Charis Haska: Lugansk

Charis Haska: Lugansk

Original: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/644133898986638?stream_ref=10

Schon gestern rief Tanja (Name geändert) mich an, um die Modalitäten unserer nächsten Begegnung abzuklären. Wie es uns ginge? Ich erzählte ein bisschen und fragte auch nach ihrem Ergehen. Aus ihrer Stimme wich alle Heiterkeit. „Ich habe meine Mutter nicht von ihrem Plan abbringen können, heute Nacht nach Lugansk zurückzufahren.“ sagte sie. „Ich stelle mir vor, dass Sie beunruhigt sind!“ sagte ich. „Ich bin total beunruhigt.“ sagte sie. „Dort geschehen Kriegshandlungen.“ Ich wusste nicht, was ich entgegnen sollte. Es ist eigentlich ungewöhnlich hierzulande, dass man seinen Freunden so klar von seinen Sorgen erzählt. Man möchte seine Lieben doch nicht beunruhigen. Wenn es doch geschieht, so ist der Leidensdruck schon sehr groß. „Könnte sie nicht einfach noch für eine Zeit in Kiew bleiben?“ fragte ich. Tanja lebt mit ihrem Mann und ihrem etwa zwanzigjährigen Sohn in einer Einzimmerwohnung in Kiew. Ich weiß, dass das schon ein schwieriger Faktor ist. Aber trotzdem beherbergen sie öfters mal Gäste. Die Menschen sind es gewohnt, auch auf engstem Raum zusammenzurücken und zu teilen. „Ich habe so auf sie eingeredet. Aber sie hat darauf bestanden. Sie kann doch die Kinder und Kollegen nicht einfach im Stich lassen.“ Tanjas Mutter ist Kindergärtnerin in einer kleinen Stadt, unweit der russischen Grenze.

Heute ruft Tanja mich an. Sie bedankt sich erst aufs Eingehendste für ein Geschenk, das ich ihr habe zukommen lassen. Sie ist überglücklich, weil sie es gut brauchen kann. Sie erkundigt sich in allen Einzelheiten nach unserer angegriffenen Gesundheit. Ich habe gestern noch ihre neuen Fotos auf FB angesehen. Wie wohl fast alle Kiewer war sie in den ersten Tagen des Wonnemonats im Botanischen Garten spazieren. Er ist jetzt besonders schön!!! Der Flieder steht in voller Blüte, 121 Sorten Flieder, ich denke, ein Hauch von seinem süßen Duft sollte beim Lesen zu Euch bis nach Deutschland wehen, vielleicht sogar bis nach Namibia. Hinreißend! Die Menschen hier lieben es, Erinnerungsfotos von solchen Spaziergängen zu machen. Sie nennen es „Sich Fotografieren“ und posieren dazu in allen erdenklichen Personenkombinationen. Tanja hat sich dort mit ihrer Mutter fotografieren lassen. Beide tragen Schwarz, beide lächeln nur angedeutet, ihr Blick ist wehmütig. Sehr ausdrucksvolle Bilder. Würde die Zeit nicht drängen, so müsste man sie genau so von einem Künstler malen lassen. Nicht der Schönheit wegen, sondern weil es historische Aufnahmen sind. Unter welchen Umständen dürfen Mutter und Tochter den nächsten gemeinsamen Spaziergang unternehmen? Wird das wieder ungezwungen möglich sein?

Sie erzählt, dass ihre Mutter im Bezirk Lugansk angekommen ist. „Ich wollte gerade fragen, ob Ihre Mutter gut angekommen ist.“ sage ich. „Sie ist angekommen, aber nicht gut angekommen.“ Sie bemüht sich, mit ruhiger Stimme weiter zu sprechen. „Mit sieben Stunden Verspätung hat der Zug schließlich Lugansk erreicht. Ich habe sie gestern Abend noch zum Bahnhof gebracht. Sie können es sich nicht vorstellen: Diese traurigen, bedrückten und beunruhigten Gesichter der Menschen, die da ihre Verwandten verabschiedeten oder selber fuhren! Und dann entwickelte es sich zu einer wahren Irrfahrt. Sie mussten über Dnjepropetrowsk reisen. Dann sollte der Zug doch über Slawjansk fahren.“ Sie spricht das erste „a“ im Ortsnamen sehr gedehnt und betont aus und ich verstehe plötzlich: Das ist kein russischer Ortsname, und wenn die Endung „nsk“ noch so russisch anmutet. „Aber da dauerte doch der Kampf an. Also wurde der Zug dann über eine andere Strecke umgeleitet. Dann kamen sie nach Horliwka. Dort hielt der Zug zwar an, aber die Türen durften nicht geöffnet werden.“ Horliwka ist ja seit kurzem auch in der Gewalt von Separatisten. „Es klingt, wie der Transport in ein Konzentrationslager…“ sage ich traurig. Ein einfaches „Ja.“ ist die Antwort. „Und als sie endlich in Lugansk ankamen, wehte dort schon die russische Flagge. In der Stadt jede Menge Bewaffnete mit Maschinengewehren. Frauen in der Umgebung der Privat Bank. Die Privat Bank arbeitet nicht mehr. Mutter stieg um in den Bus zu unserer kleinen Stadt. Im Bus wurden ihnen Zettel ausgeteilt mit Anweisungen, wie sie sich im Kriegsfall zu verhalten haben. Aus denen ging hervor, dass sie praktisch ohne jegliche Rechte bleiben, währennd den Separatisten quasi alles erlaubt ist. Die können einfach in Geschäfte gehen und sich nach Herzenslust bedienen. Und Bankkonten leerräumen. Und Zivilisten die Autos wegnehmen. Im Bus war die Stimmung sehr erregt. Die Leute haben heftig diskutiert. Mindestens die Hälfte der Passagiere waren Ukrainer, die sich deutlich dafür aussprachen, dass sie um keinen Preis zu Russland gehören wollten. Etliche waren sich noch nicht im Klaren, was sie wollen. Und einige schrieen für Russland.“ Dann fährt sie ganz bekümmert fort: „Und diese Separatisten! Es sind zum großen Teil Obdachlose, Alkoholiker, sozial ungefestigte, nicht adäquate Leute. Eher so eine Art Bandenmitglieder. Sie scheinen immer noch an Janukowitsch zu glauben.“ Ich erzähle ihr unsere Eindrücke von den Fotos vor ein paar Wochen vom neuen Donetzker „Parlament“ („Schau Dir mal die Fratzen an, alles Alkoholiker und zerrüttete, gewaltbereite Typen!“ hatten wir zuhause zueinander gesagt). „Wenn Sie das so sagen, dann hole ich noch ein bisschen weiter aus.“ sagt Tanja. „Meine Mutter hat dort im Kindergarten eine Mitarbeiterin, deren Mann ist, sagen wir mal, asozial. Trinkt zu viel, hat schon zwei Ehen hinter sich, schlägt Frau und Kinder. Und jetzt werden solche Leute mit Waffen ausgerüstet. Der hat eine kugelsichere Weste und ein Maschinengewehr bekommen! Dabei muss man sowieso schon zu Hause vor ihm Angst haben….“ –„Das ist ja schrecklich! Richtig apokalyptische Zustände! Die Herrschaft des Bösen…“ sage ich. „Ja!“ sagt sie. „Und die Grenze von Russland her ist jetzt offen. Ich hab im Internet gelesen, dass heute Abend um 19.00 Uhr der Einmarsch geplant sei. Ach, wenn man bloß wüsste, was von den Informationen noch wahr ist! Fakt ist jedenfalls, dass man dort ukrainische Medienkanäle nur noch stundenweise bekommt. INTER zum Beispiel funktioniert wenigstens tagsüber. Der fünfte Kanal dagegen kommt überhaupt nicht mehr. Und wer nicht so findig ist, sich Informationen aus dem Internet zusammen zu suchen, wird zum Zombie…“. Ich möchte ihr so gerne irgendetwas Tröstliches sagen, aber was bloß? „Tanja, sehen Sie irgendeinen Ausweg aus der Tragödie?“ frage ich. Schweigen in der Leitung . „Wofür sollen wir beten?“ hake ich nach. „Das Wichtigste ist, glaube ich, zu beten, dass kein Bürgerkrieg entfacht werden kann. Dass es nicht gelingt, die Leute gegeneinander aufzuhetzen. Ich bin noch in Kiew mit Mutter in der orthodoxen Kirche gewesen, habe mit ihr gebeten und Kerzen angezündet. Und, soweit wir es mitbekommen, wird in allen Kirchen um den Frieden und die Einheit gebetet.“

Ich habe mir während des Gesprächs nach Kräften Notizen gemacht. Was Tanja erzählte, bestätigt vieles, was wir so ähnlich schon gehört haben. Bis jetzt ging es da um Fremde, jetzt aber wissen wir Tanjas liebe Mutter dort mitten drin. Was hat unsere Annegret doch schon für schöne Stunden mit Tanja und ihrer Mutter verbracht. Ich selber durfte mal mit den Beiden einer Theateraufführung von Studenten beiwohnen. Die Mutter hat uns in den letzten Jahren ab und zu köstlichen Räucherschinken aus Lugansk mitgeschickt. Sie ist uns so nah und sollte uns jetzt so fern sein? Bis zum 19.Mai seien alle Züge nach Lugansk abgesagt. Und danach?

Das Gespräch lässt mich nicht los. Als ich mit dem Hund unseren Hof gerade verlasse, kommen mir zwei Gäste von der Kirche her entgegen. Ich erzähle den beiden Frauen die Eindrücke von Tanjas Mutter. Habe ich es jemals erlebt, dass mir jemand mit so ausdrücklichem Interesse zugehört hat, mir, die ich doch stets stotternd nach Worten suche, den Faden verliere und auch ab und zu das Wichtigste vergesse? Es geht ein eisiger Wind. Die Eine von Beiden ist aus einer westukrainischen Gemeinde der DELKU gekommen, um in Kiew etwas zu erledigen. Sie ist mit einer dünnen Jacke bekleidet und hustet besorgniserregend. Die Andere, eine junge Ärztin unseres Lazaretts, hat ihr eine Führung über den Maidan und zu den Orten der Geschehnisse versprochen. Sie können sich von meiner Erzählung nicht losreißen, obwohl mir selbst schon kalt wird. Als ich zu der Diskussion im Bus von Lugansk in die Kleinstadt zu sprechen komme und erwähne, dass die Hälfte der Passagiere sich zur Ukraine gehörig fühlt, erhebt die Ärztin ihre gefalteten Hände zum Himmel. “Dank Dir, Herr, dass doch so viele sich noch zu uns gehörig fühlen. Danke, Gott!“

„Ja, für die Einheit der Ukraine müssen wir unausgesetzt beten!“ sagt die Andere. „Von einem befreundeten Gemeindeglied im Donbass lese ich im Internet leider furchtbare Hasstiraden. Ich schreibe ihn an:<Gena, wie kannst Du nur als Christ so furchtbare Sachen schreiben, zum Beispiel, dass die Banderowzi alle gehenkt werden sollen?> Und er schreibt mir noch längere Hasstiraden zurück. Wie können wir die Menschen dort davon bloß davon überzeugen, dass wir nur Friedliches im Sinn haben?“ Beide tragen mir liebe und sehr dankbare Grüße an Tanja auf, die sie selbst nicht persönlich kennen.

Ich denke daran, wie Gott im Alten Testament für Israel gekämpft hat. Wie er die Feinde durch Nebel verwirrt hat. Ich möchte Ihn von Neuem bitten, dass Er Seine starken Hände zum Schutz der Geplagten erhebt und dass Er die Irregeleiteten ihre Irrtümer einsehen und beheben lässt.

Ich bete darum, dass Er die Macht des Unrechts wie Staub zerfallen lässt.

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1 Response to Charis Haska: Lugansk

  1. justice says:

    Das Gewaltverhalten der pro-russischen Terroristen weist deutliche Merkmale von Anomie auf, die letztendlich das Errichten von staats- bzw. ukrainefeindlichen Herrschaftsstrukturen zum Ziel hat. Wer bei diesen, für jeden klar erkennbaren Asozialitäten, die beteiligten subversiven Elemente unterstützt und nach Russland ruft, kann nicht alle Tassen im Schrank haben!

    Wie beispielsweise der Holodomor 1932/ 33 und die völkerrechtswidrige Annektierung der Krim zeigen, ist von der russischen Staatsführung keine Gnade und Vernunft zu erwarten, was das strikte Vorgehen nach westlichen Maßstäben zur Sicherung der Ordnung innerhalb der Ukraine und Europas unabdingbar macht. In der Ostukraine werden in großem Umfang schwerstkriminelle und verfassungsfeindliche Straftaten begangen, die die Lebensqualität der dort lebenden Menschen sowie ihrer Angehörigen und Freunde enorm negativ beeinträchtigt. Hat je ein russischer Unterstützer des Janukowitsch-Regimes nach den Folgen der Korruption innerhalb der Ukraine gefragt und wem in der Kreml-Führung interessiert das Leid der Bevölkerung, dass durch die Gewalttaten der selbstherrlichen Russland-Fanatiker verursacht wird?

    Die derzeitige Übergangsregierung der Ukraine hat die schwierige und äußerst anspruchsvolle Aufgabe übernommen, in Jahrzehnten angehäufte Altlasten des Unrechts abzubauen und innere wie äußere Feinde der Ukraine in ihre Schranken zu verweisen. Man sollte auch für diese mutigen Menschen beten.

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