Charis Haska: Ausländer

Charis Haska: Ausländer

Original: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/658260940907267?fref=nf

Heute hab ich lauter Sympathiebezeigungen bekommen. Meine Geigenlehrerin hat mir wieder mal außerplanmäßig Unterricht erteilt. Die Musikschule hat ja schon geschlossen, aber wenn sie mich für eine Stunde vor dem „PädSowjet“, also vor der Lehrerbesprechung, dorthin bestellt, kann sie mit mir noch in Ruhe am Programm für das nächste Unterrichtsjahr feilen. „Dies Jahr ist zu schnell vergangen.“ sagte sie traurig, als ich dann die Geige einpackte. „Wir hatten Revolution und dann noch Krieg.“ Ich wusste nichts darauf zu sagen. Ich weiß, wie wichtig es ihr ist, das vorgeschriebene Pflichtprogramm mit ihren Schülern möglichst exzellent aufzubereiten und zu absolvieren. Jede ausfallende Unterrichtsstunde erschwert das.

Da kam die Cellolehrerin herein. „Ach, wie schade!“ rief sie aus. „Nun habe ich Sie wieder nicht spielen gehört! Ich hatte mich neulich so auf das Prüfungskonzert gefreut, und dann haben Sie und Ihr Sohn die Prüfung schon eher abgelegt.“ Meine Geigenlehrerin erklärte: „Das ging nicht anders. Die Beiden sind doch ins Ausland gefahren.“ – „Ich wollte Sie doch so gern hören und mich an Ihren Fortschritten freuen.“ sagte die Cellolehrerin. (Was haben wir uns oft schon über sie lustig gemacht, weil wir bei den Prüfungskonzerten jeglichen Fortschritt ihrer Schüler vermissen.) Ich selbst weiß nur zu gut, wie mittelmäßig ich spiele. Aber ich spüre: Sie meint es aufrichtig. Und als mein Geigenlehrerin ankündigt, dass ich zum Herbstkonzert Bachs a- Mollkonzert spielen soll, leuchten ihre Augen.

Die Augenärztin hat sich nicht beschwert, dass ich den letzten Termin nicht eingehalten hab. Mit dem Sitz meiner Kontaktlinsen ist sie zufrieden und rät mir, im Herbst wieder zu kommen. Besorgt fragt sie: „Sind Sie denn dann noch hier?“ Ganz herzliche Worte gibt sie mir mit für die Sommerzeit.

Auf dem Rückweg erkenne ich einen meiner Nachbarn schon von ferne. Es ist der alte Herr, der in unserem ersten Winter darauf gedrungen hatte, dass wir eine Vorrichtung anbringen, die das Herabfallen von Eiszapfen auf das Glasdach seiner Terrasse verhindern sollte. Eiszapfen werden hier ja bedeutend größer, als wir das aus Deutschland kennen. Und ihr knallender Aufprall erschreckte ihn jedes Mal fast zu Tode, weil er ihn an die Bomben des Zweiten Weltkriegs erinnerte. Ich sehe, dass es ihn viel Kraft kostet, die steile Luteranska hochzusteigen und sage: “Sie sind aber gut in Form, dass Sie die Luteranska hochklettern…“. Er ist, glaube ich, ganz froh, einen Moment innehalten zu können und wendet sich mir zu: „Wissen Sie, diese Straße klettere ich seit 78 Jahren hoch. Irgendwann haben sie uns sogar versprochen, hier eine Rolltreppe anzulegen, die Hunde. Das haben sie versprochen, wie vieles andere, was sie nicht gehalten haben. Deshalb werde ich die Luteranska wohl auch weiterhin hochklettern.“ Er holt tief Luft. Er ist immer noch sehr groß, nicht fett, aber kompakt. Sein Sohn ist bereits so weißhaarig wie er, im Winter hab ich ihn am Stock gehen sehen. Aber der alte Herr geht wacker, Jahr und Tag, ohne Gehhilfe. Freundlich sieht er mich mit seinem großen Gesicht an. Dann fragt er plötzlich: „Wie lange können Sie eigentlich noch bei uns bleiben?“ Ich überlege kurz und sage dann: „Mindestens ein Jahr.“ – „Und was wird dann, wenn Sie gehen? Kommt dann ein anderer?“ Ich zögere: „Wahrscheinlich doch…“ – „Das wollen wir nicht!“ sagt er plötzlich ganz entschieden. „Wir wollen, dass Ihr bleibt! Wir nehmen Euch im christlichen Glauben auf und schenken Euch auch die ukrainische Staatsbürgerschaft!“ Ich erzähle, dass wir darüber schon manchmal nachgedacht haben. „Recht so!“ freut er sich und erkundigt sich dann neugierig, ob wir unser Gehalt eigentlich in Griwna, Dollar oder Euro bekommen. Und ob wir die Euro gut in Griwna tauschen können. Und ob ich denn selber auch Geld verdiene. Er staunt darüber, dass Ralfs Gehalt für uns alle fünf reicht. Zum Schluss sagt er: „Danke für dieses Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben.“

Im Heimgehen überlege ich: Was hat er davon, dass wir in seinem Haus wohnen? Doch sicher nicht meinen fast allabendlichen musikalischen Wettstreit mit dem Nachbarsmädchen spät bei offenen Fenstern? Unterschiedliche Kompositionen gleichzeitig geübt sind nicht unbedingt ein gesteigerter Kunstgenuss. Unser Türenknallen, wenn wir morgens vor acht Uhr das Haus verlassen, wo man Ukrainer besser nicht vor neun Uhr stört? Er lebt mit seiner großen Familie im Erdgeschoss, fußkalt und beengt. Dass wir für normale ukrainische Verhältnisse viel Wohnfläche haben, neidet er uns nicht.

Hab ich in Deutschland jemals einer ausländischen Familie signalisiert, dass ich es schätze, dass sie da sind? Gerade jetzt, in diesen schwierigen Zeiten, spüre ich, wie gut es tut, dass die Ukrainer um uns herum uns wissen lassen, dass sie froh sind, uns hier zu haben.

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