Charis Haska: Aus dem Bauch heraus: Sorge um die Kinder
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Viele Entscheidungen müssen wir zur Zeit aus dem Bauch heraus treffen. Man kann einfach nicht absehen, was sinnvoll ist und was sich als Quatsch erweisen wird.
Heute hat man hier für einen Euro 13 Griwna und 90 Kopeken bekommen können.
Jetzt tauschen, oder warten, bis meine Griwna zu Ende gegangen sind?
Ich habe das Gefühl, dass die Leute jetzt weniger über ihre begründete Angst reden wollen.
Mittags habe ich einen Termin zum Kontaktlinsen Anpassen. Für harte Linsen gibt es in Kiew überhaupt nur eine Adresse, ich war gespannt auf diese Optikerfirma. Wie so viele durchaus seriöse Büros finde ich sie in einem Hinterhof im Souterrain. Die Ärztin hat mich schon erwartet, bittet mich, Platz zu nehmen und entschuldigt sich sofort: Sie habe sich mir ungestört widmen wollen. Doch wegen des wirtschaftlichen Einbruchs habe die Chefin die Stundenzahl der Assistenten herabgesetzt, sie müsse dann weniger Gehalt zahlen. Es könne also etwas unruhig werden.
Sie arbeitet sehr konzentriert mit mir. Es kommt, wie ich befürchtet habe: Wie 1994 bei der Erstanpassung bin ich durch meinen starken Lidreflex ein Problempatient. So was hat sie noch nie erlebt, dass die Probelinse einfach nicht mehr heraus zu kriegen ist. Sie vermeidet es nervös zu werden. Unser Gespräch bleibt streng sachbezogen, obwohl ich versuche, ihr ihre Einschätzung der gegenwärtigen Lage heraus zu kitzeln. Sie tropft mir gelbe Farbe ins Auge, damit die Linse im Kontrast besser zu sehen ist. Ich werfe einen Blick auf die hellblauen Vorhänge und versuche es mit „Meine blau- gelbe Welt…“. Sie verzieht keine Miene und antwortet mit neutraler Stimme: „Ich habe gesehen, dass Sie ein Bändchen an der Jacke tragen.“ Weiter kein Kommentar zu meiner Maidan- Schleife. Später, als wir die drückende Probelinse dank betäubender Tropfen durch eine besser sitzende ersetzen konnten, fragt sie eher nebenbei nach dem Grund meines Aufenthaltes in der Ukraine. Ich erkläre, dass mein Mann arbeitet und ich für unsere Kinder da bin. Wie viele ich hätte? Ich sage es ihr gleich mit Altersangabe. Na, die seien doch noch relativ klein. Ihr Sohn sei dreiundzwanzig. Ich versuche es noch mal: „In den heutigen Zeiten muss man sich um die großen Jungs wahrscheinlich mehr Sorgen machen, als um die kleineren…“ Sie scheint erst nicht verstehen zu wollen, worauf ich hinaus will. Ich setze mit einer Erklärung an, da unterbricht sie mich: „Ach Sie meinen, weil man sie zum Kämpfen einzieht.“ und bittet mich noch mal in den dunklen Raum, wo ich auf dem Hocker Platz nehmen und mir ins Auge leuchten lassen soll. Nur für einen Moment zittert ihre Stimme: „Wir hätten nicht gedacht, dass wir tatsächlich bis zu einem Krieg leben würden. Wir alle haben gedacht, dass die Kriege dem vergangenen Jahrhundert angehören.“
Damit kehren wir zum rein medizinischen und geschäftlichen Gespräch zurück.
Später ruft mich meine Freundin an und bittet mich, ihr am Telefon eine Kleinigkeit zu übersetzen. Ich frage sie, für wann sie denn das Fest in ihrer Bibliothek geplant hat, bei dem ich ihr helfen wollte. Sie ist eine sehr besonnene, aufgeklärte Frau. Sie antwortet „Ich habe noch keinen Termin festgelegt. Lassen sie uns auf bessere Zeiten warten. Besser gesagt auf klarere Zeiten.“
Und dann erzählt sie mir, dass ihre Tochter im Begriff ist, für kurze Zeit aus Deutschland nach Hause zu kommen. Mit wie viel Vorfreude sie doch immer die Ukraineaufenthalte iher Tochter herbeigesehnt hat! Doch jetzt sagt sie traurig: „Ich mache mir solche Sorgen wegen ihrer Heimfahrt im Bus. Mein einziger Trost ist, dass sie wenigstens aus dem Westen und nicht aus dem Osten anreist.“
Meine Kinder kommen von der Schule nach Hause. Noch auf der Schwelle muss Bernhard loswerden: „Mama, es geht los mit der Mobilisierung.“ Woran er das gemerkt habe, frage ich. Ja, der Fahrer unserer Freunde habe erzählt, zwei seiner Freunde seien jetzt schon eingezogen. Und er selber? „Er muss nicht, weil er bald ein Kind kriegt.“ Bin ein wenig beruhigt für unsere Freunde.
Lilli kommt zum Tee – und um sich erst mal für zwei Wochen zu verabschieden. Da es im Moment nicht empfehlenswert ist, nach Simferopol zurückzukehren, haben sie beschlossen, ihren Urlaub vorzuziehen. In der Hoffnung, dass danach schon besser abzusehen ist, ob ihr Einsatz auf der Krim noch weitergeführt werden kann. Wahrscheinlich dann nur noch mit russischem Visum. Gerne würde sie wissen, welche Fahnen jetzt in der Schule ihres Sohnes hängen. Und welches Bild jetzt den Platz des Portraits von Janukowitsch in der Eingangshalle der Grundschule ihres Sohnes eingenommen hat. Wie bitte? Ich muss gleich meine Kinder fragen, ob in der ukrainischen Schule, in der unsere Schule eingemietet ist, auch so ein Portrait gehangen hat, das nach dem 20.2. sofort entfernt wurde. Nein, das hat es bei uns in Kiew nicht gegeben. Der Junge freut sich, dass er wahrscheinlich kein Ukrainisch mehr lernen muss. Das fiel ihm als deutschem Muttersprachler unter lauter russischsprachigen Lehrern und Schülern nämlich wirklich schwer, zumal ein hoher Prozentsatz der sechs Wochenstunden für das eintönige Malen von Buchstaben drauf ging, deren Aussprache ihm nie richtig erläutert werden konnte.
Ich sage, dass ihnen dann wohl leider auch das bezaubernde Kinderbuch von Vsewolod Nestajko entgehen wird, das mir Tanja am Sonntag in die Hand gedrückt hat: „Die Torreros von Wasjukiwka“. Nestajko scheint ein ukrainischer Kästner zu sein, ich habe schon auf den ersten Seiten unheimlich viel Spaß mit seiner Beschreibung aus der Perspektive eines Grundschülers, der mit seinem Freund einen Stierkampf mit Fernsehübertragung organisieren will. Herrlich, wie sie die möglichen Kandidaturen für den Stier nacheinander abwägen: Der erste Stier ist zu wehrhaft: „Mögen mit ihm doch besser unsere Feinde kämpfen!“ Der zweite passt auch nicht, bleiben die beiden Kühe, über deren Tauglichkeit sich die beiden dann handgreiflich zanken, um zu dem Schluss zu kommen, dass sie statt eines Stierkampfes den Kampf der Dummköpfe gefochten haben. Die Kuh Kontribuzia erweist sich schließlich im Stierkampf als ehrenhafte und humane Kuh, weil sie den Freund nicht auf die Hörner nimmt, sondern nur mit dem Maul vor sich her stößt. Und sie bleibt den beiden Freunden eine mitfühlende Freundin, als der herzlose Onkel durchsetzt, dass die beiden den frisch ausgehobenen U.-Bahnschacht am Schweinestall wieder zuschütten müssen. Wo sie doch so gern eine U- Bahn „wie in Kiew“ in Wasjukiwka einrichten wollten. Der feine Humor des Buches berührt mich ebenso, wie die hintergründige, lebenspraktische Auseinandersetzung mit dem Thema „Kampf“. Vielleicht hätte man „Putler“ Ukrainisch lehren und ihm dies Buch in die Hand drücken sollen!
Unsere Diakonin aus Simferopol musste gestern bei der “Ausreise” von der Krim bei Cherson ukrainischen Soldaten ihren Pass vorlegen.
Lasst uns die Menschen mit ihren Gesichtern ins Herz schließen und in unsere Gebete aufnehmen! Den ukrainischen Soldaten Pascha zum Beispiel, der seit mehreren Jahren auf der Krim eingesetzt war. Sein Vater macht sich große Sorgen um ihn und seine Familie. „Sie hatten kürzlich dort ein Haus gekauft. Die Familie hat er nun schon zurück in die Heimat geschickt. Hoffentlich lassen sie ihn noch raus, sonst muss er doch der russischen Armee dienen. Es ist alles nicht so einfach…“. Wie gerne möchte ich dem Vater zusichern: „Alles wird gut. Gott behütet ihn.“ Ich sage es nicht. Ich verspreche bloß, für ihn zu beten.
