Umland zu Demo in Berlin: Freizügiger Gebrauch des Nazismusbegriffs gedächtnispolitisches Problem

Am Samstag, dem 10. Mai, fand in Berlin unter dem Namen „Marsch der Demokratie“ eine proukrainische Demonstration statt. Wir hatten auf Bitten der Organisatoren auf diesem Blog auf diese Demo hingewiesen.

Die Initiative „Bürgerinnen und Bürger gegen extreme Rechte“ beschuldigte uns daraufhin, für eine Nenoazi-Demo zu werben. Wir nahmen dazu Stellung und luden die Initiative dazu ein, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen. Ob dies geschehen ist, wissen wir nicht, aber wir möchten an dieser Stelle selbst Augenzeugenberichte der Demo zur Sprache kommen lassen.

Den Anfang bildet der folgende Beitrag des deutschen Ukrainexperten, Dozenten für Politikwissenschaft an der Kiew-Mohyla-Akadamie, Andreas Umland auf Facebook. Andreas Umland schreibt:

Andreas Umland

Andreas Umland

„Ich war auf der unten beschriebenen Demo und konnte keine Neonazis entdecken, schließe jedoch nicht die Anwesenheit von Sympathisanten und Mitgliedern der Freiheitspartei und Rechten Sektors aus. Es gab mehrere Russen, die diese ukrainische Demo unterstützten und sich auf Plakaten für ihre Regierung schämten. Der liberale Gebrauch des Nazismusbegriffs im Zusammenhang mit Nebenerscheinungen des ukrainischen Unabhängigkeitsstrebens und antiimperialer Demos wie diese durch deutsche Medien und Politiker, wird immer mehr zu einem geschichts- und gedächtnispolitischen Problem. Der Nazismus war für den Tod, die Verstümmelung, Vertreibung, Deportation, Verarmung, Traumatisierung usw. von Millionen Ukrainern verantwortlich. Es gibt freilich auch in der Ukraine, wie in anderen Ländern, Rechtsradikalismus und selektives Geschichtsbewusstsein. Der Nazismusbegriff sollte jedoch diesbezüglich vorsichtig verwendet werden. Viele, auch junge Ukrainer haben durch ihre Grosseltern eine lebendige Erinnerung an den Nazismus. Sie sind durch den freizügigen deutschen Gebrauch des Nazismusbegriffs im Zusammenhang mit diesem oder jenem Auswuchs ihrer antiimperialistischen Emanzipationsbewegung konsterniert.“

Quelle: Facebook-Stream von Andreas Umland

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1 Response to Umland zu Demo in Berlin: Freizügiger Gebrauch des Nazismusbegriffs gedächtnispolitisches Problem

  1. justice says:

    Meine Wenigkeit war Teilnehmer der pro-ukrainischen Demonstration am 10. Mai 2014 in Berlin auf dem Potsdamer Platz, von Anbeginn bis zum Ende der polizeilich begleiteten Veranstaltung.

    Bei wechselnden Standorten während der Kundgebung, musste ich einmal feststellen, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, nämlich als ein groß gewachsener Mann mit schickem Ukraine-Hemd den rechten Arm Richtung Himmel streckte und dabei “Herojam Slava” rief. Ansonsten gab es für mich persönlich nichts festzustellen, was Bedenken in Richtung Extremismus hätte auslösen könnte. Außerdem beobachtete das Polizeiaufgebot die ganze Zeit sehr aufmerksam das friedliche Geschehen.

    Die Stimmung war freundlich und in keinem Fall aggressiv. Es fielen keine beleidigenden Worte und Waffen bzw. waffenähnliche Gegenstände gab es auch nirgends zu erblicken. Es wurde mehrmals die ukrainische Nationalhymne und Volksmusik gesungen. Die Menschen sprachen in Ukrainisch, Russisch und Deutsch. Neben ukrainischen Fahnen, wurden auch welche aus Georgien, Russland und Israel geschwenkt.

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