoll gegen die Aktivisten vorgingen. Hinter dem Tor waren nochmals Barrikaden errichtet. Unweit davon standen die Polizisten mit ihren Schildern. Sie bewegten sich kaum, wurden von sämtlichen Journalisten und Fotografen abgelichtet und standen den ganzen Tag dort. Den restlichen Tag über gingen wir auf dem Maidan spazieren und verbrachten den Abend noch mit einer französischen Studentin in einer Bar. Wir mussten um vier Uhr morgens schon los zum Flughafen. Ich wollte gerne noch länger bleiben, aber es wäre mit dem Rückflug zu kompliziert gewesen.

Vogelscheuche by A. Kraidl

Abschließend kann ich sagen, die kleine aber abenteuerliche Reise hat mich sehr beeindruckt und mich sogar motiviert, mein eigenes Leben nochmal zu überdenken. Irgendwie, alles nochmal zu überdenken. Man stellt viele Dinge des täglichen Lebens plötzlich in Frage. Eine Woche nach unserer Abreise passierte dann das Grauen. Wo man eben noch spazieren ging, wo der Maidan in gewisser Weise einem Festivalgelände glich, herrschte Chaos, Verzweiflung und Leid. Als ich die unfassbaren Ereignisse verfolgte, kamen mir die Tränen und an manchen Tagen wollte ich es gar nicht mehr ansehen, dennoch hatte ich es nie geschafft, die Liveticker abzuschalten. Plötzlich fühlte man sich zugehörig, man ist in Sorge um die Menschen, wie es ihnen wohl erginge und ob sie noch am Leben waren … Doch Dank sozialer Netzwerke konnte man den Kontakt halten und man konnte hin und wieder auch aufatmen.

Der Kreml prangert die Maidanbewegung und die Übergangsregierung als Faschisten an. Dabei waren es nur Menschen wie du und ich, die für ihre Freiheit und Rechte kämpften. Diese mutigen, motivierten Ukrainer die monatelang im Stadtkern zelteten, bei eisigen Temperaturen ausharrten und sich von ihren Zielen nicht abbringen ließen, haben meinen vollsten Respekt. Ich hoffe sehr, dass sie bald ein friedliches und sicheres Leben führen können und dass sich die Lage so schnell wie möglich entspannt!

Alexandra Kraidl

Bildmaterial aus diesem Artikel (C) Alexandra Kraidl, 2014.

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1 Response to Kiew am 08. – 11. Februar 2014 – Augenzeugenbericht einer deutschen Studentin

  1. justice says:

    Am СТАДІОН “ДИНАМО” ім. ВАЛЕРІЯ ЛОБАНОВСЬКОГО stand zwar kein Geschäft für Kindermoden sondern das МАГАЗИН ФК ДИНАМО КИЇВ, aber das dürfte als Randbemerkung freundlicherweise gestattet sein. Von Berlin bis Kyjiv sind es runde 1.200 km Luftlinie oder ca. 20 Stunden mit dem Bus, aber hätte die Beteiligung von deutschen Aktivisten beim Euromajdan die Ermordungen durch das Janukowitsch-Regime verhindern können? Es waren keine einfachen Menschen, die für ihre Freiheiten und Rechte kämpften, es waren Helden! Героям слава!

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