Quelle: https://www.facebook.com/ulrich.speck/posts/10201274080363686
Gabor Steingart, Leitartikel im Handelsblatt:
“Die Krim, um nunmehr die heiße Zone der Pitbull-Politics zu betreten, gehört zu Russland wie Vermont zu den USA. Sie ist mehrheitlich russisch bewohnt. Sie ist der Stützpunkt der Schwarzmeerflotte. Von den 240 Jahren ihrer Staatlichkeit gehörte die Krim 171 Jahre zu Russland. Nur einer Wodkalaune des einstigen KP-Chefs Nikita Chruschtschow ist es zu verdanken, dass sie 1954 in das Staatsgebiet der – damals ebenfalls russisch dominierten – Ukraine wechselte.
Wenn Putin die Krim aufgibt, gibt er sich selbst auf. Seine Aggressivität ist eine politisch, militärisch und historisch notwendige, will er seinen Status als Weltmachtführer nicht verlieren. Er befindet sich heute in einer ähnlichen Situation wie John F. Kennedy im Oktober 1962, als Moskau begonnen hatte, im Vorhof der USA, auf der Karibikinsel Kuba, Atomraketen zu stationieren. Zu Recht scherte sich Kennedy nicht um die nationale Souveränität der Kubaner und zwang die Sowjetmacht mit einer spektakulären Seeblockade – von ihm als Quarantäne” Kubas bezeichnet – zur Umkehr. Der Weltmachtstatus erfordert nun mal ein Denken in Einflusssphären. An den Grenzen einer Weltmacht darf der Rivale kein Zeltlager aufstellen. Einkreisungsängste sind im Gencode eines jeden Hegemons gespeichert. Wer die Biologie der Macht nicht akzeptiert, taugt zwar zum Kirchentagspräsidenten, aber nicht zum Realpolitiker.
Putin für diese machiavellistische Selbstverständlichkeit mit Wirtschaftssanktionen abzustrafen, ist weder erfolgversprechend noch klug. Jedes Fletschen wird mit Fletschen erwidert, auf den Biss folgt der Gegenbiss, die Pitbull-Politics bedeutet eine sich selbst verstärkende Stupidität, Kriegsgefahr inklusive.”
Was kümmern uns da die 40, 50 oder 60 Prozent Krim-Bewohner, die lieber in einer sich in Richtung EU bewegenden Ukraine leben möchten — statt Satellit einer oligarchisch-korrupten Macht zu sein?
Was kümmert uns da die UN Charta und das Völkerrecht, demzufolge der Einmarsch in andere Staaten verboten ist?
Was kümmert uns da die europäische Friedensordnung?
Es ist merkwürdig, dass viele Deutsche sich Weltpolitik nur als Machtpolitik vorstellen können. Vermutlich ist Steingart, berauscht von Putinismus, gar nicht klar, dass wir mittlerweile in einer internationalen Rechtsordnung leben, die zu bewahren unser Kerninteresse ist.

Pacta sunt servanda – Verträge sind einzuhalten