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Wir erleben einen wundervollen Frühlingstag. Heute ist ein freier Tag angesagt, denn wenn ein offizieller Feiertag hier auf einen Samstag oder Sonntag fällt, dann wird der darauffolgende Montag zum Feiertag. Ich schlafe also aus, fast schon zu lang für meine Verabredung mit lieben Freundinnen zu einem Ausflug zum WDNH.
Das ständige lange Herumsuchen im Internet nach neuen Informationen zum Themenkreis „Wie geht es weiter?“ hat einen unguten Rücklauf ins nicht virtuelle Leben: Noch vor der Dusche stelle ich fest, dass ich unbedacht für unseren mittleren Sohn gleichzeitig drei Unternehmungen an unterschiedlichen Orten zur gleichen Zeit für heute früh ausgemacht habe. Wie ich mich am geschicktesten aus dieser Peinlichkeit herauswinde, ohne die Betroffenen zu kränken, darüber denke ich beim Hundespaziergang besorgt nach.
Strahlender Sonnenschein, leuchtende Farben, natürlich kein Verkehr und keine parkenden Luxuslimousinen auf der Luteranska – Kiew schläft offensichtlich heute noch um halb neun. Da begegnet mir die sympathische junge Ärztin mit dem runden Gesicht und der Brille, die ich nun schon öfters knieend und unter Tränen in unserer Kirche beten gesehen habe. Schon lang wollte ich mich mal mit ihr unterhalten, es hatte sich bisher nur noch nicht ergeben. Sie ist auf dem Weg zu unserem Kirchenlazarett. Ich frage sie endlich nach ihrem Namen, sie heißt, wie viele junge Frauen hier, Vika. Bei all dem Schrecklichen, das sie gesehen hat, strahlt sie eine so warme zugewandte Freundlichkeit aus! Ich sage ihr, dass ich ihre Gebete bemerkt habe. „Ja, ich bin eigentlich griechisch- katholisch. Aber es ist wohl doch so, dass wir den gleichen, einigen Gott haben.“ lächelt sie mich an.
Ich frage sie, ob es stimmt, dass der nette Verletzte mit der Schusswunde im Begriff ist, an die Front auf die Krim zu reisen. So habe ich es gehört. Und ob sie ihn nicht davon abhalten könne? „ Wissen Sie, er wird da hinfahren. Ich kann zwar versuchen, auf ihn einzuwirken. Aber er tut das um der Zukunft seiner Kinder und Enkel willen. Russland wird sich doch nicht mit der Krim begnügen. Jetzt haben sie die Krim, als Nächstes sind dann Lugansk und Charkow dran. Und wie sollen die Leute dann dort überleben…“
Ich sage: „Aber muss das denn sein, dass er mit seiner Schussverletzung dahin fährt? Die muss doch erst mal vernünftig ausheilen!“ – „Selbst neulich, als gekämpft wurde, haben wir die Schwerverletzten nicht zurückhalten können, sofort zu den Barrikaden zurück zu rennen und weiter den Maidan zu verteidigen. Schrecklich war das.“ sagt sie traurig.
Im Stillen denke ich darüber nach, wie der Mann wieder gesund werden soll. Der Bundeswehrarzt hatte dazu geraten, zwei mal täglich die Wunde mit einem fünfminütigen Wasserstrahl zu spülen. Ob er sich dabei darüber im Klaren war, wie sehr das Kiewer Leitungswasser mit Schwermetallen verseucht ist?
Sie fragt, ob der Pastor schon in der Kirche ist. Ich erzähle ihr, dass er wegen seines Fernsehauftrittes kaum Schlaf hatte und deshalb heute etwas später kommt. Und dass er im Fernsehen über die Ukraine und den Maidan befragt worden ist. Ich erzähle ihr von unserer Beunruhigung darüber, dass offenbar die russische Propaganda in den westlichen Medien eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt, zum Beispiel bezüglich des „Prawy Sektor“ . „Oh“, jetzt lacht sie fast, „Sie können den Leuten in Deutschland ganz beruhigt sagen, dass es den Prawy Sektor zwar auf dem Maidan gibt, aber dass er nur einen ganz kleinen Teil der Bewegung ausmacht. Die meisten Leute da sind ganz normale, anständige Leute wie Sie und ich, die um ihre Würde und eine gute Zukunft der Ukraine kämpfen, aber überhaupt nicht vorhaben, irgendjemand zu bedrohen, zu verletzen oder gar zu töten…“
Gerne würde ich mich weiter mit ihr unterhalten, doch müssen wir beide unseren Verpflichtungen nachgehen. Da kommt Valera in einer Küchenschürze auf uns zu, begrüßt uns und teilt uns mit, dass er gerade dabei ist, Bigosz zu kochen. Er hat bei den Lebensmittelvorräten eine Riesentüte Sauerkraut gefunden, die schleunigst verbraucht werden muss. Der herzlichen Einladung von Vika und Valera, doch später mit meiner Familie und unseren Freunden in die Kirche zum Mittagessen zu kommen, folge ich nicht, denn wir haben ja heute etwas Besonderes vor: Fahrradfahren unserer Kinder im Park des WDNH.
Indem ich zwei von Bernhards nicht von ihm getroffenen Verabredungen verbinde und die dritte ignoriere (Pfui, wie kann frau bloß gute Freunde so vergrätzen!), bin ich mit einigen Telefonaten ziemlich aus dem Schneider. Die letzten davon führe ich auf der Treppe, als ich mit den Kindern zum Treffpunkt aufgebrochen bin.
Meine Nachbarin hat offensichtlich abgewartet, bis sich unsere Wohnungstür bewegt. Das macht sie sonst nie! Doch nun ruft sie mir auf der Treppe hinterher: „Was machen wir denn nun mit diesem Krieg?“ Ich mag sie wirklich, aber die Vorstellung, den Sohn meiner Freundin allein auf dem Kreschtschatik herum irren zu lassen, läßt mich sehr unhöflich werden. „Tut mir leid, ich muss ganz schnell was klären…“, sage ich und telefoniere weiter. „Was sagen denn Eure Deutschen zu der ganzen Sache?“ ruft sie mir kläglich hinterher.
Unser Ausflug wird wunderschön. Die Kinder haben jede Menge Spaß. Wir drei Erwachsenen haben nur ein Gesprächsthema. Die Krimkrise. Dabei höre ich zum ersten Mal ein gewichtiges Detail: 85 Prozent der Wasserversorgung auf der Krim kommt aus dem Dnjepr. Aus der Ukraine. Wenn die Krim nicht mehr ukrainisch ist, wird sich Russland um die Wasserversorgung bemühen müssen. Ebenso um die Stromversorgung.
Im Park ist nichts von der Weltpoltik zu spüren. Frühling! Die Vögel zwitschern, dass einem das Herz warm werden kann. Auf dem Rückweg kaufe ich in einer Bude Hundefutter. Der Verkäufer ist soooo nett und geduldig. Als er das Futter schon fast fertig abgefüllt hat, hab ich es mir noch mal anders überlegt. „Aber natürlich!“ geht er auf meinen Wunsch ein und kippt es wieder aus. Füllt mir anderes, billigeres Futter ab. Dem Wechselgeld fügt er jede Menge gute Wünsche hinzu und die freundliche Ermahnung an mein Kind, es möge sich doch bitte der Jahreszeit gemäß bekleiden, für kurze Hosen sei es doch noch zu früh. So meine verzweifelte Rede vor unserem Aufbruch am Morgen.
Aber aus dem Munde eines ausgewachsenen, freundlichen Mannes ist das doch für einen frisch gebackenen Teenager noch einmal etwas ganz Anderes. Ich bin dem Verkäufer von Herzen dankbar. Wie ich die Ukrainer für ihre Fürsorglichkeit und Freundlichkeit liebe!
Am Abend will ich meine Ruppigkeit gegenüber der Nachbarin ausbügeln. Sie fragt vorsichtig vor dem Aufschließen, wer da vor der Tür steht. „Ich hab so einen Schreck gekriegt, als es geklingelt hat. Ich dachte, jetzt haben sie zu schießen begonnen.“ sagt sie, als sie mir dann gegenüber steht. Die Arme, für sie war die Krim im Frühling und im Herbst immer eine Zuflucht. Seit wir sie kennen, renovieren sie von ihrer kleinen Rente ihre Wohnung, die durch die illegale Baustelle nebenan mit Rissen im Mauerwerk bedroht ist. Regelmäßig sind sie zu Freunden auf die Krim gefahren, um sich von Kümmernissen des Alltags zu erholen, diese Oase wird jetzt wegfallen.
„Übrigens, Wasserprobleme hatte die Krim schon immer. Leitungswasser gibt es nur morgens und abends. Sie haben das nur nicht gemerkt bei ihrem Aufenthalt dort, denn die Hotels haben große Wassertanks. Aber das ist eigentlich kein fließendes Wasser. Und nach einem schneefreien Winter wie diesem sind die Probleme sowieso größer. Die Bewohner der Krim werden ganz schnell merken, worauf sie sich mit ihrem Schrei nach Russland eingelassen haben. Und was wollen die Russen überhaupt auf der Krim? Ach, sehen Sie, jetzt fange ich schon an, „die Russen“ zu sagen. Dabei bin ich doch selbst auch Russin… Aber wissen Sie, geschichtlich gesehen gehört die Krim eigentlich den Tartaren… Und wenn die Russen darauf pochen, dass Chruschtschow die Krim der Ukraine geschenkt habe, dann müssen sie ehrlichkeitshalber auch zugeben, dass die Ukraine dafür ein großes Stück Land am Asowschen Meer abgegeben hat. Aber die drehen ja immer alles so, wie sie es brauchen…“
Sie sieht so erschöpft und gequält aus… „Was sagen denn nun ihre Deutschen zu der ganzen Sache? Was sagen sie dazu, dass unsere neue Regierung überhaupt nichts dagegen tut? Ist denn das normal?“ Eigentlich war ja mein Anliegen gewesen, mich bei ihr zu entschuldigen und ihr die Meinung meiner Politikspezialistin zu sagen, dass der Krieg wohl kaum bis Kiew kommt. Ich wollte sie gern ein wenig beruhigen, ihr die Gelegenheit zum Reden geben.
Jetzt hab ich das Gefühl, dass unser Gespräch sie sogar noch mehr aufgewühlt hat. Und ich habe nichts wirklich Beruhigendes, was ich ihrer Sorge entgegen zu setzen hätte. Dass meine Tagträume in diesen Tagen verrückterweise immer wieder ans wacholderduftende Steilufer von Gaspra, in die Parkanlagen von Livadia und in die geheimnisvolle Bucht von Balaklawa gegangen sind, wo wir im letzten und vorletzten Herbst mit guten Freunden einige wunderbare Tage verbracht haben, wird sie doch kaum trösten, auch wenn ich die Sehnsucht nach diesen schönen, eindrücklichen Orten körperlich zu spüren glaube…
