Charis Haska: mein geliebtes Europa, man kann Kriminelle nicht als Verhandlungspartner behandeln
Quelle: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/607100929356602?stream_ref=10
Auf wessen Seite?
Die Nerven dieser Stadt (und dieses Landes) liegen blank. Das zu spüren, dazu reicht ein Hundespaziergang von 20 Minuten. Unterwegs erfahre ich, dass unsere Kirchengemeinde schon wieder eine überhöhte Rechnung bekommen hat. Diesmal sind es sage und schreibe 6000 Griwna für die Fernheizung, gleich verbunden mit der Drohung, uns die Heizung abzustellen. “Repression?” frage ich und bekommen zur Antwort: “Sicher! Wissen Sie, die Kommunalkosten bei uns werden doch auch von der Mafia gesteuert. Die Herren haben sich dermaßen überfressen und kriegen noch nicht genug. Ach, wenn die doch bloss mal aus ihren himmlischen Höhen herabstiegen und mitkriegten, wie wir hier verzweifelt unsere letzten Kopeken zusammenkratzen.”
Auf dem Rückweg bekomme ich an der Straßenecke eine laute Auseinandersetzung mit: Zwei Männer filmen laut kommentierend mit zwei kleinen Kameras eine schimpfende Frau Mitte Dreißig, ihr Gesicht ist etwas aufgeschwemmt, ich kann nicht erkennen, ob von Tränen oder Alkohol, jedenfalls sieht ihre Kleidung nicht heruntergekommen aus. Als ich näher herankomme, höre ich die Frau schreien: “Das ist meine Stadt!”
Die Männer verändern den Winkel ihrer Kamera und filmen höhnisch weiter: “Das sind die Barrikaden. Und das ist ihre Stadt.” Weinend und schwankend wendet sich die Frau zum Gehen, die Männer verschwinden eilends den Berg hinauf. Einen Moment war ich drauf und dran, nach dem Sinn des Spektakels zu fragen. Doch die drei Beteiligten haben sich zu schnell entfernt. Und im Nachhinein überlege ich: Wen hätte ich gefragt?
Normalerweise reagiere ich empfindlich, wenn Männer zu mehreren einer Frau zusetzen. Aber ist sie vielleicht eine von denen, die bloss um die schöne Fassade ihrer Stadt und ihren sicheren Arbeitsplatz fürchten und damit das System befestigen? Die, beeinflusst durch die Propaganda, die Leute auf dem Kreschtschatik und Maidan für Herumlungerer halten, wie ich es mir gestern aus dem Mund einer Nachbarin anhören musste (“Sollen sie doch arbeiten gehen!”)?
Auch die kurze Erzählung meiner Freundin (siehe unten) macht deutlich, dass es die Tage nicht leicht ist, zu unterscheiden wer auf wessen Seite steht:
“Ein junger Mensch hat in der Kiewer U- Bahn seine Musik so laut gestellt, dass sie über seine Ohrstöpsel im halben Wagon zu vernehmen ist, und das sogar, während der Zug auf den Gleisen ordentlich rumpelt. Schließlich hält eine Babuschka das nicht mehr aus, rüttelt ihn an der Schulter und fragt: “Gehörst Du zu den Tituschki?” Auf sein “Nein.” antwortet sie ihm: “Benimmst Dich aber so…” ”
Jewropa, mein geliebtes Europa, begreif doch, dass man Kriminelle nicht als seriöse Verhandlungspartner behandeln kann, auch wenn sie noch so ein hohes Amt bekleiden! Denn sie haben es nicht nötig, sich auf Verhandlungen einzulassen, solange sie am längeren Hebel sitzen. Und ihnen tut es nicht weh, wenn das Volk entzweit wird und sich in Angst, Misstrauen und Wut gegenseitig zerfleischt.
Was erwartet uns am 17. /18. Februar, wenn die Schonfrist ausläuft? Eine Stimme sagte mir “Es wird nichts Schlimmes mehr passieren.” Und mehrere Stimmen höre ich, dass es auf einen Partisanenkrieg hinausläuft.
Ich bete, dass dieses wunderbare Volk seine eigenen Weg findet, Ungerechtigkeiten nicht mehr hinzunehmen und dass das ein Friedensweg ist.
