Charis Haska: “Sie sind so blind, so blind… Zugeschüttet mit Propaganda…”

Charis Haska: “Sie sind so blind, so blind… Zugeschüttet mit Propaganda…”

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/626189907447704?stream_ref=10

Musik

Beim Hundespaziergang bekomme ich unverhofft einen Anruf von unserer Klavierlehrerin. Sie hatte neulich darum gebeten, dass Annegret mit ihrer Geige bei einem kleinen Konzert in dem Kindergarten auftreten möge, wo sie musikalische Früherziehung macht. Als Konzerttermin hatte sie den Karmittwoch angegeben. War mir zwar wegen der Karwoche nicht ganz recht. Ich hatte aber zugestimmt und das auch mit Annegrets Geigenlehrerin so abgesprochen. „Charis, ich muss Ihnen mitteilen, dass das Konzert nun doch schon am Mittwoch stattfindet. Kann ich Annegret mitnehmen?“ Ich reagiere verhalten, erkläre, dass Annegret in letzter Zeit kaum geübt hat, weil sie ja krank war und vorher schon mit dem Geigenspiel geschlampert hatte. Aber sie bittet so inständig: „Wissen Sie, mir ist der Termin auch zu früh. Aber im Zusammenhang mit all den aktuellen Ereignissen will die Direktorin es so schnell wie möglich hinter sich bringen.“ Ich sage: „Ich zweifle daran, das es ein gelungener Auftritt wird. Ich möchte gern, dass Sie sich mit der Geigenlehrerin in Verbindung setzen und ihre Meinung dazu einholen.“ Ich verspreche, ihr sofort per SMS die Telefonnummer der Geigenlehrerin zukommen zu lassen. Ich bin noch nicht wieder zu Hause, da klingelt mein Mobiltelefon ein weiteres Mal. Die Geigenlehrerin hat sofort zugestimmt und ihr die Stücke benannt, mit denen Annegret ohne Probleme auftreten kann. Nun sagt die Klavierlehrerin zu, dass sie, wenn wir Zeit haben, am Sonntag, Montag und Dienstag zu uns kommt, um mit Annegret den Auftritt mit Begleitung vorzubereiten.

Wegen der ukrainischen Frühlingsferien hat auch unsere Musikschule geschlossen. Wer freilich annimmt, Bernhard und ich könnten uns nun eine Woche vom Geigenunterricht erholen, der hat zu deutsch gedacht. Unsere Geigenlehrerin rief am Mitwoch an und fragte: “Morgen tagt der Pädagogenrat der Musikschule. Könntest du nicht eine Stunde vorher kommen, damit ich Dich unterrichten kann?“ Ich zögre etwas. Ich habe einen Termin, der bis in diese Geigenstunde hineinreichen könnte. Sie ist enttäuscht, dass ich dann vielleicht nur eine halbe Stunde spielen kann. Am nächsten Tag ruft sie mich an: „Leider können wir uns doch nicht treffen. Pan Jura ist gestorben. Anlässlich der Beerdigung entfällt die Sitzung und die Musikschule bleibt dann ganz geschlossen.“ Pan Jura ist der Klavierbegleiter, mit dem wir bei den Musikschulkonzerten zusammen gespielt haben. Er ist seiner Herzkrankheit erlegen. „Aber könnten wir uns nicht am Freitag in Eurer Kirche treffen?“ Ich muss das erst abklären, denn durch das Lazarett und den Psychologenkongress ist es nicht einfach, ein freies Zeitintervall zu finden. Ralf bietet mir schließlich Freitag abend zwischen 18.00 und 20.00 Uhr an, mit dem Hinweis darauf, dass es parallel zum Abendgebet und zur Chorprobe ist. Sie findet die Zeit OK.

Ich ringe mich dann kurzfristig doch dazu durch, sie zu uns nach Hause zu bitten, damit wir mit unserem Gekratze weder die Andacht noch den Chor stören. Für diesen Sonderunterricht würde es ihr nie im Leben einfallen, eine Bezahlung zu erwarten. Es ist ihr nahezu ein heiliges Anliegen, uns für das Prüfungskonzert fit zu machen. Eine Doppelstunde lang trietzt sie Bernhard. Dann ruft sie mich: „Wann kommt denn Dein Mann nach Hause?“ – „Heute um neun.“ sage ich. „Gott sei Dank, dann haben wir ja noch 45 Minuten Zeit.“ sagt sie und legt mit mir los. Wir werden unterbrochen. Ungewollt werde ich zur Zeugin eines zur zeit typischen Telefonats aus Russland. Sie ist selbst Russin und ich bin gespannt, wie es verlaufen wird. Normalerweise ist sie bei Telefonaten während des Unterrichts immer ganz kurz angebunden. Aber hier nimmt sie sich richtig Zeit. Geduldig hört die sonst so energische, impulsive Frau sich die Sorgen der Gesprächspartnerin am anderen Ende der Leitung um unser Wohlergehen in der Ukraine an.

Schließlich sagt sie ganz sanft: “Nein. Versteht doch bitte! Man hat Euch völlig verkehrte Informationen gegeben. Seht mal, bei uns funktioniert alles. Ich arbeite ganz normal. Ich bin zum Beispiel gerade bei einer Schülerin zu Hause und unterrichte sie. Wir haben genug Lebensmittel. Aber wir haben jetzt ganz schreckliche andere Sorgen, nämlich dass Russland gegen uns Krieg führen wird.“ Jetzt wird die Stimme am anderen Ende noch aufgeregter. Wieder hört sie geduldig zu. Dann antwortet sie freundlich: „Das stimmt auch nicht. Unsere Soldaten auf der Krim hatten strengsten Befehl, keine Waffen zu gebrauchen. Und das haben unsere jungen Kerle wacker ausgehalten. Achtzehn- bis Zwanzigjährige Jungs. Sie sind wirklich Prachtkerle. Und jetzt rühmt er sich, dass er die Krim ohne einen einzigen Schuss eingenommen hat.“ Wieder ein langer Sermon aus Russland. „Nein, hier gibt keine solchen Faschisten. Nein, ich bin nicht blind. Ich hab mir auf dem Maidan alles angeschaut. Wisst Ihr, die Leute auf dem Maidan wollten einfach nur Janukowitsch absetzen. Und der hat sich am Volk so bereichert, dass er Milliardär geworden ist. Stell dir doch vor, in seinem Haus hat er goldene Toilettenbecken anbringen lassen und goldenen Brote liegen auf dem Tisch. Nein, ich hatte das auch nicht gewusst. Wisst ihr denn nicht, dass er hier eine ganze Hundertschaft von Zivilisten erschießen ließ weil er die Macht nicht abgeben wollte? Ich weine seitdem jeden Tag darüber. Und jetzt hat er die Ukraine einfach im Stich gelassen und behauptet bei euch, er sei der rechtmäßige Präsident. Aber über das alles kann ich euch mehr erzählen, wenn ich euch besuchen komme.“ – „…“ – „ Das kann ich noch nicht genau sagen. Über die Krim kann ich natürlich nicht kommen, da ist jetzt erst mal alles blockiert. Aber vielleicht ist das ja bis Anfang Mai schon wieder anders. Kann auch sein, dass ich jetzt ein Visum brauche, um euch zu besuchen. Hoffentlich werfen sie mich bei euch nicht ins Gefängnis, wenn ich euch noch mehr erzähle, davon, was hier wirklich los ist. Ja, wahrscheinlich werde ich über Charkow kommen müssen, Das bedeutet, eine 24 Stunden längere Zugfahrt. Ich muss auch erst mal sehen, ob ich die bezahlen kann.“ – „…“ – „Nein , wozu brauchen wir einen solchen Krieg? Hier muss niemand gerettet, befreit oder beschützt werden. Und dazu hat mindestens jede zweite, wenn nicht sogar jede Familie hier Verwandte in Russland. Denkt doch nach! Es würde bedeuten dass Brüder und Cousins aufeinander schießen…“ Sie schafft es, sich nach fast zwanzig Minuten aus den Fängen der besorgten Freunde zu reißen, legt das Telefon aus der Hand und wendet sich mir zu, um meine Bogenhaltung zu korrigieren. Ich sehe die Tränen in ihren Augen. „Wozu brauche ich diesen Putin, diesen Verrückten. Uns retten? Sie sind so blind, so blind… Zugeschüttet mit Propaganda.“

Nach dem Unterricht nimmt sie gerne eine Tasse Früchtetee an, lässt sich dafür aber nur knapp zehn Minuten Zeit. Erzählt, dass sie nachts kein Auge zu tun kann. Das erklärt auch die schwarzen Ringe unter ihren Augen. Ich meine: „Vielleicht sollte man zur Zeit einfach den Fernseher auslassen!“ – „Aber wenn er dann über uns herfällt . Was machen wir dann? Hoffentlich, hoffentlich beginnt er keinen Krieg!“ Als sie kurz nach 21 Uhr geht, erzähle ich ihr von dem Vorschlag, den ich neulich gehört hatte: Man solle jetzt bewusst um Putins Gesundheit beten. Und darum, dass er schnell eine andere Arbeit finde. Da strahlt sie, die erklärte Atheistin, mich an: „Ja, das werde ich tun. Mit Freuden!“

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