Rus in Maidan erkennen

Rus in Maidan erkennen

Von: Alexei Shiropaev (Алексей Широпаев)

Dezember 2013, Kiew-Moskau.

Übersetzt von: Maryna Mudra

Quelle: http://rufabula.com/articles/2013/12/27/maidan-rus

Natürlich musste man das gelebt und gesehen haben – Kiew , Ukraine.

Узнать в Майдане Русь

Selbst die besten Fotos können nicht das echte Bild von Maidan vermitteln, durchdringt von dem sanften goldenen Licht des warmen, südlichen Dezembers; dieser Raum in Wogen des Meeres der gelb-blauen und rot-schwarzen Fahnen, mit Dunst der Feuerstellen und Feldküchen überzogen, voll von faszinierenden Bewegungen der riesigen Volksmassen; diese Echo-Galaxie der Tausenden in der Volksversammlung, allesamt inspiriert von dem Streben nach Freiheit, und dem Pathos der bürgerlichen Tugend. Und wie dort die ukrainische Hymne klingt …

Auf unsere Bolotnaya Straße singt man die russische Nationalhymne nicht, denn wen kann dieses Aufstoßen der stalinistischen Ära inspirieren?
Und die russische Trikolore ist auf Bolotnaya nahezu unsichtbar: es wird nun stark mit dem feindlichen politischen System verbunden. In der Ukraine ist alles anders. Im Unterschied zur russischen weiß-blau-rot (Anfangs auch der Fahne der Barrikaden), ist ukrainische Fahne nicht die Fahne des Beamtentums geworden. Das ist eine Volksflagge, und nicht die Flagge von Janukowitsch. Ukrainer nehmen die Ukraine als IHREN Nationalstaat wahr.

Wie hart umkämpfte Stalin UPA! Alle Macht des Reiches wurde gegen die ukrainischen Rebellen geworfen. Und hier ist sie, die offensichtliche Sinnlosigkeit dieser Bemühungen – die riesige Maschinerie verlor gegen das Streben nach Freiheit: rot-schwarzen Bandera Fahnen demonstrieren starke Präsenz auf dem Maidan, stehen auf gefrorenen Barrikaden in Kiew, werden offen in unterirdischen Gängen der Kiewer U-Bahn verkauft (zum Vergleich, stellt euch vor, dass in der Moskauer U-Bahn die Symbolik des ROA und Porträts von General Wlassow verkauft werden…). Im Allgemeinen das Ausmaß der de – Sowjetisierung des ukrainischen Massenbewusstseins ist beeindruckend – darf ich dabei anmerken, dass das heutige Russland in der Ukraine eindeutig als “Sowok” (Bezeichnung für Sowjetsystem) wahrgenommen wird.

Dies ist ein äußerst interessanter und wichtiger Punkt: viele Ukrainer sind sich des Euromaidans, der Eurorevolution als Fortsetzung und sogar Apotheose für Aufstand bewusst. Der Wunsch zur Eurointegration ist im großen Maße von positiv verstandenem Nationalismus stimuliert und gerichtet. Sage noch mehr – Eurointegration wurde zum Synonym für die Unabhängigkeit der Ukraine, dem Kampf um ihre Identität. Bist Du für Europa – bist Du also für die Ukraine, und umgekehrt. Europäische und ukrainische Identität sind nicht vermischt aber vereint im Bewusstsein der Ukrainer. Das ist logisch, sofern Ukraine sich immer als ein Teil von Europa positionierte, als europäisches Land, das für eine Zeit lang Kolonie des Ost-Imperiums wurde.

Wir sehen auf den ersten Blick eine paradoxe Situation, wenn genau Nationalismus aktiv das Land Richtung EU bewegt. Man muss beachten, dass viele Nationalisten in Europa eher kritisch gegenüber der Europäischen Union sind. Viele Euroskeptiker sind von der EU-Bürokratie, von Diktat der Toleranz und politischer Korrektheit, von der Migrationspolitik der EU genervt. Deshalb trifft man oft auf Verwunderung über den scheinbaren nationalistischen Pathos der ukrainischen Bestrebungen für die europäische Integration. Nationalisten sind hier für EU ( Partei “Swoboda” spielt auf dem Euromaidan ziemlich wichtige Rolle) – eine solche Ausrichtung ist vielen in Europa nicht klar. Allerdings ist solche Ansichht der Europa- die Ansicht, die die Realität und Prozesse, charachteristisch für die Postsowjetischen Länder, insbesondere der Ukraine, nicht berücksichtigt. Für die ukrainische Gesellschaft bedeutet die Eurointegration das Überwinden der Kolonialvergangenheit, was zwangsläufig auch den Aufstieg des nationalen Bewusstseins und Geistes bedeutet. Gleiche Prozesse fanden am Anfang der 90-er in ganz Osteuropa statt, darunter Polen und den baltischen Staaten. Für Osteuropa ist die europäische Integration Ost-Europ vor Allem mit dem Überwinden des “Sowok” (Sowjetsystems) und der historischen Abhängigkeit vom Russischen Imperiums gleich zu setzen. Trotz aller Mängel der EU, Ukraine hat keine Alternative zum Beitritt (beiehungsweise der Rückkehr) zur Europa. Ukraine kann als Land, als eine einzigartige Nation nur in der Europäischen Gemeinschaft überleben. Deswegen ist die Eurointegration der Ukraine – ziwilisierte Wahl des positiv verstandenen Nationalismus. Diese Wahl wurde von der ukrainischen Identität gemacht, die nicht gewillt ist sich in Putinschen “Taiga-Union”, dieser nächsten Ausgabe der historischen Horde, aufzulösen. t-Europa

Europa braucht die Ukraine. Euromaidan trägt in sich eine riesige Ladung des Idealismus, der der russischen Gesellschaft so fremd, und von modernen Europäer weitgehend verloren ist. Ich glaube , dass die Ukraine für Europa zu einer Frischluftquelle mit neuen kreativen Kräften, Anreiz für Wiederbelebung des europäischen Geistes werden wird. Spreche mit Nachdruck: für die etwas ermüdete westliche Seele ist Maidan eine neue Morgendämmerung des Idealismus, die Renaissance der Werte. Dies wurde in Kiew von Eindrücken des Senators McCain sichtbar. Allerdingsist es für mich immer noch sehr wichtig, zu verstehen, was wird Euromaidan für uns, Russen, werden? Wird er uns mit seinem Beispiel und Erfahrung inspirieren?

Die Frage ist nicht einfach. Natürlich, müssen wir von ukrainern die Zusammenhalt, Mut und Selbsorganisation lernen. Doch würde ich diese Frage so stellen: brauchen die heutigen Russen solche Erfahrung – die Erfahrung des fast schon religiösen Strebens nach Freiheit, die Erfahrung der geselschaftlichen und menschlichen Würde? Brauchen wir Russen überhaupt Freiheit und Würde? Maidan ist hier vor unserer Nase, doch was konnten wir (genauer, wollten wir) sehen? Nichts außer dem, was russisches Fernsehen, das bei uns mit Bandera-Ahängerschaft und angeblichen Rusophobie (in der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in Kiew habe ich noch nie diese gesehen), Ängste zu schüren versucht.

Russischer Nationalismus ist belastet, wenn nicht von Geschwüren befallen, mit imperialen Mythen. Zum größten Teil ist es eine Art imperiale Ideologie mit einer klaren anti-westlichen, anti-europäischen Linie. Es ist kein Zufall, dass der russische Nationalismus, der im Gegensatz zu dem ukrainischen mit einem Falken-Rarog auf dem Banner, operiert praktisch mit keiner eigenen russischen Symbolik. Seine gesamte Symbolik ist rein imperialistisch und dabei fremd: Monomach kam von der Horde und der Doppeladler flog aus Byzanz. Der Unterschied zwischen dem russischen Nationalismus und der kaiserlichen Ideologie ist eher angedeutet, fast unsichtbar. Russische Indentität ist in der Regel offiziös-kaiserlich – wenn man tiefer gräbt, gibt es in ihr nichts russisches. Sind wir in der Lage in der Ukraine diesen ur-russischen (Ruthenen) Geist zu spüren, Geist der würdevollen Freihet der Volksversammlungen, den wir im Laufe der Entstehung der moskauer Autokratie und des Ausbaus des Eurasischen Imperiums verloren haben? Sind das moderne russische Denken und die russische Seele in der Lage von Maidan befruchtet zu werden? Kann der russische Nationalismus die russische Geschichte überdenken, zu dem europäischen, demokratischen, antieurasischen, nicht imperialen, orientiert auf Regionen und Föderalismus, werden? Könnten wir in der Ukraine die wahre, ursprüngliche, Ur-Rus erkennen – also auch unsere eigene Nicht-Rus,mit dieser ganzen “hordischen” staalichen Mythologie, kritisch bewerten? Noch gibt es eine Antwort: russischer Nationalismus, im Gegensatz zu dem ukrainischen, wurde bisher nicht zu einem Modernisierungsfaktor, das national-demokratische Niveau ist nicht gestiegen. Und das ist in dieser mistrauischen und oft sogar negativen Reaktion auf Euromaidan von sehr vielen “staatlichen” russischen Nationalisten (nehmen wir gleich Kolmogorov, Kralina, Krylov) sichtbar.

Der Kreml gerade fürchtet sich sehr, dass wir, Russen, eines Tages, im Euromaidan die Rus erkennen. Dass Ukraine für uns der reale und der nächste Beispiel der slawischen Wahl für ein
menschenwürdiges Leben, für eine europäische Zukunft wird. Dass die Ukrainer einfach und verständlich uns auffordern: “Brüder, auch ihr seid Europäer! Eure ganze Kultur ist europäisch. Nur euer Staat ist asiatisch. Löst doch diesen furchtbaren Widerspruch. Nicht auf Kosten der Kultur, natürlich.”

Erfolgreiches europäisches slawisches Land in der Nähe zu Russland, dessen Volk, der früher die Riemen der UdSSR zog und mit uns das gemeinsame “sowjetsche” Schiksal teilte, und jetzt diesen zu überwinden vermochte – das ist der Alptraum für Kreml. Solche Ukraine wird für Russen ein Beispiel der kolossalen Kraft, umso mehr, weil es durch das Faktor der nahen slawischen Verwandschaft unterstützt wird. Und das kann der “große” Putin weder wiederlegen, noch verbieten. Dafür wird ihm die Puste nicht ausreichen. Ethnisch-kulturelle Gegebenheiten konnte sogar das Sowjetische Imperium nicht löschen.

Wir, Russen, müssen früher oder später entscheiden wer ist näher zu uns: Vitaly Klitschko oder Kadyrov, das slawische Volk auf dem Maidan oder Zentralasien, das nach Russland in Massen über die offene Grenze reinrennt (in Kiew, übrigens, gibt es keine “tadschikische Hausmeister” und Ähnliches; dementsprechend das allgemeine Typ der Menschen auf der Straße ist ein anderer als in Moskau). Das Problen der europäischen Entscheidung steht akut auch vor uns, ob wir das wollen oder nicht. Mit wem wir uns integrieren wollen, in welcher zivilisierter Richtung – das ist die wichtigste Frage der Zukunft des russischen Volkes. Es geht, kann man sagen, um Leben oder Tod.

Wir, Russen, brauchen unseren eigenen Maidan als Instrument der Bildung der Nation. Wir brauchen unsere Volksversammlung (Rat), die wahrhaft russischen (und nicht bysantisch-kaiserlichen) Flaggen und wahrhaft russische (und nicht hordisch-imperiale) Deutungen. Ukraine will sich nicht in Putinschen “Eurasien” und “Taiga-Union” auflösen. Doch, zu allererst, solches Auflösen droht Russen in Russland – das ist die wichtigste Botschaft des Maidans an uns. Wir brauchen nur darauf zu hören und zu verstehen, im Maidan Rus zu erkennen und auch Rus in uns selbst. Und dann werden wir in der Gesamtheit den Aufruf des großen russischen Dichters Alexei Konstantinowitsch Tolstoi verstehen: Slawentum – “ist ein absolut westliches Element, und nicht östliches, nicht asiatisches…”

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