Charis Haska: Für immer

Charis Haska: Für immer

Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/623389364394425?stream_ref=10

Strahlendes Frühlingswetter. Die Spatzen tschilpen fröhlich. Die Luteranska ist wegen des Wochenendes und der beginnenden, ukrainischen Frühlingsferien noch still. So kann ich mich beim Hundespaziergang meinen Gedanken und dem Entdecken kleiner Baudetails im ehemals deutschen Viertel widmen. Ob Ihrs glaubt, oder nicht, jetzt nach viereinhalb Jahren, fallen mir immer noch Einzelheiten auf, die ich an den malerischen, historischen Fassaden bisher noch nie wahrgenommen hatte.

Erinnerungen an gestern Nachmittag, als ich mit dem Hund vom Rundgang zurück kehrte. Die jungen Leute vom Office im Erdgeschoss unseres Aufgangs hatten sich zum Rauchen unter unseren Fenstern eingefunden. Eine von ihnen, eine Bildhübsche, kann ich nicht leiden.

Soundso oft hab ich sie schon darauf angesprochen, dass der Zigarettenrauch (das Kraut, das hier geraucht wird, ist um einiges gröber und schärfer, als in Deutschland) sich in unserem Schlafzimmer sammelt. Während andere Leute durchweg höflich und zuvorkommend auf solche Mahnungen reagieren, hat sie stets eine schnippische Antwort parat. Jetzt posierte sie gerade in einem langen, weiten, durchsichtigen, leuchtendrotem Rock, der vom Wind aufgebläht wurde, umgeben von ihren kichernden, schwarzweiß gekleideten Kolleginnen. Ein malerisches Bild. Ein junger Mann fotografierte das Grüppchen.

Da hörte ich von hinten ganz deutlich meinen Namen rufen. Irritiert drehte ich mich um und entdeckte auf dem Fitness- Spielpatz der benachbarten Schule unseren Nachbarn , der gerade fleißig auf einem archaischen, aber effektiven Laufgerät trainierte. „Wir sind jetzt schon in Europa!“ rief er überaus fröhlich. „Sie haben unterschrieben. wenigstens den politischen Teil. Natürlich bleibt noch eine Menge Kampf…“ Er zeigte seinen Bizeps und seine Faust und wechselte mit Elan zum nächsten Fitnessgerät. „Gott sei Dank!“ sagte ich und musste sofort an einen Onlineartikel denken, den eine FB-Freundin vor wenigen Tagen geteilt hatte: Darin war Jazeniuk auf hässlichste Weise angegriffen worden, weil er angeblich ungeachtet der blutigen Entwicklungen im Februar jetzt im Begriff sei, das Assoziierungsabkommen wieder nicht zu unterzeichnen.

Ein wenig Googeln entlarvte den Artikel zwar als bösartige Stimmungsmache, die das gegenwärtige Zögern bezüglich des wirtschaftlichen Teils des Abkommens als generelles Nicht- Unterschreiben darstellte. Doch die Tatsache, dass meine gebildete, erfahrene und wache Freundin diesen Artikel weitergegeben hatte, zeigt auch, wie vorsichtig jegliche Informationen aus dem Netz zu behandeln sind.

Später kam ich zu Anzhela ins Büro in der Kirche, Ralf war gerade dort und ich wollte von ihm Geld für Bernhards Zahnarztbesuch holen. Ich fragte sie: „Na, können wir uns schon wie in Europa fühlen?“ Eigentlich Quatsch – die Ukraine hat doch schon immer zu Europa gehört! Aber aus Anzhelas perlendem Lachen sprach so viel Freude und Erleichterung: „Ja, ganz bestimmt!“ sagte sie. Allerdings hing doch eine Wolke über unserer Begegnung: Ralf hatte gerade eine weitere Meldung angesprochen, die wir bei einem unserer FB- Freunde entdeckt hatten: Russland habe Transnistrien angegriffen. Darüber war sie hochgradig beunruhigt: „Wisst Ihr, meine Eltern wohnen gar nicht weit von Transnistrien. Ich kann bloß hoffen, dass das nicht wahr ist. Was um alles in der Welt wollen die in Transnistrien? Das ist ein total kleiner Landstrich von wenigen Kilometern. Ach könnten sie uns bloß in Ruhe lassen…“

Als ich auf FB die Übersetzung (von Klaus H. Walter) des Kommentars eines ukrainischen Journalisten (Sergey Vysotsky) zur Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens weitergab (der sprach von Erschöpfung und der Unfähigkeit, sich wirklich darüber zu freuen — https://www.facebook.com/charis.haska/posts/623389364394425?stream_ref=10), kam sofort eine Reaktion von Natalia, einer erfahrenen Lehrerin: „Ja, wir sind wirklich erschöpft und unsere Seelen sind schwer verletzt. Und dennoch ist das für mich mit Abstand der glücklichste Tag seit Monaten.“

Heute früh habe ich dann noch meine ältere Freundin getroffen. So heiter sie auch sein kann, so grundlegend betrübt wirkte sie auf mich. Angst vor dem Krieg… „Wissen Sie, es gibt drei Stufen eines Krieges: Zuerst kommt der Informationskrieg. Dann der ökonomische. Und dann der Krieg mit Waffen. Und wenn der Krieg von Russland über uns hereinbricht, dann wird er lange dauern. Eher gesagt, er wird dann für immer sein. Die erste Stufe hat unser sogenannter Garant vier Jahre lang vorbereitet…“ – „Garant?“ frage ich. Sie nennt den Namen nicht: „Ja, der aus dem Donbass, der sich immer gerühmt hat, die Sicherheit des Volkes zu garantieren.“ (Janukowitsch) „Er hat auf der Krim und im Osten Gerüchte verbreiten lassen, dass wir Ukrainer alle Banderowzy und Halsabschneider seien. Sie müssen sich das mal vorstellen! Wir Ukrainer, die sich aus Gutmütigkeit, alles, aber auch alles gefallen lassen haben… Ja sicher, es war für Russland sehr praktisch uns hier mit Alkohol und Drogen zu überschwemmen. Aber so etwas entspricht nicht der ukrainischen Mentalität. Wir Ukrainer sind ein fleißiges und ehrenhaftes Volk. Und wir sind bereit, für unsere Heimat zu sterben. Ich hab eine achtzigjährige Aktivistin getroffen, die mir gesagt hat: Angst entspricht dem Geist von Sklaven. Aber wir sind keine Sklaven.“

Sie fühlt sich innerlich zerrissen. Ihre beiden erwachsenen Kinder sind sogenannte ethnische Russen, weil sie einen russischen Vater haben. Wie wird ihre Zukunft weitergehen? Ihr Sohn hat ihr indessen erzählt von ukrainischen Soldaten, die diese Tage von der Krim zurückkehrten, zutiefst gedemütigt und ausgebrannt.

Und dann das Wissen um nächtliche Bandenkriege, auch auf dem Maidan… „Wissen sie, Revolutionen werden von Romantikern erdacht und durchgeführt. Aber an ihren Früchten tun sich Kriminelle und Taugenichtse gütlich… Wir wussten das vorher und leider ist es jetzt so gekommen.“ sagt sie traurig

Eine andere Freundin hatte die Tage in Tschernigiv zu tun, unweit der Grenze zu Russland. Die Grenze wird von den Russen jetzt mit viel Aufwand scharf bewacht. Auf der ukrainischen Seite ist man dort auch bereit, wenn auch kräftemäßig nicht so gut ausgestattet.

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