Charis Haska: Spannung und Erschöpfung

Charis Haska: Spannung und Erschöpfung

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/635249543208407?stream_ref=10

Gestern und heute hatte ich das Gefühl, nichts Erzählenswertes erlebt zu haben. Das stimmt aber so nicht. Da sind zum Beispiel die vielen ganz kurzen Begegnungen auf der Straße. In letzter Zeit grüßen mich sehr viele Leute sehr freundlich, die ich gar nicht zuordnen kann. Nicht nur Leute mit Hunden. Auch Leute mit Schulkindern. Und Leute ohne Begleitung. Eine Hundebesitzerin rief mir heute statt des üblichen „Junge oder Mädchen“ (damit ist natürlich das Geschlecht des Vierbeiners gemeint) schon von weitem ganz fröhlich zu: „Wir haben ein wohlwollendes Mädchen.“. Eine weitere Hundebesitzerin ließ ihren Hund sich hinlegen (bei uns wäre es das Kommando „Platz!“) als sie mich auf zwanzig Meter Entfernung mit Nellie herankommen sah, und abwarten, bis wir vorbei waren. So viele freundliche Worte unterwegs in einer Millionenstadt. Die Ukrainer verstehen es wirklich, sich deeskalierend zu verhalten.

Gestern hab ich die Amateuraufnahme zurückerhalten, die ich am Palmsonntag vom Konzert in unserer Kirche gemacht hab. Vika hatte sie mit Freuden gleich nach dem Konzert entgegengenommen und so oft gehört, bis mein kleiner MP- 4 Player entladen war. Ich hatte mir währenddessen meine Konzertkritik zurechtgelegt, die ich dann heute bestätigt fand, als ich es mir zweimal in Folge anhörte. Mit der Markuspassion für Orgel und Chor hat Bogdan Demianenko der ukrainischen lutherischen Kirchenmusik ein eigenständiges Gesicht gegeben. Er greift die Tradition des fünften Evangelisten (Bach) auf und verbindet auf reife Weise in der Verarbeitung der Leidensgeschichte zeitgenössische und klassische Elemente. Großartig, diese strahlenden Chorsätze, die immer wieder den Himmel hindurch leuchten lassen, während die Gesamtkomposition die Spannung und die Schmerzen der Passionsgeschichte mit abwartenden und sich reibenden Klängen wiedergibt. Es ist eine Geschichte von Grenzüberschreitungen, von Ausgeliefertsein und Verrat, vom scheinbaren Sieg des Unrechts, die da zum Klingen kommt. Und gerade in unserer angstvollen und nahezu hoffnungslosen Zeit war sie bei der Uraufführung am Sonntag sehr tröstlich zu hören. Welch unglaubliche Momente wir doch in St. Katharina erleben dürfen! Berührend auch, mit welcher Bescheidenheit das junge Talent – Bogdan ist Student am Tschaikowski- Konservatorium – den donnernden Applaus und Glückwünsche entgegennahm. Trotz der kalten Kirche hatten sich viele Zuhörer einladen lassen und haben es gewiss nicht bereut, gekommen zu sein. Übrigens hat Bogdan bei der Verleugnung des Petrus doch tatsächlich den Hahn auf der Orgel in hohen Tönen elektronisch krähen lassen, so ähnlich wie das Klingelzeichen eines Mobiltelefons. Begeisternd war auch, zu beobachten, mit welcher Ernsthaftigkeit die vielen mitwirkenden jungen Leute bei der Sache waren. Sie hatte Bogdan zum Teil aus der Gruppe von Igors Jungen Erwachsenen rekrutiert, aber auch eine beachtliche Anzahl seiner Kommilitonen in den Chor integriert.

Wunderbare, hochbegabte, engagierte, junge Leute. Mehrmals während der Aufführung musste ich denken: „Gebe Gott, dass sie niemals Kanonenfutter werden!“

Auch wenn die Aufnahme keine besondere Klangqualität hat, ich werde sie garantiert noch oft hören und dabei viel entdecken.

Und heute Abend saß ich im Gründonnerstagsgottesdienst und fühlte mich innerlich hohl und sehr müde. Ich stellte mir vor, dass meine Familie und ich bald für ein paar Tage nach Deutschland reisen und etwas Abstand zu den Ereignissen gewinnen dürfen. Dann musste ich wieder daran denken, dass so viele Leute hier das noch viel dringender nötig hätten als wir, die wir doch in allem weich gepolstert gewesen sind. Igor hat uns in seiner Predigt warm davon erzählt, dass Jesus uns verstehen kann, weil er selbst Leid, Schmerz, Versuchung und Erfolglosigkeit am eigenen Leibe durchgestanden hat.

Nach dem Gottesdienst kam Ludmila auf mich zu und fragte mich eingehend nach unserem Gesundheitszustand. Meine Güte, sie hatte sich alle Wehwehchen gemerkt, über die wir uns in den letzten Monaten unterhalten hatten, mit dem Höhepunkt von Bernhards Blinddarmverdacht. Der habe sich doch hoffentlich nicht bewahrheitet? „Ich hab mir solche Sorgen um Euch gemacht!“ sagte sie. „Es spielt doch bestimmt auch eine Rolle, dass Ihr in diese unruhigen Zeiten hineingeraten seid. Was haben wir doch noch vor ein paar Jahren hier friedlich gelebt. Ich hätte Euch friedlichere Zeiten gewünscht!“ Ich entgegnete, dass ich das sehr wohl in den vergangenen Jahren wahrgenommen habe. „Wir sind jetzt alle so erschöpft von den Geschehnissen der letzten Monate.“ fuhr sie fort. „Man muss bloß den Fernseher anmachen und sofort ist alles wieder da. Und du kannst gar nicht aufhören, traurig zu sein.“ Ich erzählte, dass ich mich eigentlich erst nach den Ereignissen im Februar auf den Maidan gewagt habe. Und dass mir in den letzten Tagen trotzdem bedrückende Bilder von den Erschießungen hochkommen, die mir keine Ruhe lassen wollen. „Wie mag es da erst den Leuten gehen, die das alles aus nächster Nähe mit erlebt haben oder einen lieben Angehörigen verloren haben?“ fragte ich.

„Ich muss in den letzten Tagen oft an die Verwundeten denken, die wir hier in der Kirche hatten.“ sagt Ludmila. „Schreckliche Verletzungen. Da saß zum Beispiel auf dieser Bank ein Junge, 27 Jahre alt, so ein hübscher Kerl. Dem hatten sie ein Auge zerprügelt. Er sollte zur OP nach Deutschland ausgeflogen werden. Und da saß er und wartete. Und er sagte mehrmals: <Es wäre besser gewesen, wenn sie mir den Arm abgeschlagen hätten und mir das Auge gelassen hätten.>

Nach und nach hat er seine Geschichte erzählt. Er ist im Waisenhaus aufgewachsen, bis er siebzehn war. Ich weiß ja nicht, wie das bei Euch in Europa ist. Aber ihm haben sie bei der Schulabschlussfeier 300 Griwna in die Hand gedrückt und gesagt: <Ab heute versorgst du dich selbst.> Keine Starthilfe, keine Anleitung, wie man eine Arbeit findet und vor allem keine Wohnung, nichts haben sie ihm mitgegeben, außer diesen lächerlichen 300 Griwna. Und so hat er sich zehn Jahre irgendwie durchgeschlagen, hat sie mal in dieser, mal in jener Ecke geborgen. Wissen Sie, solche Verhältnisse in unserem Land haben es nötig gemacht, dass Menschen ihr Leben auf dem Maidan lassen mussten. Ich hab den Jungen nicht wiedergesehen. Ich hoffe bloß, dass er inzwischen erfolgreich operiert wurde.“

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