Charis Haska: Medien

Charis Haska: Medien

Original: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/648889401844421

„Ihre Einladung zur Wahl ist bei Ihnen angekommen?“ fragte ich meine Nachbarin, die gerade zum Abendspaziergang startete. „Ich hab sie Ihnen in den Briefkasten gesteckt. Versehentlich wohl war sie bei uns gelandet. Aber auf die Art und Weise hab ich endlich Ihren Nachnamen erfahren.“ – „Ach, stand der drauf?“ fragte sie erstaunt. „Das hab ich gar nicht gemerkt.“ Das wunderte mich überhaupt nicht: Der Zettel war sehr klein und eng bedruckt und etwa 10 mal 7 cm groß. Ich sagte ihr, dass mir ihr Nachname gefällt, Molodzowa – da steckt von der Bedeutung etwas wie „Prachtkerl“ oder „Prima“ drin. Ja, es sei der Name ihrer Mutter, er komme aus dem Ural. Den ukrainischen Namen des Vaters wollte die Mutter damals nicht annehmen, denn trotz der ukrainischen Endung hatte er einen leichten jüdischen Anklang, auch wenn der Vater nicht aus einer jüdischen Familie stammte. Sicher ist sicher. „Und Ihr Mann, hat er den gleichen Namen wie Sie?“ fragte ich. „Nein,“ lächelte sie. „Er hat auch einen ukrainischen Namen. Er heißt Kulisch.“- „Hat der auch eine so schöne Bedeutung?“ wollte ich wissen. Jetzt lachte sie los. „Das bedeutet Suppe. Sie werden sicher verstehen, dass ich <Prima> nicht gegen <Borschtsch> eintauschen wollte.“ Während ich noch überlegte, ob ich zum Beispiel „Hühnersuppe“ (eine andere deutsche Suppe fiel mir gerade nicht ein) heißen möchte, wurde sie wieder ernst. „Nach der Orangenen Revolution lebte meine Mutter ja noch. Aber sie war schon gehbehindert. Damals ist die Wahlkommission sogar zu uns nach Hause gekommen. Keine Stimme wollten sie verschenken. Ich bin ja mal gespannt, wie das diesmal wird.“ sagte sie. Ich fragte sie, wie sie die letzten beiden Aprilwochen überstanden hat. Ich weiß doch, dass sie immer gern die Zeit vor der Saison genutzt haben, um auf die Krim zu fahren. „Ach, wir sind hiergeblieben.“ Ihre Stimme klang zutiefst deprimiert. „Mit dem Zug wollten wir nicht fahren. Wir wollten doch nicht riskieren, dass sie uns irgendwo raus setzen. Und stellen Sie sich vor, wenn man fliegen will, dann muss man jetzt zuerst nach Moskau. Dann umsteigen nach Rostow am Don. Und erst von dort kann man dann auf die Krim kommen. Und teuer ist das. Das konnten wir uns nicht leisten. Wir müssen mal sehen, ob Georgien nicht eine Alternative wäre. Da ist es ja auch wunderschön und dazu subtropisch.“ Dann merkte sie plötzlich an: „Ach, vom Internet kann man sich echt nur ganz schwer losreißen. Da gibt’s ja so viel Interessantes zu finden.“ – „Geht mir ganz genauso. Besonders in diesen aufregenden Zeiten…“ sagte ich tröstend und stellte im Stillen fest, dass ich von ihr nicht gedacht hatte, dass sie im Internet surft. Sie erzählte: „Ja, ich schaue ins Internet, weil ich die ganzen Nachrichtensendungen nicht mehr aushalte. Zum Beispiel habe ich entdeckt, wie interessant es ist, sich mit Münzen zu beschäftigen. Numismatik ist ja sooo interessant. Ich hab zum Beispiel entdeckt, dass es ganz seltene Kopeken aus den Jahren 1992 und 1993 gibt, die total wertvoll sind. Oder Abzeichen… Ich hab die Bedeutung der ganzen Abzeichen nachgesehen, die ich in der Kindheit gesammelt habe. So lenke ich mich ein bisschen ab. Ach, wenn die bloß nicht mit ihrem Maidan angefangen hätten. Das ganze Gruselkabinett, das da zu Tage getreten ist… Und eine Scheußlichkeit nach der Anderen kommt nach und nach zum Vorschein. Und der Krieg… Muss man da nicht Angst bekommen?“ Besorgt fragte sie, ob wir vorhaben auszureisen. Sie schien erleichtert, als ich das verneinte.

Das Regenwetter hat meinen Plan durchkreuzt, heute mit dem russischsprachigen Frauenkreis im Botanischen Garten zu sein. Tanja, die den Ausflug organisiert hatte, hat jede einzelne Teilnehmerin angerufen und stattdessen zum Frauenkreis in die Kirche eingeladen. Vorsichtshalber bereite ich ein paar Standartspiele vor, vielleicht wollen die Frauen sich ja gerne mit etwas Spaßigem auf andere Gedanken bringen lassen. So schlucke ich erst einmal, als es heißt, dass diejenige, die immer Vorträge über ihre Reisen hält, das Programm spontan bestreiten wird. Aber: Heute hat sie ein anderes Thema vorbereitet und wir alle lauschen gebannt. Ein Freund aus Deutschland hatte sie um ihre persönliche Einschätzung der Ereignisse gebeten und ihr zum Dank eine Sammlung von Zeitausschnitten aus der Wochenzeitung „Die Zeit“ geschickt. „… und wenn es Ihnen interessant erscheint, übersetze ich den einen oder anderen Artikel für Sie. Ich selber bin völlig begeistert von der guten Berichterstattung. Da werden verschiedene Meinungen dargestellt und fair ausgewertet. Und geschichtliche Analysen fließen ein. So sollte Journalistik sein! Nicht so, wie die russische Propaganda. Ja, auch in unseren Medien schwingt eine Menge Propaganda mit. Leider!“ sagt sie. Einen Artikel übersetzt sie ganz ins Russische, von mehreren anderen bringt sie längere Auszüge zu Gehör. Die Frauen hören andächtig zu und nicken dann: “Ja, genauso ist es.“

Erhitzt wird über den Rechten Sektor und über das zum Glück nicht in Kraft getretene Sprachengesetz diskutiert. „Man kann sagen, was man will, aber dank dem Rechten Sektor sind wir jetzt wenigstens Janukowitsch los. Der säße sonst noch bis heute hier. Dank sei dem Rechten Sektor!“ sagt eine.

Am Abend gehe ich mit Friedrich zum Zahnarzt. In eine teure Zahnarztpraxis. Der junge Arzt wirkt sehr kompetent. Trotz Röntgen können er und Friedrich nicht vollständig lokalisieren, welcher Zahn auf Süßes schmerzhaft reagiert. Das sollen wir also erst mal beobachten. Aber die Löcher, die Friedrich selbst mit dem Mobiltelefon fotografiert hat, um mir zu beweisen, dass er zum Zahnarzt muss, können natürlich schon behandelt werden. Über dem modernen Behandlungsstuhl hängt ein Fernseher, damit der Patient sich nicht so auf seinen Schmerz oder die Angst konzentriert. Während der Arzt bohrt, beginnen die ausführlichen Nachrichten. Bilder vom Krieg werden eingespielt, Reporter vor Ort werden per Telefon interviewt. Immer wieder wandern die Blicke des Arztes und der Sprechstundenhilfe zum Bildschirm hoch. Sehr beruhigend. Friedrich wird zwischendurch mehrmals gefragt, ob es weh tut. Keine Schmerzen. Er ist tapfer und schaut sich den Krieg an. Ich verstehe nicht mehr als 20 Prozent, das Gerät ist leise eingestellt und Ukrainisch müsste ich langsamer hören. Am Ende der Behandlung frage ich: „Ich sehe sehr selten die Nachrichten im Fernsehen. Ich habe beobachtet, dass Sie die Sendung aufmerksam verfolgt haben. Hat sich denn heute etwas Wesentliches ergeben?“ – „Nein.“ sagt der Arzt. „Immer die selben Spielchen. Das ist schon so eine Art ukrainische Tradition.“ Ich habe ihn nicht verstanden. Er erläutert: „Auch wenn sich nichts geändert hat, werden doch immer neue und umfangreiche Erklärungen abgegeben…“

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