Skinheads in Kiew, oder wie man ungehindert ein ganzes Volk diffamiert

Dies ist ein Brief, den ich nach der Günther Jauch Show Putin der Große – wie gefährlich ist Russland? an den NDR geschrieben habe. Er spricht für sich.

Ich bin mit einer Ukrainerin verheiratet, spreche fließend ukrainisch und verbringe mit meiner Frau so viel Zeit wie möglich in der Ukraine. Hier in Deutschland sind wir gemeinsam in der ukrainischen Diaspora aktiv.

Immer wieder, wenn ich in den letzten Wochen politische Talkshows zum Thema Ukraine sehe, bin ich einfach erschüttert, wie wenig in diesen Sendungen eigentlich Ukrainer zu Wort kommen – dabei geht es doch um ihr Land! Heute bei Günther #Jauch ging es ja eigentlich um Russland, aber eben auch wieder um die Ukraine. Und dieser Gast von RIA Novosti darf nun gegen Ende der Sendung erzählen, wie in der Ukraine die Städte durch ukrainische Neonazis unsicher gemacht werden, ohne dass die Regierung etwas dagegen tut – und kein Mensch widerspricht ihm. Das ist ja auch verständlich, denn es ist kein Ukraine-Experte vor Ort und ein Ukrainer schon überhaupt nicht! Stellen Sie sich vor, Deutschland wäre Opfer einer Annektion durch eine fremde Macht, und man lässt im amerikanischen Fernsehen Vertreter des Aggressors zu Wort kommen, aber nicht die Opfer – wir wären doch mit Recht empört!

Jedes Mal, wenn solche Sendungen gelaufen sind, geht ein Aufstöhnen durch die Diaspora, eine Mischung aus Wut und Hilflosigkeit, weil es nicht möglich ist, diesen immer wieder vorgetragenen und wiederholten Lügen wenigstens in der gleichen Öffentlichkeit zu widersprechen, der sie vorgelegt wurden (wenn man sie schon nicht verhindern kann). Wir wissen doch alle, dass bei übler Nachrede immer etwas hängen bleibt, und der Vorwurf, ein Nazi zu sein, kommt in Deutschland in vielen Kreisen leider oft schon dem der Vergewaltigung nahe – der Vorwurf allein reicht schon aus, dass Ihnen keiner mehr glaubt.

Die Verleumdungskampagne der russischen Propaganda trifft nicht nur die provisorische Regierung – die ist in zwei Monaten schon weg! Sie trifft ein ganzes Volk! Die Zustände in der Ukraine haben sich nach dem Sturz Janukovytschs dramatisch verbessert, die öffentliche Ordnung ist intakt, es gibt keine gewalttätigen Nazi-Horden, die Russen durch die Städte jagen.

Die Ukrainer sind Autoritarismus gegenüber tief misstrauisch – dies ist auch einer der Gründe, dass Janukovytsch verjagt wurde, die Menschen wollen Demokratie. Das Video von dem Rechtspopulisten, der einen unliebsamen Fernsehchef angreift, ging auch hier durch die Presse und wurde genüsslich ausgeschlachtet. Was fast keiner zeigte, war, dass in der ukrainischen Gesellschaft die Empörung groß war und dass sofort auf diesen Vorfall reagiert wurde – eigentlich ein Beweis für eine gesundende Zivilgesellschaft und einen Staat, der seine Pflicht wahrnimmt, aber der Eindruck, der hier bleibt, ist der genau gegenteilige.

Ich bitte Sie als Privatperson, die nicht einmal einen ukrainischen Pass hat – aber doch auch im Namen aller Ukrainer, mit denen ich hier persönlich oder über soziale Netze bekannt bin – geben Sie den Ukrainern selber eine Stimme! Wenn Sie Diskussionsrunden zur Ukraine allgemein oder zur Krym-Krise machen, tun Sie das doch bitte nicht ohne Menschen, die aus erster Hand berichten können, oder doch zumindest solchen, die ein ausgewiesenes Expertenwissen haben (also nennenswert Zeit in der unabhängigen Ukraine verbracht haben).

Sie als Medien tragen so viel Verantwortung. Die Ukraine hat keine mächtigen Medienorganisationen, mit denen sie das deutsche Publikum erreichen können. Gegen Putin’s Propagandamaschine ist die Ukraine nicht weniger machtlos als gegen sein Militär. Bitte versuchen Sie, wenn Sie dankenswerterweise das Thema Ukraine in Ihre Sendungen aufnehmen, stärker darauf zu achten, dass die Ukraine darin auch eine Stimme hat zwischen all diesen Putin-Verstehern, die es ja (leider) auch geben muss.

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2 Responses to Skinheads in Kiew, oder wie man ungehindert ein ganzes Volk diffamiert

  1. justice says:

    Skinheads in Kiew? Seit wann? Ich war 12 Mal in Kyjiv, 6 Mal in Zaporizhzhja und 1 Mal in L’viv und habe bislang nicht eine Person mit dieser haarlosen Frisur dort gesehen! Geschweige denn, bei Bus- oder Bahnfahrten in der Ukraine. Deutlicher formuliert: Ich mag die Ukraine!

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