Charis Haska: Schrecklich zu sagen

Charis Haska: Schrecklich zu sagen

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/629860973747264?stream_ref=10

Wieder sind wir mit dem Taxi unterwegs. Den Fahrer schätze ich mit meinen mitteleuropäischen Augen auf Ende Fünfzig. Wahrscheinlich ist er zehn Jahre jünger. Er rast die Kruglouniversitetska hinunter und schneidet die Kurven, sodass ich um unser Leben fürchte. Ich sage: „Können wir etwas langsamer fahren? Heute brauchen wir keine notärztliche Konsultation, wir sollen uns nur zur Kontrolle noch mal vorstellen.“ Ganz ruhig erklärte er mir: „Wir sind weder zu schnell gefahren, noch haben wir eine Verkehrsregel übertreten.“ (Wie war das noch mal mit dem Überfahren der Mittellinie in unübersichtlichen Kurven?) Ich sage: „Ich habe trotzdem Angst.“

Nach einigen Minuten Fahrt fragt er fürsorglich: „Ist die Geschwindigkeit jetzt OK?“ Gerührt bejahe ich. Dann wage ich eine Frage: „Ihr Auto hat kein Kiewer Nummernschild. woher kommen Sie denn?“ Wie aus der Pistole geschossen kommt die Antwort: „Das ist, ehrlich gesagt, schrecklich zu sagen. Aus Donezk.“ Nanu? „Warum schrecklich?“ hake ich nach. „Weil da die Situation jetzt so schwierig ist?“ – „Nein, weil Janukowitsch von dort stammt, der Mistkerl.“ Ich sage: „Aber er ist doch nicht Ihr Freund.“ – „Ich bin weit davon entfernt, sein Freund zu sein.“ sagt er. In seiner Stimme schwingt etwas wie Scham mit, vielleicht schämt er sich für die mit, die Janukowitsch unterstützt haben?

Nun beginnt er zu erzählen: „Ich hatte dort ein Geschäft. Vierzig Mitarbeiter haben für mich gearbeitet. Dann kam die Wirtschaftskrise. Und dann kam Janukowitsch an die Macht. Vorher wars schon schwierig, aber er hat mir dann alles kaputt gemacht. Nach Kiew bin ich gegangen, um meinen Kindern eine vernünftige Ausbildung finanzieren zu können. Ich habe drei Töchter, zwei studieren am Konservatorium, eine ist Ballerina. An den Wochenenden fahre ich Taxi. Das Auto hab ich mir von meinem Schwager geliehen. Es ist alles nicht so einfach.“ Draußen huschen Kiews elegante Cafés an uns vorbei, das moderne Einkaufszentrum Ukraina und der berühmte Zirkus. Voller Stolz fährt er nun fort: „Ich bin im Begriff, ein Patent anzumelden. Schauen Sie mal!“ Mit dem Ellbogen zeigt er mir kleine Bildschirme, die in den Fensterrahmen der Frontscheine angebracht sind. „Damit sieht man jedes kleine Detail rund um das Fahrzeug. An Wochentagen bin ich unterwegs, um die Formalitäten dafür zu erledigen und die Dokumente dazu fertig zu machen. Das zieht sich unglaublich in die Länge…“ – „Gott gebe, dass die Ukraine sich nun endlich entwickeln und entfalten darf!“ sage ich.

„Ja, schön wärs, wenn es so käme. Aber wirklich, es sieht nicht besonders gut aus. Wir hoffen sehr darauf, dass Deutschland starke Maßnahmen gegen Putin ergreift. –J a, wir hoffen auf Deutschland, denn es ist das stärkste Land Europas. Aber leider scheint die Freundschaft mit Putin der Kanzlerin ja sehr wichtig zu sein. Wozu sammelt er all diese Truppen? Wir können wirklich keinen Krieg brauchen und ganz besonders keinen Bruderkrieg. Leider wiederholt die Geschichte sich zyklisch: Der Anschluss Österreichs, der Anschluss der Krim. All das scheint irgendwann wieder zu kommen, so wie Sie irgendwann ins OchMatDit gefahren sind und heute wieder hinfahren.“

Ein panzerähnliches Fahrzeug überholt uns. Ist das normal? Es ist das erste Mal, dass ich so etwas im Straßenverkehr erlebe. Es läuft mir eiskalt den Rücken hinunter. Der Redestrom des Taxifahrers ist nicht abgerissen, wobei er sich nicht echauffiert. Er klingt überlegt und melancholisch. „Es sieht nicht gut aus für die Ukraine. Das einzig Gute an dieser verfahrenen Situation ist, dass wir Ukrainer jetzt begreifen, dass wir diesen Putin wirklich nicht brauchen. Ehrlich gesagt, im Vergleich zu Putin habe ich sogar vor Hitler mehr Achtung.“ Empört will ich etwas einwenden, das gelingt mir jedoch nicht besonders gut. Er fährt fort: „Das Widerliche an diesem Putin ist, dass er uns all die Jahre seiner Bruderliebe versichert hat. Er hat sie uns immer wieder geschworen. Und nun rammt er uns den Dolch in den Rücken. Hitler hat seine Nachbarn wenigstens nicht so an der Nase herumgeführt.“

Wir sind angekommen. Die Ärzte haben gerade Übergabe. Wir dürfen auf derselben Liege Platz nehmen, wie gestern und haben etwas Wartezeit. Ich nehme meine Bibel heraus, um den Kindergottesdienst weiter zu durchdenken. Ich lese Johannes 11, 46 – 57 und kann mich von folgenden Versen nicht losreißen:

„47. Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen.

48. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute“

Meine geniale Tanja, die mir mit Bastelangeboten und seit neuestem während der Erzählung der biblischen Geschichte sowohl mit der Übersetzung als auch mit den Einwürfen der Handpuppe Michi zur Seite steht, wird sie später mit Michis Worten spontan auf den Punkt bringen: „Ich glaube, das Schlimmste an dem, wie die Hohenpriester reagieren, ist die Angst. Durch diese Angst haben sie den Sohn Gottes nicht erkannt, der doch stärker ist als der Tod!“

Aber wie real sich das plötzlich anhört: Sie nehmen uns Land und Leute…

Ich schrecke auf. Im Raum habe ich jetzt immer wieder ein Wort gehört: „Mamo, Mamo… Mamo…“ Himmel, dieser ukrainische Vokativ gilt ja mir (Mama, Mama!). Die Krankenschwester schickt uns zum Blutabnehmen. Alle Werte sind in Ordnung. Wir dürfen nach Hause.

Bei der kleinen Krankenhausapotheke kann die Apothekerin mir auf 200 UAH kein Wechselgeld herausgeben, als ich Kamillentee kaufe. Das passiert in kleinen Geschäften ziemlich häufig. Während wir auf das Taxi warten, beobachten wir eine Horde halbwüchsiger Mädels, mit nackten Füßen in billigen Plastikbadeschlappen, die sich Trinkwasser aus der Apotheke kaufen und fröhlich miteinander schwatzen. Patientinnen vermutlich.

Ein anderer Taxifahrer holt uns ab. Ich weise Bernhard zurecht, er soll endlich sein Handyspiel ausmachen. Wir fahren durch ein Schlagloch und hopsen vom Rücksitz fast an die Decke des Fahrzeugs. Der Fahrer bittet um Entschuldigung. Ich sage: „Nicht so schlimm. Es ist halt so eine Straße!“ Der Fahrer grinst: „Das Geld für die Reparatur wurde gestohlen.“ Er überlegt kurz, dann sagt er: „Aber wir hoffen, dass das bald besser wird. Wissen Sie, ich verstehe etwas Deutsch. Und ich möchte Ihnen sagen: Wir beobachten Deutschland ganz genau. Und auch mit einer kleinen Portion Neid. Weil bei Euch alles so ordentlich zugeht. Bei euch würde es das nicht gehen, dass ein Beamter nach fünf Jahren auf seinem Sessel Milliardär wird. Meiner Meinung nach ist übrigens das Schlimmste, was Janukowitsch uns angetan hat, dass er das Heimatland verraten hat. Soll er doch mit seinem geklauten Geld glücklich werden. Aber diesen Verrat kann man ihm nicht verzeihen. Wenn bloß Deutschland ordentlich durchgreift! Denn Putin wird so weit gehen, wie man es ihm gewährt. Dagegen helfen keine diplomatischen Verhandlungen.“

An die Außenwand der in den heißen Tagen der zweiten Februarhälfte angeblich wegen Renovierung geschlossenen edlen Bäckerei gegenüber in der Luteranska haben Annegret und ich heute ein kleines Graffiti entdeckt: „Sarg“ hat da jemand in grellen Buchstaben hingeschrieben. Und noch eines: „Stempel“. Eine Drohung gegen den Inhaber dieser teuren Ladenkette, den normale Sterbliche selbstverständlich nicht ausfindig machen können?

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1 Response to Charis Haska: Schrecklich zu sagen

  1. justice says:

    Das wirklich Schreckliche besteht darin, dass es erst einen Volksaufstand mit vielen ermordeten Demonstranten geben musste, um die Machenschaften des Regimes Janukowitsch aufzudecken und die Tyrannei zu beenden. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert und die Zeiten seit dem Holodomor haben sich zugunsten des Ukrainischen Volkes gewandelt: Die Ukraine ist ein souveräner Staat mit dem selbstverständlichen Recht auf Selbstverteidigung! Wer Land und Leute der Ukraine rauben will, setzt sich der Kriegsgefahr aus. Wenn es sein muss, werden alle UkrainerInnen für die Freiheit ihres Landes bis zum Sieg oder Heldentod kämpfen.

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