Charis Haska: Mit der Verunsicherung leben

Charis Haska: Mit der Verunsicherung leben

Original: https://www.facebook.com/charis.haska/posts/643742065692488?stream_ref=10

Ich weiß, dass er für ein paar Tage in der Umgebung von Odessa war und frage nach seinen Eindrücken. „Ja, ich war da, doch erst nach den Ereignissen. Mit einem Freund bin ich mit dem Auto durch die Stadt gefahren. Die Innenstadt war menschenleer – für Odessa während der Maifeiertage eigentlich undenkbar. Trotzdem lag viel Müll herum, so, als hätten sich Unmengen von Touristen dort vergnügt. Selbst die Uliza Deribassowska [die Flaniermeile von Odessa, Fußgängerzone; Anm. Charis] war wie ausgestorben. Aber merkwürdig: Die Schaufenster einiger teurer Cafes waren mit metallenen Schutzschilden verrammelt. Hatte man sie etwa vorgewarnt?“

Eine Freundin wischt verstohlen ihre Tränen weg, als ich auf sie zu komme. Doch als sie beginnt zu reden, weint sie gleich weiter. Sie entschuldigt sich: Sie sei so nah am Wasser gebaut. „Wissen sie, warum ich weine?“ fragt sie. „Ich hab die Liste der Gefallenen vom Maidan nochmal durchgesehen. So viele gebildete Menschen! Künstler, Journalisten, Akademiker… Jetzt kommt es mir so vor, als ob die Scharfschützen sie gezielt ausgewählt haben, um die gebildete Schicht auszudünnen. Ich hab zu meiner Tochter gesagt: <Wende Dich an Deine Tante und lass Dir Kopien der alten Dokumente Deines Vaters geben. Dass er aus einer russischen Adelsfamilie stammte, die sich in der Ukraine mit vier Kindern in armseligen Hütten versteckt hielt, haben wir Dir aus Angst verschwiegen. Er wollte doch seinen akademischen Grad erreichen und seiner Begabung entsprechend arbeiten können. Nur dadurch, dass seine hübsche Schwester einen Schreiber geheiratet hat, konnten sie damals ihre Identität ändern und einen ukrainischen Namen annehmen. Ich möchte, dass Du zur Sicherheit mit diesen Dokumenten nachweisen kannst, dass Du eigentlich Russin bist.> Da schaut sie mich an: <Mama> sagt sie, <Mama, warum sagst Du so etwas? Wie kannst Du nur?>“
Sie, die doch immer stolz darauf war, Ukrainerin zu sein, entwirft solch einen Notfallplan. Wie tief muss die Angst vor der Bedrohung durch Russland sich schon eingegraben haben…

Ich komme in meiner orangenen Windjacke und mit meinem orangenen Halstuch zum Gottesdienst. Schon fast mit Verspätung. Unser Diakon sagt freundlich: „Herzlich Willkommen zurück in Kiew! Sie sehen sooo schön aus. Wie zur Orangenen Revolution.“ Es klingt melancholisch. Ja, wie hoffnungsvoll und optimistisch muss die Stimmung damals gewesen sein. Und wie viel frei gewordene Energie zu tragfähigen Veränderungen jetzt doch blockiert wird durch die perfide Bedrohung, die künstlich gestreut wird. Bei der Lesung aus dem Johannesevangelium im 10. Kapitel (11Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, 13denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. 14Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 15wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.) assoziiere ich sofort gekaufte Kräfte, die nur ihr eigenes Wohl im Blick haben, die Schutzlosen im Stich lassen und notfalls auch überlaufen zu dem, der mächtiger ist und besser bezahlen kann. Wie gerne möchte ich erleben, dass der Gute Hirte die Ukrainer noch spürbarer schützt!

Ich überbringe am Ende des Gottesdienstes die Grüße von unseren Münchner und Tutzinger Partnern. Etliche Leute kommen nachher zu mir und bedanken sich überschwänglich dafür.

Ein älterer Herr kommt ganz aufgelöst auf mich zu und fragt besorgt: „Charis, was ist Ihnen passiert? Warum sind Sie ohne Brille?“ Ich kann ihn beruhigen: Ich trage jetzt Kontaktlinsen und kann viel schärfer sehen. „Aber traumatisieren die Linsen nicht Ihre Augen?“ Ich sage ihm, dass er sich mit mir freuen darf und die Linsen nicht schädlich sind. Ich höre regelrecht den Stein aufprallen, der ihm vom Herzen fällt.

Zwei ältere Damen aus dem Weltgebetstagskreis bleiben noch lang nach dem Gottesdienst in der ersten Reihe sitzen und tauschen sich darüber aus, wie ihnen das Zusammensein in der Gemeinde über all die Jahre hin Kraft gegeben hat. „Wir kommen in die Kirche wie in unser Zuhause.“ Darüber sind sie sich einig. Als ich der einen von ihnen einen Brief aus Deutschland überreiche, bricht sie in Tränen aus: „Oh, meine lieben Freunde… Ich wollte ihnen so gerne schreiben und habe über all meiner Arbeit keine freie Minute dazu gefunden. Ich werde jetzt jeden Tag morgens und abends ihren Namen im Gebet vor Gott nennen…“ sagt sie bewegt.

Am Nachmittag mache ich mit einer Freundin einen Sonntagsspaziergang. Wir begegnen verschiedenen Patrouilien, uniformierten und zivilen. Gemeinsam mit einer weiteren Freundin besuchen wir das Konzert im Schokoladenhaus. Die Veranstalterin lässt uns am Ende ihrer Einführungsrede zu einer Schweigeminute anlässlich der neuen tragischen Ereignisse im Land aufstehen.

Die Pianistin Natalja Malzewa erweist sich als ein wahres Kompendium langer, technisch schwerer Werke deutschsprachiger Komponisten. Sie ist eine kleine, zarte Person mittleren Alters, bescheiden in eine cremeweiße Bluse gekleidet, die sich kaum von der cremefarbenen Stuckatur des Saales abhebt. Ihr Kopf ist bescheiden und ohne Gehabe beinahe unbewegt über die Tasten geneigt, während sie in atemberaubender Geschwindigkeit Bach, dann eine Mozartsonate, zwei Sonaten von Beethoven und dann noch einiges von Schumann spielt. Selbstverständlich alles auswendig. Zwischendurch hat sie mit knappen Worten die Stücke angesagt. Den donnernden Schlussapplaus bricht sie ab mit einer innigen, warmen Rede: Sie wünsche sich so sehr, dass die slawischen Völker von neuem eine gemeinsame Sprache finden. Musik und Kunst vermitteln so viel Liebe und sie hofft, mit dem heutigen Konzert etwas zu einer positiven Entwicklung beigetragen zu haben.

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