Charis Haska: Wir warten

 

Charis Haska: Wir warten

“Wir warten!”, das ist im Russischen eigentlich eine warme Einladung, ähnlich, wie das “Kumm ball widder” (Komm bald wieder!) der Bäckersfrau meiner Kindheit.

Heute hat es für mich eine anders klingende Aktualität:

Als ich gegen 20 Uhr mit dem Hund vom Spaziergang kam, hörte ich durchs gekippte Fenster unser erfrischendes Nachbarsmädchen Klavier spielen. Als wir damal nach Kiew gezogen sind, spielte sie den “Fröhlichen Landmann”, inzwischen hat unsere Musikschule eine begnadete Pianistin aus ihr gemacht. Ich konnte nicht anhalten und schrie ihr ein “Bravo, Anjuta!” hoch. Da kam sie ans Fenster, bedankte sich höflich (ich bin immer so begeistert von den hiesigen Jugendlichen, sie sind oft aufgeschlossen, hilfsbereit, zuvorkommend und strahlen eine angenehme Heiterkeit aus), wollte gern wissen, wie es uns geht. Na, ganz gut eigentlich.

– Und, was sie mich sowieso schon mal fragen wollte (ha, das Selbe wollte ich sie ja auch schon seit langem fragen…) “Wie gefallen Ihnen eigentlich die Ereignisse auf dem Maidan?”. Ich überlege kurz und sage dann von Herzen: “In den ersten Wochen fand ichs richtig gut. Und jetzt beunrihigt mich ziemlich, dass es doch nicht ohne Gewalt abgeht. Und wie gefallen sie Dir?” – “Ich hab es auch in der ersten Zeit richtig toll gefunden. Und jetzt hab ich das Gefühl, als ob gar nichts passiert…”

Das Gefühl, nicht so recht was berichten zu können, hab ich selber allerdings auch in den letzten Wochen gehabt. Ich hab es darauf geschoben, dass ich mich ja selber eigentlich kaum auf dem Maidan bewege, etliches nur am Computer beobachte.

Heute abend sitze ich wieder mit meinem Comp, versuche die Meldungen der verschiedenen Nachrichtenanbieter gegen den Strich zu bürsten, stelle nebenbei fest, dass die Freundschaftsanfrage aus Dagestan, die ich nicht zu beantworten gedenke, inzwischen zu meinen drei Abonnenten gehört, überlege, ob das einer der Spione ist, der meine ach so einschlägigen Informationen, die gar nicht geheim sind, an Organisationen weiterzwitschert, die nicht viel mehr zu tun haben. Frage mich, ob meine Facebookfreunde schon mehr wissen, als ich, wie es weitegehen könnte – und merke: Wir warten. Wir teilen gegenseitig unsere Meldungen, aus denen das Warten spricht. Und können doch leider nicht sagen, wie das weitergeht. Außer, dass wir wohl alle ein gemeinsames, deutliches Unbehagen verspüren.

Ach, sieh da, nun hat sich mein geheimnisvoller Abonnent doch deabonniert. Er hat wohl gemerkt, dass ich seine öffentlichen Angaben ein bisschen näher unter die Lupe genommen habe, das rasante Wachsen seines Freundeskreises seit dem vierten Februar, als er sein FB- Konto mit einem Babygesicht eröffnete. Aber es gibt ja noch viele Gesichter, mit denen man sich demnächst tarnen könnte. Wenn es denn für meine un- heimlichen Statusmeldungen noch nötig sein sollte…

 

 

This entry was posted in "Voice" auf Deutsch, Voices of Revolution and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Leave a comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.